Supply-Chain-Probleme

»Wir müssen uns alle neu erfinden«

9. August 2022, 12:30 Uhr | Karin Zühlke
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Der Lieferketten-Problematik lässt sich auch etwas Positives abgewinnen: Mehr als zuvor denken Firmen über Innovationen bei den eigenen Prozessen oder in ihren Produkten nach. Bei der Markt&Technik-Diskussionsrunde »Supply Chain« kamen einige interessante Ansätze zur Sprache.

»Der Zwang zu Innovation ist definitiv da«, bestätigt Helge Puhlmann, European President von Yamaichi Electronics, wie auch andere Teilnehmer am runden Tisch. Carsten Ellermeier, CEO von Prettl Electronics, schildert, dass in der EMS-Branche Ingenieurkapazitäten für Redesigns gerade sehr gefragt sind: Schaltungen müssen umdesignt, Leiterbahnen versetzt und EMV-Probleme neu gelöst sowie Zulassungen neu eingeholt werden. »Es ist offensichtlich, dass durch diese Knappheit enorm viel Druck auf dem Kessel ist, Innovation voranzutreiben«, so Ellermeier.

Hermann Püthe, geschäftsführender Gesellschafter von inpotron, weist allerdings darauf hin, dass nicht alles, was derzeit aufgrund der Knappheit zwangsweise umdesignt wird, gleich als Innovation anzusehen ist. »Innovation soll ja bewirken, dass das System nachher besser wird. Nur wenn eine neue Technologie in Redesigns einfließt, ist das auch wirklich eine Innovation.« Seiner Ansicht nach werden Firmen in der EU nicht drum herumkommen, viel mehr zu automatisieren als bisher und damit manuelle Prozesse abzulösen: »Das sind Innovationen, die uns weiterbringen.«

Püthe
Hermann Püthe, inpotron: »Innovation soll ja bewirken, dass das System nachher besser wird. Nur wenn eine neue Technologie in Redesigns einfließt, ist das auch wirklich eine Innovation.«
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In der Runde werden auch Forderungen laut, mit Redesigns die Innovation aufzugreifen, kleinere Bauformen eindzudesignen und auch langfristig eine bessere Preisprognose zu haben.

Den von Püthe angesprochenen Trend zur Automatisierung sieht Ulf Timmermann, CEO von reichelt, am Kaufverhalten seiner Kunden schon seit einiger Zeit: »Bereits seit 2019 haben wir den Eindruck, dass der Bedarf an Automatisierungs-Tools steigt. Wir haben daher das Lager deutlich erhöht und das Produktportfolio etwa bei Roboterarmen und Ansteuerungen, Raspberry Pi und Arduino deutlich ausgeweitet.«

Hermann Reiter, Geschäftsführer Digi-Key Deutschland, macht außerdem darauf aufmerksam, dass nun auch »Innovationen« wie Energy Harvesting zum Tragen kommen, die zwar längst auf der Startrampe stehen, aber lange Zeit nicht so richtig gezündet haben.

Wird das einige Branchen disruptiv verändern? Davon sind die Teilnehmer der Runde mehrheitlich überzeugt, wie Hermann Püthe am Beispiel Automotive erklärt: »Auch die Zulieferer für Automotive, die Teile für Verbrennungsmotoren und Getriebe herstellen, werden wir dann nicht mehr so stark brauchen. Die werden sich wandeln müssen. Aber sie haben vorher clevere Produkte auf den Markt gebracht und werden das auch wieder schaffen.«

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Hermann Reiter, Digi-Key: »Wir alle werden sehen müssen, dass wir über die Digitalisierung unseren Platz finden; ich glaube aber, da sind wir sehr gut gerüstet.«
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Karsten Bier, CEO von Recom, sieht auch in den Preissteigerungen eine Chance für Innovation: »Wenn die Preise hochgehen, ist die Innovation gefragt. Wir haben sehr lange von günstigen Konstellationen im Ausland gelebt.« Das funktioniere eben nun nicht mehr in jeder Hinsicht. »Das ist sicher abstrakt, weil die Veränderungen so schnell kommen, aber es ist unsere Aufgabe als Innovatoren dafür zu sorgen, dass es funktioniert.« Er sieht in dieser Hinsicht – auch – die Politik in der Verantwortung. Sie müsse echte Innovation fördern und auch mal alte Zöpfe abschneiden und dürfe nicht realitätsfremd sein.

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Karsten Bier, Recom: »Wenn die Preise hoch gehen, ist die Innovation gefragt. Wir haben sehr lange von günstigen Konstellationen im Ausland gelebt.«
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Diese Sichtweise unterstützt auch Andreas Mangler, Director Strategic Marketing und Member of the Extendted Executive Board von Rutronik: Subvention an sich findet er wichtig, aber »es darf nicht passieren, dass man alte Dinge subventioniert, auch wenn wir von den Veränderungen selbst betroffen sind, weil wir sehen, dass Kunden ihr Geschäftsmodell verlieren aufgrund von disruptiven Veränderungen.« Um die Innovation im eigenen Haus zu fördern, hat Rutronik ein Design Center gegründet, um die Schnittstelle zwischen universitären Forschungaktivitäten und der Industrie zu bilden und damit diese Lücke zu schließen.  Dabei handelt es sich nach Auskunft von Mangler um ein multinationales Team aus Singapur, Litauen, Deutschland und weiteren Ländern. In dieser Konstellation entstehen laut Mangler auch Patente. »Drei Patente haben wir bereits anerkannt bekommen«, berichtet Mangler. Dabei werde auch das lokale Problem des Fachkräftemangels gelöst, weil man sich in einer Matrix weltweit vernetzt. Diese Vernetzung habe einerseits die Pandemie vorangetrieben, so Mangler. »Natürlich war auch der Druck ausschlaggebend: Wir müssen uns alle neu erfinden.«

Ducharme
Marie-Pierre Ducharme, Mouser: »Daher machen wir weiter wie bisher: Wir arbeiten intensiv mit Design-Ingenieuren und Startups zusammen. Sie sind schließlich als erste an neuen Projekten dran.«
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Helge Puhlmann stellt zudem fest, dass die europäischen Kunden einen Wechsel in der Supply Chain forcieren im Sinne einer europäischen Fertigung, dem Yamaichi als japanisches Unternehmen auch in großem Umfang entgegenkommt.
»Wer sich nicht mit disruptiven Themen auseinandersetzt, hat verloren«.

Karsten Bier beziffert das Wachstum aus neuen Produkten und Projekten auf 45 Prozent: »Das eine sind die Produktinnovationen, das zweite ist die Dienstleistung. Wir bieten Kunden in China chinesisch gefertigte Produkte, Kunden aus anderen Ländern bekommen Produkte aus dem Westen, wenn sie das möchten. Deshalb muss man sein Investment so aufstellen, dass es so innovativ ist, dass man beides bedienen kann.«

Eine große Rolle spielen nach den Worten von Bier auch die Tools, die gemeinsam mit den Distributionspartnern entwickelt werden. Als Beispiele nennt er die Themen Data Mining und KI. »Wenn man Globalisierung und Lokalisierung managen will, gibt es nicht nur das eine oder das andere. Da hängt alles zusammen. Wer das Thema Innovation nicht ganz oben auf der Agenda hat und bereit ist, sich mit disruptiven Themen auseinanderzusetzen, hat schnell verloren.« In der Stromversorgung sei das aber für Recom nicht neu, sondern Alltag, unterstreicht Bier.

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Helge Puhlmann Yamaichi: »Der Zwang zu Innovation ist definitiv da.«
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Das Thema Disruption steht auch in engem Zusammenhang mit der Digitalisierung. Davon jedenfalls ist Püthe überzeugt: »Wenn wir lernen wollen, was gute Digitalisierung ist, müssen wir bei Amazon nachschauen.« Nichtsdestotrotz seien einige Distributoren in dieser Hinsicht auch schon gut aufgestellt. »Und wer sich dem nicht stellt, wird hinten runter fallen«, sagt Püthe. Das gilt seinen Worten zufolge auch für die Stromversorgung: »Vernetzte Gebäude erfordern jede Menge Stromversorgungen, und da werden Daten und Informationen gefragt, um diese Daten auszuwerten.« Nach Ansicht von Püthe bedeutet es aber auch Innovation, dass man 20 Jahre das gleiche Produkt liefern kann. »Auch das ist Innovation, nämlich die Beständigkeit, nicht immer gleich alles neu machen zu müssen.«


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  2. "Innovation ist im Geschäftsmodell integriert"

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