Belieferung mit kritischen Bauelementen

Stimmungswechsel am Markt

25. Juli 2022, 10:09 Uhr | Engelbert Hopf
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© Keithley, Recom, TDK-Lambda, CompuMess

Noch sind die Auftragsbücher der Power-Spezialisten im deutschsprachigen Raum gut gefüllt, die Book-to-Bill liegt bei Werten zwischen 1 und 2, doch das, so das Ergebnis des jüngsten Roundtable der Markt&Technik zu Trends im Bereich Industrie-Stromversorgungen, könnte sich in naher Zukunft ändern.

»Für mich war die Book-to-Bill Ratio in der Vergangenheit kein relevanter Wert, da es unser Geschäftsmodell war, sofort ab Lager zu liefern«, beschreibt Bernhard Erdl, Gründer und Geschäftsführer der Puls-Gruppe, die Veränderung. »Als ich den Wert dann doch ermittelt habe, um zu überprüfen, wie weit wir in der Produktion hinterherhinken, lag er kumuliert über die letzten eineinhalb Jahre bei 1,4.« Seit Mitte Juni scheint sich das zu ändern, »mit einem Wert von 0,8 lagen wir seit Mitte Juni erstmals unter 1, vielleicht kündigt sich hier ein Abschwung an«.

Karsten Bier, CEO der Recom-Gruppe, rechnet für die zweite Jahreshälfte 2022 mit einer Abkühlung. Bei Recom lag die Book-to-Bill zuletzt bei 2, »aber ich empfinde eine Abkühlung als nicht so dramatisch; wenn sich die Book-to-Bill wieder einem Wert um 1 nähert, haben wir wenigstens die Chance, den Auftragsbestand abzuarbeiten«. Eine Prognose für das Jahr 2023 zu stellen wagt er allerdings nicht: »Wer heute einen Forecast für 2023 aufstellt, ist ein Zocker.«

Karsten Bier, Recom
Karsten Bier, Recom: »Wir werden eine Abkühlung zum Jahresende hin sehen, aber eine Book-to-Bill von 1 ist auch kein Problem, weil es dann deutlich einfacher wird, sie abzuarbeiten.«
© Markt&Technik
Erdl_Bernhard
Bernhard Erdl, Puls: »Die überraschenden, nicht angekündigten Lieferungen dringend benötigter Bauelemente könnten damit zu tun haben, dass die chinesische Elektronikindustrie deutlich runterfährt und weniger Bauteile benötigt.«
© Markt & Technik

Als den sieht sich Erdl nicht, »aber ich richte mich schon darauf ein, im nächsten Jahr eine negative Umsatzprozentzahl zu sehen. Ich glaube, die nächsten Monate haben wir noch Schubkraft, aber die ersten Warnzeichen sind am Horizont erkennbar«. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass sich in den letzten Wochen von Österreich bis zur Nordseeküste überraschende Lieferungen gehäuft haben. »Da stehen dann auf einmal unangekündigt Bauelemente auf dem Hof, auf die man seit Langem gewartet hat«, berichtet Hermann Püthe, Geschäftsführender Gesellschafter der inpotron Schaltnetzteile; »da gab es zuvor keine Kommunikation, sie waren einfach da«.

»In unserem Fall waren es Kleinspannungstransistoren«, erläutert Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement bei Block Transformatoren-Elektronik. »Auffällig dabei war, dass das Automotive-zertifizierte Bauteile waren, wir also offensichtlich von der Misere eines anderen profitiert haben.« Im Fall von Puls waren es MOSFETs. Eine Erklärung dafür könnte laut Erdl sein, »dass es zutrifft, was wir gehört haben, dass die chinesische Elektronikindustrie deutlich runterfährt und damit weniger Teile braucht«. Eine andere Erklärung wäre laut Bier, »dass die chinesische Elektronikindustrie total overstocked war und hier nun Anpassungen vorgenommen werden«.

Hermann Püthe, Inpotron
Hermann Püthe, inpotron-Schaltnetzteile: »Mangelwirtschaft trifft den aktuellen Zustand am besten. Wir haben keine Planungsmöglichkeiten mehr, weil wir ja zum Teil gar nicht mehr wissen, ob und wenn ja was wir an Bauteilen geliefert bekommen.«
© Juranitz - WEKA FACHMEDIEN
Heinemann_Kai
Kai Heinemann, Block Transformatoren-Elektronik: »Wir haben nach wie vor nicht den Eindruck, dass von Kundenseite auf Lager bestellt wird, das geht nach wie vor direkt in die Produktion, wird verbaut und geht weg.«
© WEKA-Fachmedien

Während sich also wohl auch unter dem Eindruck der ab Herbst drohenden Energiekrise im Hinblick auf die mögliche Einstellung der Versorgung mit russischem Erdgas die Konjunktur- und Investitionsaussichten im deutschsprachigen Raum eintrüben, hat sich die Bauteilliefersituation für die Stromversorgungsspezialisten bisher noch nicht wirklich entspannt. »Elkos und MLCCs sind inzwischen beherrschbar, weil planbar geworden«, berichtet Püthe; »die Lieferzeiten sind zwar lang, aber wir arbeiten hier mit zuverlässigen Partnern zusammen«. Anders sieht es dagegen bei den Halbleitern aus: »Bei Leistungshalbleitern kriegen wir dagegen keine Aussagen über Lieferzeiten mehr, es ist völlig unklar ob, und wann geliefert wird.«

Eine Erfahrung, die auch alle anderen Diskussionsteilnehmer nach wie vor machen. »Vor diesem Hintergrund haben wir bisher etwa 10 Prozent unseres Bedarfs über Broker gedeckt«, berichtet Püthe; »wir stimmen das mit den Kunden ab«. Vom angekündigten Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten spüren die Diskussionsteilnehmer noch nichts. »Wir sehen aktuell noch keine Entspannung, und wir rechnen erst ab Mitte 2023 damit, dass das Backlog in diesem Bereich abgebaut werden kann«, meint Ingo Christian, Sales Manager Germany bei TDK-Lambda. »Wenn etwa Infineon zusätzliche Fertigungskapazitäten aufbaut, dann dürfte das mit Sicherheit der Versorgung der Automotive-Industrie dienen, um dort den Mehrbedarf durch die Umstellung auf Elektrofahrzeuge zu bedienen.«

Dass sich das Backlog sehr schnell abbauen kann, darüber waren sich die Diskussionsteilnehmer auch einig. »Wenn es zu einem konjunkturellen Abschwung kommt und die Leute wie wild anfangen zu stornieren, dann ist das Backlog ganz schnell abgebaut.« – »Sollte es dazu kommen, kann ich mir gut vorstellen, dass wir bei den Lieferzeiten auch für kritische Bauelemente dann direkt von 50 Wochen Lieferzeit wieder auf 16 Wochen springen«, so Heinemann.

Mehr über die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und technischen Trends im Stromversorgungsbereich erfahren Sie im Trend Guide »Stromversorgung & Power Management«, der am 29. Juli erscheint. 


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