Deutsche Laborstromversorgungs-Branche

Bitte keine Lohn-Preis-Spirale!

26. Juli 2022, 13:39 Uhr | Engelbert Hopf
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Für die Elektronikentwicklung von essentieller Bedeutung: Laborstromversorgungen
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Steigende Lieferzeiten und Preise: Das gilt sowohl für die deutschen Hersteller von Laborstromversorgungen als auch für die Distributoren internationaler Hersteller. Mit einem Auftragseinbruch im Herbst rechnen die wenigsten.

Erwarten die Spezialisten für Laborstromversorgungen auf dem deutschen Markt eine Abkühlung der Konjunktur und einen Rückgang der Aufträge, wenn sich die Befürchtungen über ausbleibende Erdgaslieferungen aus Russland im Herbst bestätigen? Die Antwort auf diese Frage fällt als Teil einer aktuellen Branchenumfrage zum Teil sehr unterschiedlich aus. So ist sich Robert Kerl, Geschäftsführer der CompuMess Elektronik, sicher, »dass sich das Investitionsklima abkühlen wird«. Als Gründe dafür nennt er »die generellen Unsicherheiten und die unstrukturierte Innenpolitik, die eine weitere Belastung der Industrie, Wirtschaft und der Steuerzahler befürchten lassen«. Seine Einschätzung lautet deshalb: »Wir halten einen Rückgang der Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte für sehr wahrscheinlich.«

Anderer Meinung ist da Matthias Fischer, Team Leader Product Manager Programmable Power und FAE bei TDK-Lambda Germany. Er kann eine abkühlende Investitionsbereitschaft bislang nicht feststellen. Aber es gebe eine Reihe von Herausforderungen, vor denen man stehe: »Positiv stimmen mich die neuen Applikationen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien.« Janic Keim, Marketing & Human Resources Manager bei ET System Electronic, gibt an, «dass aus heutiger Sicht die Projektlage bei uns sehr stabil ist, und deshalb gehen wir davon aus, dass sich dies auch in der zweiten Jahreshälfte 2022 nichts ändern wird.«

»Wir sehen, dass alle Kundenprojekte trotz Störungen in den Lieferketten und langen Lieferzeiten trotzdem beibehalten werden«, gibt Wolfgang Horrig, Vertriebs- und Marketingleiter bei EA Elektro-Automatik, seine Einschätzung für die zweite Jahreshälfte zu Protokoll. Natürlich, meint er, »verzögern die genannten Punkte die Fertigstellung der Geräte, und die Preissteigerungen auf der Komponentenebene waren in der ersten Jahreshälfte 2022 doppelt so hoch wie im gesamten Jahr 2021!«

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Robert Kerl, CompuMess Elektronik: »Die erwartete Rezession ist aus unserer Sicht bereits da, aber die Firmen müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren, weiter in neue Produkte und Technologien investieren.«
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Oliver Walter, Camtec Power: »Wir gehen gestärkt in die zweite Jahreshälfte 2022. Die Auftragsbücher in Europa sind voll, jetzt müssen wir nur noch das Material bekommen, um liefern zu können.«
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Stefan Dehn, Geschäftsführer der Schulz Electronic, sieht sich mit herausfordernden Zeiten konfrontiert: »Die aktuellen Kursschwankungen machen den Zukauf von Komponenten aus den USA und der Schweiz derzeit nicht unbedingt attraktiv – und für den Kunden verlässlich kalkulierbar zu bleiben geht auch anders.« Er hofft, dass es gelingt, den hohen Auftragsbestand abzuarbeiten, und dass man wieder mehr und mehr Material innerhalb kürzerer Zeiten bekomme. »Herausfordernde Projekte in der Pipeline stimmen uns aber auch für die zweite Jahreshälfte 2022 optimistisch.«

Beim Blick in die Zukunft hängt für Oliver Walter, Geschäftsführer der Camtec Power, alles davon ab, »wie sich das Lohn-Preis-Niveau in naher Zukunft entwickelt. Kommt es zu einer Lohn-Preis-Spirale, besteht die Gefahr, die Kontrolle über die Inflation zu verlieren«. International würde das zu massiven Wettbewerbsnachteilen für deutsche und europäische Unternehmen führen. »Was die Wirtschaft im Augenblick nicht brauchen kann, ist eine Lohn-Preis-Spirale. Auf diese Weise würde sich die grundsätzliche positive und hoffnungsvolle Entwicklung der vergangenen neun Monate sehr schnell umkehren.«

Verhalten fallen die Antworten zu den Erwartungen für 2023 aus. »Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einschätzen«, meint etwa Keim, »dafür gibt es momentan noch zu viele Unwägbarkeiten wie die Materialsituation, die Pandemie und die Kriegssituation zwischen der Ukraine und Russland.« – »Eine Planung für das kommende Jahr zum jetzigen Zeitpunkt fällt sehr schwer«, gibt sich auch Kerl zurückhaltend. »Die Unsicherheiten etwa durch eine Ausweitung oder Verlängerung des Krieges in der Ukraine oder die Rückkehr einer schweren Covid-Krise verlangen da schon nach einer sehr großen Kristallkugel.«

»Wir haben aktuell nach wie vor die Verknappung von Rohstoffen, Komponenten und Logistikleistungen«, so Fischer; »diese großen Herausforderungen sehen wir sicher noch in 2023«. Dehn blickt positiv in das nächste Geschäftsjahr: »Wir gehen von einer Entspannung am Bauteilemarkt für Mitte 2023 aus, sodass sich die Liefersituation beruhigen wird. Des Weiteren bekommen wir im 1. Quartal nächsten Jahres tolle neue Produkte, die unser Portfolio nach unten abrunden, sodass wir in Zukunft noch passgenauere Lösungen für Batterie- und Bordnetzsimulation liefern können.«

Horrig erwartet 2023 eine weitere Zunahme der Innovationsdynamik in den Bereichen erneuerbare Energien, Energiespeichersysteme sowie der Elektromobilität zu Land, zur Luft und zur See. Er geht allerdings davon aus, dass sich die Verknappung im Halbleiterbereich angesichts der nur zögerlich wachsenden Produktionskapazitäten »bis in das Jahr 2024 hineinstrecken werden«. Für Walter hängt sowohl die Entwicklung 2022 als auch 2023 mit entscheidend davon ab, wie die Null-Covid-Strategie in China weiter umgesetzt wird. »Kaum eine Branche ist in ihrer Natur derart abhängig von der Weltfabrik China wie die Elektronikbranche.«

Ist damit zu rechnen, dass sich beim Thema Lieferzeiten in den nächsten Wochen und Monaten etwas verändern wird? »Von einer Normalisierung sind wir noch weit entfernt«, versichert Kerl, »sie sind bei vielen Herstellern eher noch gestiegen und liegen in dem für uns relevanten Markt heute bei 20 bis 40 Wochen«. Und auch bei den Preisen sieht Kerl noch keine Entspannung: »Wir haben Hersteller, die seit Mitte des vergangenen Jahres ihre Preise fünf Mal angehoben haben um zum 1. Juli die Preise erneut angehoben haben.«

»Für uns stellt sich die Situation nicht anders dar als zum Jahresende 2021«, so Fischer. »Zur Verknappung von Rohstoffen, Komponenten und Logistikdienstleistungen sind inzwischen aber zusätzlich noch die explodierenden Energiekosten hinzugekommen.« All diese Faktoren könne man durch interne Rationalisierungs- und Synergieanstrengungen leider nicht abfedern, »wir mussten maßvolle Kostenanpassungen vornehmen«.

»Bei Endgeräten in der Mess- und Regeltechnik oder Leistungselektronik gibt es inzwischen Lieferzeiten von nicht selten bis zu 40 Wochen«, so Horrig; »insgesamt sorgen die steigenden Preise für Komponenten und Energie sowie die allgemeine Inflation dafür, dass manche Gerätehersteller schon fast monatlich ihre Preise nach oben korrigieren«. Er geht deshalb davon aus, »dass wir bei Endgeräten im Jahr 2023 gegenüber 2022 auch Preissteigerungen von 10 Prozent und mehr am Markt sehen werden«.


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