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Halbleiterfertigung

Masterplan gefordert

VDE Mikrosystemtechnik-Kongress 2022 Plenum
VDE-Präsident Prof. Dr. Armin Schnettler begrüßt die Teilnehmer des VDE/GMM Mikrosystemtechnik-Kongresses 2022.
© Joachim Kroll | WEKA Fachmedien

Die EU hat im weltweiten Konzert der Mikroelektronikhersteller nur noch einen Umsatzanteil von sieben Prozent. Auf dem Mikrosystemtechnik-Kongress vom 9. bis 11. November 2021 in Ludwigsburg veröffentlichte der VDE ein Positionspapier mit Maßnahmen, um dem negativen Trend gegenzusteuern.

Rund 500 Teilnehmer trafen sich zum Mikrosystemtechnik-Kongress in Ludwigsburg. Das Programm aus 79 Vorträgen und 127 Poster-Pitches zeigte die lebendige Innovationslandschaft der Mikroelektronik, Mikrosystem- und Feinwerktechnik. Universitäre und universitätsnahe Forschungseinrichtungen sowie Sponsoren aus der Industrie präsentierten ihre Projekte in einer Ausstellung.

Mit 50 Prozent Wertschöpfungsanteil ist Deutschland der dominierende Industriestandort im Bereich der Mikroelektronik innerhalb der EU. Im Bereich der Leistungselektronik und der Sensorik nimmt Deutschland sogar einen Spitzenplatz im weltweiten Wettbewerb ein. Bei Halbleiterspeichern und Logik-Bausteinen hat die EU jedoch den Anschluss verloren. Das führt zu einer zunehmenden Abhängigkeit von amerikanischen und asiatischen Halbleiterherstellern, wie die aktuelle Lieferkrise bei den Chips zeigt. Die Chiplieferanten priorisieren bei der Zuteilung von Liefermengen die stückzahl- und umsatzträchtigen Consumer-Branchen wie Smartphones und PCs/Notebooks. Die europäische Industrie erbringt ihre Wertschöpfung überwiegend mit hochwertigen Investitionsgütern (Maschinenbau, Medizingeräte, Fahrzeuge…). Wegen der kleineren Stückzahlen geraten die Hersteller hier ins Hintertreffen.

Relevante Anbieter

Halbleiterfertigung in der EU auf dem Rückzug

Trotz Förderprogrammen ist der Umsatzanteil der europäischen Hersteller am weltweiten Chipmarkt auf 7 % gesunken. In seinem jüngst veröffentlichten Positionspapier „Hidden Electronics III“ fordert der VDE dazu auf, die gegenwärtigen Förderinstrumente und -maßnahmen für Mikroelektronik auf Effizienz und Effektivität zu prüfen. Weitere Forderungen der Autoren sind:

  • Erhöhung der Attraktivität von Standortansiedelungen (z.B. hinsichtlich Betriebskosten und Besteuerung, Förderung bis hin zur Serienfertigung)
  • Stärkung von Firmen und Start-ups, Schaffung von Cluster-Strukturen
  • Förderung der universitären und außeruniversitären Forschung
  • Förderung der Ausbildung in Schule und Universität
  • Informationskampagnen zur Sichtbarmachung der Bedeutung der Mikroelektronik

Prof. Dr. Christoph Kutter, Präsidiumsmitglied des VDE sieht die Mikroelektronik an einem Wendepunkt: „Die Chipkrise hat uns unsere starke Abhängigkeit verdeutlicht, gleichzeitig geraten Halbleiterprodukte in den Strudel geopolitischer Rivalitäten.“ Im Bereich der Advanced CMOS-Logik hat in den letzten Jahren eine Konsolidierung auf nur noch drei Hersteller weltweit stattgefunden: Intel, Samsung und TSMC. Die neuen Fabriken von Bosch in Dresden und von Infineon in Villach sind im Vergleich zu den zahlreichen neuen Fertigungsstätten in Asien eine seltene Ausnahme für Europa. Angesichts der Kapitalintensität neuer Fabriken auf den kleinsten Prozessknoten wäre es aber realitätsfern, die fortschrittlichsten Herstellungsprozesse in Europa etablieren zu wollen. Das sieht auch Prof. Kutter so: „Autarkie ist nicht möglich und sie anzustreben wäre grundfalsch. Aber wir müssen im Markt substanziell mitspielen und zu einem relevanten Player werden.“ Eine sinnvolle gegenseitige Abhängigkeit hält Kutter für unproblematisch.

USA und Asien fördern Fabs mit Milliarden

VDE-Präsident Prof. Dr. Armin Schnettler macht den internationalen Vergleich: „Die USA fördern die Mikroelektronik in den nächsten Jahren mit 50 Milliarden US-Dollar. China will bis 2025 70 % seiner verbauten Halbleiter selbst herstellen und investiert in einer ähnlichen Größenordnung. Wir wollen aber nicht einfach nur mehr Geld.“ Angesichts der schon länger bestehenden Strategie „Made in China 2025“ mahnt Schnettler auch für Europa einen längerfristig angelegten Masterplan für die Mikroelektronik an. „Da reicht der Horizont einer vierjährigen Legislaturperiode nicht aus.“

Das VDE-Positionspapier „Hidden Electronics III“ zählt auf, was in den Bereichen Sensorik, Processing/SoC, Leistungshalbleiter und Kommunikation zu tun ist. Insbesondere wird der Erhalt und Ausbau der europäischen Halbleiterfertigungskapazitäten gefordert. Auf genauere Nachfrage hin, welchen Förderbedarf der VDE sieht, wurde deutlich, dass durchaus Forderungen „im zweistelligen Milliardenbereich“ im Raum stehen und dass man sich bei den Fördersummen in der Größenordnung der Regionen Asien und Amerika bewegen müsse.

Problematisch an der Situation der Halbleiterindustrie ist, dass man angesichts von nur drei Playern an der fordersten Technologiefront nicht von einem freien Markt sprechen kann. Die amerikanischen Sanktionen rund um Hawei haben gezeigt, dass Halbleiterkomponenten auch als Waffen im Kräftespiel der Nationen eingesetzt werden. Es wird sich zeigen, wie weit die neue Bundesregierung hier bereit ist, „aufzurüsten“.


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VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V., GMM - VDE/VDI-Gesellschaft Mikroelektronik, TSMC Europe B.V.