Embedded-Systeme

Industriemarkt boomt, Consumer-Geschäft verhalten

19. September 2022, 15:00 Uhr | Heinz Arnold
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Auf dem Markt für Embedded-Systeme zeichnen sich derzeit widersprüchliche Tendenzen ab. Knappe Energie, stark steigende Preise und hohe Inflationsraten lassen bereits Rezessionsängste aufsteigen.

Die Verbraucher müssen sparen; unnötige Anschaffungen fallen erst einmal aus. Auch die Unternehmen halten sich dabei zurück, in Dinge zu investieren, die nicht unbedingt erforderlich sind. Das schlägt bereits auf den Konsumgüter-Markt durch, ist aber auch schon auf dem Commercial-IT-Markt angekommen. »Es ist deutlich zu spüren, dass die Angst umgeht. Wir erhalten bereits Stornierungen, Projekte werden nach hinten verschoben, viele wollen erst einmal abwarten, was passiert«, sagt Stefanie Kölbl, Director sowie Head of Obsolescence Management & Component Engineering von TQ Embedded. Wirkt sich das bereits auf den Umsatz aus? »Bisher glücklicherweise nicht, denn wir – und viele andere ebenfalls – müssen erst einmal den Auftragsbestand abarbeiten, der sich über die vergangenen zwei Jahre aufgebaut hat.«

Peter Hoser, Leiter Entwicklung Motherboards von Kontron, sieht es ähnlich: »Zurückhaltung beobachten wir eher im kommerziellen Sektor und im Retail-Geschäft, beispielsweise Digital Signage. Im Industriegeschäft mit langfristig geplanten Investitionen dagegen sieht es anders aus, deshalb schlägt die Zurückhaltung bisher noch nicht auf die aktuelle Umsatzentwicklung durch.«

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Peter Hoser, Kontron: »Über eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Chip-Supply-Krise bieten Broker noch immer umfangreiche Mengen an Bauteilen mit aktuellen Datecodes an. Leider sind die Hersteller nicht fähig, diese offensichtlichen Leckagen zu stopfen!«
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Teilweise ist sogar die gegenteilige Entwicklung spürbar: Die Kunden verschieben Projekte nicht nach hinten, sondern ziehen sie vor. »Und das, obwohl sie in der Planung und im Forecast konservativer werden«, wie Marco Krause, Leitung Region CEE & Global Key Accounts von ADLink, sagt. Das klingt zunächst widersprüchlich, erklärt sich aber aus der in vielen Sektoren immer noch anhaltenden Knappheit an Bauelementen und deren langen Lieferzeiten. »Die Kunden gehen nach Redesigns sowie Redesigns der Redesigns und immer noch langen Lieferzeiten von über 50 Wochen sowie hoher Preise häufig dazu über, jetzt gleich die nächste Produktgeneration zu entwickeln«, beobachtet Krause. Für ADLink, die relativ wenig am Konsumgüter-Markt aktiv ist und die Schwerpunkte in den Sektoren Industrie, Transport und Medizintechnik setzt, läuft das Geschäft deshalb laut Krause auf Hochtouren weiter. »Wir arbeiten unseren Auftragsbestand ab und sind bis weit ins kommende Jahr vollkommen ausgelastet.«

Immer noch müsse täglich viel Zeit und Energie aufgewendet werden, um die knappen Bauteile zu beschaffen bzw. nach Alternativen zu suchen und Redesigns durchzuführen. »Wenn die Kunden an älteren Designs festhalten wollen, dann fahren wir langfristige Bevorratungsstrategien. Andere setze auf ein Neu-Design. Das muss von Fall zu Fall unter den jeweiligen Bedingungen entschieden werden«, sagt Geschäftsführer Andreas Widder. Insgesamt sei der Auftragsbestand auch bei Aries sehr gut: »Eine Winter-Rezession sehen wir aktuell nicht.« Klaus Rottmayr, Geschäftsführer von Spectra, geht sogar von weiter wachsenden Geschäften in vielen Anwendungsgebieten für Embedded-Systeme aus: »Systeme, die beispielsweise zu Energieeinsparungen beitragen, sind gefragter denn je. Wir erleben eine weiterhin gute Nachfragesituation, die sich bei uns in einem erfreulichen Auftragseingang auch für Rahmenaufträge mit einer Laufzeit von über einem Jahr darstellt.«

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Stefanie Kölbl, TQ Embedded: »Die Wettbewerbssituation könnte sich künftig durchaus etwas beleben!«
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Doch ist nicht überall zu hören, dass die Lieferzeiten sich entspannen und die Preise sinken? Zwar mag das in einigen Marktsektoren stimmen – so sind die Preise für Speicher-ICs über die letzten Monate rapide gefallen –, doch ist dies längst nicht in allen Sektoren der Fall; insbesondere trifft es auf viele Komponenten nicht zu, auf die die Hersteller von Embedded-Systemen angewiesen sind. Knapp sind nach wie vor Controller und FPGAs, »insbesondere von Herstellern, die in großen Foundries fertigen lassen«, wie Stefanie Kölbl erklärt. Es gilt aber auch für analoge ICs generell und besonders für PMICs und Stromversorgungs-ICs.

Und nicht zu vergessen die passiven Komponenten, für die es teilweise besonders schwierig ist, Alternativen zu finden. So können teure Boards nicht fertiggestellt werden, nur weil Kondensatoren fehlen, die wenige Cents kosten. Daran ändert auch nichts, dass die großen IC-Hersteller riesige Investitionen tätigen, um ihre Kapazitäten auszubauen. Denn sie fokussieren sich auf die komplexen und hohe Margen versprechenden Chips. »Die können aber nicht verbaut werden, wenn die Cent-Artikel nicht lieferbar sind«, so Peter Hoser. Und alle wissen außerdem: Erst um die Jahre 2024/25 werden die neuen Fab-Kapazitäten den Markt erreichen und einen merklichen Effekt auf die Situation nehmen können.


  1. Industriemarkt boomt, Consumer-Geschäft verhalten
  2. Sehr wichtig ist die gute Kommunikation aller Beteiligten

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