Die Zukunft der Automobilentwicklung

SDV: Was BMWs jüngste Software-Investition verrät

4. März 2026, 9:00 Uhr | Andreas Lifvendahl, CEO von Percepio AB / ak
© Rosi/stock.adobe.com

Der Trend zum Software-Defined Vehicle (SDV) verändert die Automobilentwicklung grundlegend. Ganz besonders geht es darum, die wachsende Komplexität der Fahrzeugarchitekturen und Entwicklungsprozesse beherrschbar zu halten. BMW etwa hat eine Investition getätigt, die zeigt, wohin die Reise geht.

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Die Automobilindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel – vergleichbar mit dem Wechsel vom Vergaser zur elektronischen Einspritzung oder von mechanischer Lenkung zu Drive-by-Wire. Die zunehmende Bedeutung des SDV verändert Geschäftsmodelle, Entwicklungsprozesse und Lieferketten der OEMs in bislang kaum vorstellbarem Tempo.

Vor diesem Hintergrund investieren selbst Premiumhersteller wie BMW – Unternehmen mit ausgeprägter interner Entwicklungskompetenz und jahrzehntelanger Softwareerfahrung – gezielt in moderne Entwicklungstools, um die wachsende Komplexität heutiger Fahrzeugarchitekturen beherrschbar zu halten. Die jüngste Entscheidung von BMW für die Runtime-Observability-Technologie von Percepio geht über eine rein punktuelle Toolauswahl hinaus. Sie steht exemplarisch für einen branchenweiten Trend.

Einen hilfreichen Kontext liefert der Automotive Software Development Report von VDC Research, veröffentlicht Ende 2025. Der Bericht beschreibt das Zusammenwirken mehrerer Triebkräfte: den wachsenden Softwareanteil, die zunehmende Systemkomplexität, verschärfte regulatorische Anforderungen sowie die wachsende Bedeutung von Cybersicherheit. In ihrer Gesamtheit bringen diese Faktoren klassische Debugging-, Test- und Validierungsansätze zunehmend an ihre Grenzen.

Komplexität als zentraler Engpass

Die VDC-Analyse zeigt, dass Entwicklungsingenieure system- und anwendungsseitige Komplexität als Hauptursache für Projektverzögerungen sehen. Angesichts der zunehmenden Integration von Sensorik, Connectivity, Domänencontrollern und KI-Funktionen ist dies wenig überraschend. Neu ist jedoch, wie sich diese Komplexität heutzutage manifestiert.

Probleme entstehen längst nicht mehr nur durch isolierte Timing-Fehler in einzelnen Steuergeräten. Sie treten zwischen Prozessorkernen auf, über Domänengrenzen hinweg, zwischen Middleware- und Applikationsebenen sowie an den Schnittstellen sicherheitskritischer und nicht sicherheitskritischer Subsysteme.

Alle Ansichten in Tracealyzer sind zeitsynchronisiert – einfach ein Ereignis markieren, und das Systemverhalten wird sofort sichtbar.
Alle Ansichten in Tracealyzer sind zeitsynchronisiert – einfach ein Ereignis markieren, und das Systemverhalten wird sofort sichtbar.
© Percepio

Der VDC-Bericht ordnet diese Entwicklung als zentrale Herausforderung für SDV-Programme ein. Sie wirkt sich unmittelbar auf Integrationsaufwand, Testzyklen, Debugging-Effizienz und die Wiederverwendbarkeit von Software aus. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Entwickler, die das Laufzeitverhalten ihrer Software zunehmend im Gesamtsystem erfassen müssen.

Genau an dieser Schnittstelle zwischen wachsender Komplexität und fehlender Transparenz wird die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen BMW und Percepio deutlich. Observability ist längst kein »Nice-to-have« mehr, sondern eine strukturelle Voraussetzung für moderne SDV-Architekturen.

Eine neue Grundlage für die SDV-Entwicklung

Der VDC-Report behandelt ein breites Spektrum moderner Automobiltechnologien – von Virtualisierung über modellbasierte Entwicklung bis hin zu Anforderungsmanagement. Die Botschaft ist klar: Softwareentwicklung muss mit den Fahrzeugarchitekturen Schritt halten.

OEMs überdenken daher grundlegend, wie Software entworfen, getestet, validiert, implementiert und im Feld betrieben wird. Gefragt sind Tools, die nicht nur Fehler sichtbar machen, sondern auch deren Analyse deutlich vereinfachen, sowie Tools, die Laufzeitphänomene erfassen, sich nicht ohne Weiteres reproduzieren lassen und eine einheitliche Entwicklungsbasis über interne Teams und externe Zulieferer hinweg schaffen.

Lifvendahl Andreas von Percepio
Andreas Lifvendahl ist CEO von Percepio AB, einem Softwareunternehmen mit Fokus auf Observability für Edge- und Embedded-Systeme. Er besitzt einen Masterabschluss in Technischer Physik und war zuvor in verschiedenen Führungspositionen der schwedischen Softwarebranche tätig. Unter anderem leitete er von 2016 bis 2023 das Videoanalyseunternehmen Imint Vidhance und war globaler Vertriebs- und Marketingmanager bei IAR Systems. Lifvendahl engagiert sich außerdem als Vorstandsmitglied mehrerer Technologieunternehmen und unterstützt Start-ups im Uppsala Innovation Center. 2023 verlieh ihm die Universität Uppsala den Preis für Innovation und Unternehmertum.
© Percepio

Ausblick

Mit zunehmender Reife des SDV wächst der Bedarf an umfassendem Laufzeitverständnis. Zentralisierte Rechnerarchitekturen verstärken domänenübergreifende Wechselwirkungen, ADAS- und automatisierte Fahrfunktionen erfordern deterministisches Zeitverhalten unter Last, OTA-Updates erhöhen Anforderungen an Validierung und Absicherung, und Cybersecurity-Frameworks verlangen verifizierbare Nachweise des Systemverhaltens zur Einhaltung regulatorischer Vorgaben.

Der VDC-Bericht macht deutlich: Der Übergang zum SDV bedeutet nicht nur mehr Software, sondern vor allem präzise kontrollierbare Software. BMWs jüngste Investition zeigt, wie führende OEMs reagieren – durch den Ausbau ihrer Toolchains, die Stärkung von Observability-Fähigkeiten und den Aufbau von Entwicklungsumgebungen, die den Anforderungen zukünftiger Fahrzeuggenerationen gerecht werden.

Observability entwickelt sich zu einem entscheidenden Bestandteil moderner automobiler Softwareentwicklung, vergleichbar mit statischer Analyse, Testframeworks und Simulationstools. Sie ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein zentraler Baustein der SDV-Entwicklung – ein Weg, den OEMs wie BMW bereits aktiv gehen.

Percepio auf der embedded world 2026: Halle 4, Stand 238


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