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Die Lieferkette diskutiert

Ist Verknappung die neue Normalität?


Fortsetzung des Artikels von Teil 2

»Automatismen sind auch eine große Gefahr«

Das bestätigt Alfred Lipp, Vertriebsleiter von Bürklin. Der ursprüngliche Katalog-Distributor ist seit zwei Jahren auch ins Volumengeschäft involviert. »Wir sind in den Verhandlungen mit Einkäufern mit teils irrationalen Planungswünschen konfrontiert worden. Wären wir dem 1:1 gefolgt und hätten wir diese beim Hersteller so ausgelöst, wäre das fatal gewesen.«  

Das Problem von Verknappungen in Folge von spontanen Bedarfen lösen aber auch die diskutierten Automatismen derzeit nicht. Kann der eTailer – sprich die ursprüngliche Kleinmengen-Distribution – diese Versorgungslücke schließen? Nur bedingt. »Wir haben die Breite im Produktspektrum, um mit Ware für eine Stunde Produktion auszuhelfen«, sagt Martina Drimala, Supplier Marketing von Mouser. »Auch die größeren Produzenten wollen jetzt bei uns mehr einkaufen, aber das ist gar nicht in unserem Interesse, denn wir wollen den Markt der kleinen Bedarfe jederzeit und voll bedienen können.«

Markt&Technik
Die “Lieferkette” beim Pausenplausch.
© Markt&Technik

Würden die Kleinmengen-Distributoren in Verknappungszeiten die Ware nur noch an Großproduzenten liefern, würden sie ihr ursprüngliches erfolgreiches Kerngeschäft vernachlässigen; auch wenn einige eTailer/Online-Distributoren wie Digi-Key das Produktionsgeschäft mit mittleren Volumina inzwischen in ihr Geschäftsmodelln inkludiert haben. »Wir haben derzeit viele Kunden am Telefon, die bei uns kurzfristig Rollen kaufen wollen. Aber wir müssen unterscheiden zwischen Verknappung und dem Standardgeschäft«, ergänzt Hermann Reiter. 

Mehr Kostendruck, mehr Bedarfe, mehr Flexibilität – wie können Distributoren und Bauteile-Hersteller in Zukunft wissen, welche Forderungen auf sie zukommen? »Früher war Distribution reine Verteilung. Heute werden alle Kennzahlen viel intensiver beäugt als in der Vergangenheit«, entgegnet Günther Schneider, Vertrieb von WDI. Aber trotz vielfältiger Kennzahlen scheint sich der gordische Knoten in der Lieferkette nicht zu lösen. »Jeder schiebt den Schwarzen Peter in der Kette weiter. Wir müssen uns fragen, wie wir uns annähern können, gegebenenfalls auch ohne überschaubare Forecastzahlen.« 

Die neueren Player haben das Paradigma „Alles ist möglich“

Die Lieferkette ist inzwischen viel fragmentierter als noch vor zehn Jahren. Immer mehr OEMs lagern ihre Produktion an Dienstleister aus. Gleichzeitig gibt es zahlreiche neue Player und Kunden in der Lieferkette. »Viele dieser Kunden enablen wir, etwa Start-ups im IoT Umfeld«, stellt Jan Pape fest. Dass die Produkt-Lieferkette diesem ”Enablen” nachziehen muss, liegt auf der Hand.

»Wir versuchen hier, ein Paradigma zu lösen, aber wir müssen versuchen, mehrere Paradigmen zu lösen«, meint Ralph Bühler, Chief Sales Officer von Premier Farnell. »Die klassische Economy fertigt beständig dasselbe im Prinzip mit hohen Stückzahlen. Gleichzeitig gibt es die neue, andere Economy, die morgen 3 Stück, übermorgen 50 Stück und 5000 Stück im darauffolgenden Monat produziert. Das sind unterschiedliche Ansätze, die man nicht in einem Lösungsmuster lösen kann. Der alte Apparat weiß damit umzugehen, dass verzahnte Lieferketten vorhanden sind. Das andere Paradigma kennt das nicht. Da ist eine Geschäftsidee, und die will morgen gelöst sein, denn übermorgen könnte schon das Geld zu Ende sein. Und damit kann nur ein Teil unseres bestehenden Systems umgehen.«

Wird es also künftig zwei Paradgimen bzw. eine “alte” und eine “neue” Welt in der Lieferkette geben? Ralph Bühler fasst die Antwort so zusammen: »Wir leben alle zunehmend mit der digitalen Einkaufserfahrung “alles ist zu jeder Zeit verfügbar. Der Trend geht immer mehr zu ultimativer Flexibilität«. Damit wird sich das Paradigma auf der Einkaufsseite auch im klassischen Volumengeschäft etablierter Industriezweige immer schneller in diese – neue - Richtung wenden. Braucht die Distribution also neue Geschäftsmodelle um den neuen Anforderungen des Marktes gerecht zu werden? Mehr dazu lesen Sie im Teil 5 des Forums, das in der Markt& Technik im „Quarterly Distribution & Dienstleistung“ im Juli erscheint.


  1. Ist Verknappung die neue Normalität?
  2. Losgröße 1 braucht Planung
  3. »Automatismen sind auch eine große Gefahr«
  4. »Bei uns als Halbleiterhersteller hört die Flexibilität irgendwann auf!«

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