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Die Lieferkette diskutiert

Ist Verknappung die neue Normalität?


Fortsetzung des Artikels von Teil 3

»Bei uns als Halbleiterhersteller hört die Flexibilität irgendwann auf!«

Wer sich mit Elektronik beschäftigt, weiß, dass die Fertigung von Bauteilen nicht von „heute auf morgen“ zu bewerkstelligen ist. Kunden, für die Elektronik ein neues Terrain ist, fehlt dafür oft das Verständnis. »Wenn man von jedem mehr Flexibilität erwartet, ist das schön und gut, aber bei uns als Halbleiter-Hersteller hört die Flexibilität irgendwann auf«, betont Frank Wolinski, Distribution and Demand Creation Director Regiona EMEA von ST Microelectronics. Auch Fertigungs-Kapazitäten aufzubauen, funktioniere nicht von heute auf morgen, so Wolinski. »Wenn der Kunde mich fragt, was er tun muss, damit wir das Band schneller laufen lassen, dann sind wir beim entscheidenden Problem angekommen: Neuen Kunde, die noch nichts mit Elektronik zu tun hatten, fehlt leider oft das Verständnis für die Halbleiter-Fertigung«. Für die Kunden ist es immer selbstverständlich, dass sie ihre Waren innerhalb weniger Tage bekommen, aber die Fertigung eines Halbleiters dauert zwischen 10 und 14 Wochen. »Wir sind heute weit davon entfernt, dass das jeder Kunde weiß«, sagt Wolinski.

Das Problem der Halbleiterindustrie ist nach Ansicht von Joachim Kaiser, Vertriebsleiter von Glyn, aber noch ein anderes: »Früher gab es 1000 oder 2000 Artikel, und heute gibt es von allem zig Tausend Derivate, weil jeder Kunde seine Extrawurst möchte. Die Anzahl der Bauteile, bei denen jeweils nur ein Kunde dahintersteht liegt heute bei 60 bis 70 Prozent im Halbleiterbereich.«

Laut Lutz van Remmen, Sales Director Distribution Zentraleuropa und Osteuropa von NXP, ist die Produktvielfalt der Halbleiterei aber durchaus adäquat zu managen: »Wir sind einer der Hersteller mit den „1000 Derivaten“, aber das heißt nicht, dass jedes Derivat für uns eine einzelne Challenge in der Fertigung darstellt. Man kann Prozesse so aufsetzen, dass nicht die gesamte physikalische Durchlaufzeit für jedes Derivat erforderlich ist, und das praktiziert die Halbleiterindustrie auch entsprechend. Die Fab-Auslastung ist ein großer Kostenfaktor. Dementsprechend wird hier sehr darauf geachtet.« Innerhalb der Auslastung sei aber ein gewisser Spielraum gegeben, beispielsweise durch Wafer-Banks. 

Analogwissen?  Fehlanzeige!

Karsten Bier, CEO von Recom Power, bringt noch ein anderes Problem in die Diskussion ein: »Man merkt, dass das Wissen um die Stromversorgung bzw. um die Analogtechnik immer weniger wird. Durch die schnellen technologischen Veränderungen sind die Zyklen kürzer, aber es ist schwierig, die Personal-Ressourcen nachzuziehen. Ein Analogtechniker in meinem Bereich muss mindestens 15 Jahre Erfahrung mitbringen.« Und diese Expertise ist heiß begehrt bzw. immer weniger verfügbar, weil Analogtechnik an Universitäten bei den klassischen Elektronik-Entwicklungsstudiengängen viel zu selten gelehrt wird. Bier: »Trotzdem verändert sich das Verhalten nicht, jeder Kunde möchte sein Produkt in sechs bis acht Wochen haben.« Recom hat 35.000 verschiedene Produkte im Portfolio. Davon sind laut Bier dreieinhalbtausend Produkte Highrunner. Will ein Kunden 50 oder 100 Stück von einer Stromversorgung, die nicht zu den Highrunnern zählt, bedeutet das natürlich eine gewisse Herausforderung – und längere Lieferzeiten.


  1. Ist Verknappung die neue Normalität?
  2. Losgröße 1 braucht Planung
  3. »Automatismen sind auch eine große Gefahr«
  4. »Bei uns als Halbleiterhersteller hört die Flexibilität irgendwann auf!«

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