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Die Lieferkette diskutiert

Ist Verknappung die neue Normalität?


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Losgröße 1 braucht Planung

Hinzu kommen neue Paradigmen wie die Losgröße 1 und maximale Flexibilität, wie am Beispiel der Automobilindustrie diskutiert. All dies zielt zumindest in der Theorie darauf ab, möglichst ohne Forecast zu produzieren. Wie passt so ein Modell in die heutige Elektronik-Lieferkette? »Losgröße 1 braucht sehr wohl Planung«, entgegnet Velmeden und springt auch für die Distributoren in die Bresche: »Wie soll ein Distributor agieren und mit seinen Herstellern adäquat verhandeln, wenn wir ihm nicht sagen, was wir brauchen? Wir müssen ehrlich planen! Wenn die neuen IoT-Kunden davon ausgehen, dass das alles von heute auf morgen geht, dann ist das Chaos in der Lieferkette vorprogrammiert.«

Das Problem liegt nach Ansicht einiger Forumsteilnehmer auch darin, dass die Volumendistribution vom Geschäftsmodell zum einen nicht darauf ausgelegt ist, unvorhersehbare spontane große Mengenbedarfe decken zu können oder zum anderen ihre Lager deutlich reduziert hat. Auch wenn große Distributoren wie EBV immer noch immense Lagerwerte von mehreren hundert Millionen Euro bevorratet haben, wie Bernd Pfeil unterstreicht: »Der Bedarfssprung macht auch uns das Lebens schwer, aber der Darstellung, dass die Volumendistribution keine Lager mehr hat, möchte ich ausdrücklich widersprechen.«

Markt&Technik
Karin Zühlke, Ltd. Redakteurin der Markt&Technik leitet die rege Diskussion.
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Dennoch ist bei vielen Distributoren die gelagerte Ware nicht frei für den “spontenen” Bedarf verfügbar, sondern für bestimmte Kunden und deren Forecasts reserviert. Auch zählt es nach den Worten von Klaus Hagenacker, Geschäftsführer Marketing von MSC, zu den Errungenschaften moderner Logistikkonzepte, dass die Distributoren ihre Lager flacher halten können als früher und dedizierter geplant werden kann. »Die Kette ist deutlich kürzer geworden. Heute arbeiten wir mit Methoden wie Ship-to-Line, und es wird automatisch früher ein Mechanismus angestoßen, dass mehr produziert oder nachgearbeitet wird.«

Die Automatismen, die bedingt durch die Möglichkeiten der Digitalisierung mehr und mehr Einzug in die Lieferkette halten, sind nach Ansicht von Karsten Bier, CEO von Recom, aber auch eine große Gefahr. »Geben wir als Hersteller neue Lieferzeiten in die Preisliste ein, dann greift der Algorithmus des Distributors und die Lieferzeit beim Distributor geht hoch.« Darauf wiederum reagieren die  Systeme der Kunden und bestellen automatisch. Schließlich hinterfragen Automatismen nicht, was sie tun. Hier gilt es, menschliche Ratio hinzuzuziehen: »Wenn wir die Lieferzeiten bei uns eingeben, sind unsere Systeme so ausgerichtet, dass sie auf Basis von Algorithmen bestellen. Damit hätten wir den von Herrn Bier beschriebenen Effekt. Aber um das zu vermeiden, versuchen wir das natürlich mit dem Kunden zu synchronisieren, wenn sich das aus dem üblichen Rahmen löst. Wir stellen aber schon auch fest, dass die Kunden keine Lagerbestände haben möchten«, erklärt Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics. Die direkte Abstimmung mit dem Kunden ist für einen Elektronikdienstleister flankierend zu Automatismen immer noch ein sehr wichtiger Faktor, um Verknappungen, aber auch Überbestellungen beim Distributor zu vermeiden. »Teils werden wir mit obskuren Forecasts konfrontiert«, gibt Velmeden zu bedenken.


  1. Ist Verknappung die neue Normalität?
  2. Losgröße 1 braucht Planung
  3. »Automatismen sind auch eine große Gefahr«
  4. »Bei uns als Halbleiterhersteller hört die Flexibilität irgendwann auf!«

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