Markt&Technik Roundtable MINT-Nachwuchs

»Einfach gehofft, dass der Spaß irgendwann kommt«

27. Juli 2022, 9:34 Uhr | Corinne Schindlbeck
MINT
Was tun gegen den Fachkräftemangel der Branche? Das diskutierten Experten auf einem MINT-Forum der Markt&Technik.
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Es lässt sich nicht schönreden: Die Elektro- und Informationstechnik bildet im Fächerkanon der Ingenieurwissenschaften das Schlusslicht, wir schaffen es bislang nicht, Megatrends wie die Klimakrise oder die Digitalisierung zur Nachwuchsförderung zu nutzen. Welche Hebel gilt es zu nutzen?

Welche Hebel ansetzen gegen den Fachkräftemangel?

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Seit gut zehn Jahren ist die Studienanfängerquote in E-Technik rückläufig. Von ehemals 5,4 Prozent eines Abiturjahrgangs, die sich für das Fach Elektrotechnik entscheiden, sind bis heute nur noch 3,5 Prozent übriggeblieben, wie Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz vom VDE analysiert hat – ein Drittel weniger. Und in den kommenden Jahren sei weiterhin mit sinkenden Zahlen an Absolventen zu rechnen, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft jüngst mitteilte. Vor allem in der Elektrotechnik nehme »die Kluft zwischen der erfolgreichen Ausbildung von Studierenden und dem steigenden Bedarf dramatische Ausmaße an«, so der VDE mit Verweis auf seine Studie »Arbeitsmarkt 2022«. 

Angesichts des Rekordhochs an offenen Stellen sehen Experten vor allem klein- und mittelständische Unternehmen in Gefahr, nicht mehr genügend Personal für ihr Wachstum zu finden. Vor allem der B2B-Bereich habe da einen entscheidenden Nachteil gegenüber »begreifbaren« Marken wie BMW oder Apple. Dr. Michael Schanz vom VDE kann die Not recht gut beziffern, er führt regelmäßig Statistik, kennt den demographischen Schwund, den Ersatzbedarf durch in Ruhestand tretende Ingenieure genauso wie den für Expansion.

Sein ganzes Know-how hat er in eine Arbeitsmarktstudie 2022 einfließen lassen. Und weiß: die Absolventen von den Unis reichen vorne und hinten nicht. Gefragt, wie hoch denn die Chance sei, dass Intel wie geplant 3000 offene Stellen in Magdeburg wird besetzen können? Laut Schanz gleich Null. »Die Kohorte von den Universitäten liegt heutzutage zwischen 7000 und 8000 Absolventen. Wie wollen die 3000 Anfänger kriegen? Es sei denn, sie werben ab gegen massive Gehaltserhöhung. Dann guckt aber ganz München in die Röhre«, versinnbildlicht Schanz die Bredouille. 

Also mehr Technik an die Schulen, damit zumindest in Zukunft mehr Abiturientinnen und Abiturienten MINT wählen? Gerne, nur bitte nicht in Form neuer Schulfächer, wie Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, abwinkt; genauso verwirft sie Appelle an die Politik: »Wenden Sie sich nicht an Ihren Abgeordneten, sondern lieber direkt an ihre örtliche Schule«.

Eine »Graswurzelbewegung« sei deutlich erfolgversprechender als auf die Politik zu warten. Und es gebe bereits viele gute Beispiele, wo die Zusammenarbeit mit Schulen und örtlichen Unternehmen hervorragend funktioniere. Doch sei der Fachkräftemangel der Branche – so relevant er auch sei – für Schulen und die Lehrerschaft nur einer von zahlreichen, individuell genauso wichtigen Wünschen der Gesellschaft, die Schule »regeln soll«. Etwa Demokratiebildung, die Integration von geflüchteten ukrainischen Kindern oder eben Technikbildung. Dafür brauche man aber auch die personelle und finanzielle Ausstattung, was von Politikseite gerne als »Propaganda« abgetan wird. 

Unternehmensvertreter wie Holger Schötz, Personalleiter von Rohde&Schwarz, denken stattdessen schon weiter und werben für mehr Lockerheit: »Denken wir zu verkrampft in Lehrplänen und Bewertungssystemen? Wir stellen doch sonst auch den Menschen in den Mittelpunkt.  Warum nicht auch die Kinder? Wir brauchen nicht den technisch Perfekten, wir wollen teamfähige, selbstbewusste, intrinsisch motivierte und interessierte junge Leute. Wenn so jemand später auf den Arbeitsmarkt kommt, dann ist mir nicht bange.« Andere machen schon gute Erfahrungen. »Schule und Industrie läuft bei uns richtig gut«, erklärt Gunther Olesch, letztes Jahr ausgeschieden bei Phoenix Contact und weiterhin auf diversen Beiratsfunktionen aktiv. Was sehr gut ankomme bei jungen Leuten, seien regenerative Technologien, hier engagiere man sich sehr bei Phoenix Contact. Zusammen mit einem positiven Arbeitgeberimage offenbar mit Erfolg: Man habe letztes Jahr 2500 Leute am Hauptsitz in Blomberg eingestellt, »wir haben sie also bekommen« – nach Ostwestfalen-Lippe, in eine Stadt mit 13.000 Einwohnern. 

 


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