Grüne Startups 

Arbeiten mit Sinn

28. Juni 2022, 10:54 Uhr | Corinne Schindlbeck
Reverion
Maximilian Hauck, CTO und CO-Founder von Reverion. Für ihn ist das Mitwirken bei Climate-Tech Startups eine sinnstiftende Möglichkeit, Karriere zu machen.
© Reverion

Deutschland bemüht sich um mehr Unabhängigkeit von russischem Gas. Green-Tech Startups wollen mit ihren Ideen den Energiemarkt revolutionieren – und bieten »Arbeit mit Sinn«. 

Deutschland setzt derzeit alles daran, schnell unabhängig von russischem Gas zu werden. Und viele junge Green-Tech-Gründer hoffen darauf, mit ihren Ideen den Energiesektor zu revolutionieren.

So möchte Maximilian Hauck mit seinen Mitgründern mithilfe von Biogas die Kommerzialisierung von Wind- und Sonnenenergie vorantreiben und gleichzeitig die Effizienz von Biogas als weitere Quelle erneuerbarer Energie erhöhen. Potenzial ist da, denn Biogas stellt eine regelbare Quelle erneuerbarer Energie dar. Allerdings ist Biogas in Deutschland nur begrenzt verfügbar und wird von den üblicherweise eingesetzten motorbasierten Blockheizkraftwerken nicht optimal genutzt. 

Ihr Startup Reverion, eine Ausgründung vom Lehrstuhl für Energiesysteme der TU München mit Sitz bei Geltendorf, nutzt deshalb ein neues System auf Basis von Festoxidbrennstoffzellen mit mehr Effizienz – bis zu 80 Prozent elektrischer Wirkungsgrad sind möglich – und ermöglicht auch einen reversiblen Betrieb der Anlage. Hierzu werden Erzeugungsüberhänge aus Windkraftanlagen und Photovoltaik mittels Elektrolyse wahlweise in synthetisches Methan oder Wasserstoff überführt und in das Erdgasnetz eingespeist. Das System dient somit als Biogasverstromung, aber auch als Speicher für erneuerbare Energien. Nebenbei kann das System reines CO2 abscheiden und damit der Atmosphäre entziehen. Würde die Technologie in ganz Europa eingeführt, könnten alle europäischen Emissionen um zehn Prozent reduziert und die Stromproduktion aus Biogas verdoppelt werden. 

Auch an anderen Stellen setzen Green-Tech Startups zur Wende an. Die Arteria Technologies GmbH zum Beispiel arbeitet an einer Plattform zur Planung und Optimierung von Wärmenetzen für Smart Cities. Sie soll Energieversorgern dabei helfen, ihre Fern- oder Nahwärmenetze klimaneutral zu planen und zu betreiben. Dazu arbeitet das Startup mit sogenannten Digital Twins. 

Die BRC Solar GmbH aus Ettlingen geht die Verschattung von Photovoltaikanlagen an. Das Team stellt eine Add-on-Elektronik bereit, die an bestehende Solarmodule angeschlossen werden kann. Mit ihr können auch im Schatten liegende Module bis zu 60 Prozent der maximalen Energie produzieren. Dabei wirkt die Elektronik der Gefahr des Moduldefekts durch langfristige Verschattung entgegen.

Technische Fragen und komplexe Regularien im Zusammenhang mit der Energiewende zu vereinfachen und für Menschen handhabbarer zu machen, die selbst aktiv werden wollen, daran arbeitet die everyone energy UG aus Berlin. Sie will mit digitaler Energieberatung dabei helfen, tausende neue Energiewende-Projekte zu realisieren, indem das Team Endkunden und Anbieter durch vollautomatisierte und nutzerfreundliche Energieberatung zusammenbringt. Im Zuge der Beratung werden viele Faktoren – wie die Größe und Ausrichtung eines Daches bei Solarprojekten – vollautomatisch erfasst. 

Für Maximilian Hauck, CTO und CO-Founder von Reverion, ist das Mitwirken bei Climate-Tech Startups eine sinnstiftende Möglichkeit für Ingenieurinnen und Ingenieure, Karriere zu machen: »Man setzt die eigenen Fähigkeiten dazu ein, eine der größten Herausforderungen unserer Generation – den Klimawandel – anzugehen. In einem jungen Unternehmen kann man sich auch ganz anders einbringen als in einem Großkonzern – die Aufgaben sind vielseitiger und man ist in der Regel deutlich involvierter in den Gesamtprozess.« Für ihn sei das »deutlich motivierender«, als im Großkonzern »mit der Entwicklung eines Kleinteils im linken PKW-Außenspiegel betraut zu sein«. Um Teil solcher Projekte zu werden, sei ein Ingenieurstudium »die richtige Basis«, denn neben dem entsprechenden Know-how vermittelt das Studium auch hilfreiche Werkzeuge, um die verschiedenen naturwissenschaftlichen Zusammenhänge in der Praxis nutzbar zu machen. 

Dr. Lutz Müller ist Projektleiter bei der Gründerinitiative Science4Life e. V. Die Initiative richtet seit mehr als 24 Jahren mit dem Science4Life Venture Cup und dem Science4Life Energy Cup jährlich den bundesweit größten Businessplan-Wettbewerb für die Branchen Life Sciences, Chemie und Energie aus. Wettbewerbsbegleitend bietet die Science4Life Academy allen registrierten Wettbewerbsteilnehmern Weiterbildung und Coaching an. Seit 1998 haben mehr als 8000 Personen am Wettbewerb teilgenommen und es wurden über 2400 Geschäftsideen eingereicht und bewertet. Er resümiert: »Bis eine komplette Unabhängigkeit von russischem Gas in Deutschland erreicht werden kann, wird noch einige Zeit vergehen. Die verschiedenen Ansätze junger Unternehmer aus dem Green-Tech-Bereich zeigen jedoch, wie dieser Schritt gelingen kann. Sie stehen vor allem dafür, bestehende Lösungen durch innovative Technologien effizienter zu machen und damit die Unabhängigkeit der Energieversorgung zu fördern.« 


 


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