Hidden Champions und Fachkräftemangel

»Emotionen auslösen gelingt uns vor Ort besser«

27. Juli 2022, 11:31 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Tag der Ausbildung bei Odu in Mühldorf: Unter dem Motto »Odu & DU« konnten sich Schüler und deren Angehörige über die beruflichen Möglichkeiten informieren. An verschiedenen Stationen konnten Schüler ihre Fähigkeiten gleich selbst ausprobieren. Zudem gab es einen Probe-Einstellungstest.
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Steckverbinder-Spezialist Odu wächst aktuell stark und bietet neben zwölf Ausbildungsberufen – auch vier duale Studiengänge. Wie steht es um die Fachkräftesituation? Interview über Odus Nachwuchsstrategie mit Tanja Stilkerich, Product & HR Marketing bei Odu in Mühldorf.

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Tanja Stilkerich, Product & HR Marketing bei Odu. "Der Kontakt zu den Schulen ist unglaublich wichtig."
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Markt&Technik: Nach einer Corona-Pause hat Odu kürzlich wieder einen »Tag der Ausbildung« veranstaltet. War der Andrang wie erhofft? Sind Sie optimistisch, Ihre Ausbildungsplätze für das nächste Jahr füllen zu können?
Tanja Stilkerich: Wir konnten uns über knapp 600 Besucher freuen. Gerade nach den letzten beiden Jahren, in denen aufgrund von Corona der Tag der Ausbildung nicht vor Ort stattfinden konnte, war es ganz schwer einzuschätzen, wie stark der Andrang sein wird. Viele Online-Veranstaltungen und digitale Informationen haben uns alle auch ein wenig träge gemacht. Umso mehr haben wir uns über die Besucher gefreut. Die ersten waren schon 20 Minuten vor Eröffnung da. Insgesamt war es für uns eine sehr gelungene Veranstaltung. Das Interesse an den einzelnen Stationen war sehr hoch.

Wir hatten viel im Programm, Infos über die einzelnen Ausbildungen in den jeweiligen Wirkungsstätten, eigene Erprobungen, Vorträge, Rundgänge, Einstellungstests und natürlich eine gute Versorgung mit Essen und Getränken. Unsere aktuellen Azubis waren gut eingespannt und haben stolz berichtet. Das war uns auch ganz wichtig, den Beruf und das Unternehmen aus Sicht eines Azubis zu erklären. So können die jungen Menschen auf Augenhöhe sprechen, und die eine oder andere Frage fällt den Besuchern leichter. Auch wenn Informationen digital perfekt transportiert werden können: Emotionen auslösen gelingt uns vor Ort und im persönlichen Gespräche auf jeden Fall besser.  Wir sind optimistisch, dass wir unsere Ausbildungsplätze für 2023 besetzen können, wohl wissentlich, dass es immer schwieriger wird und auch die Unternehmen in der Region Nachwuchs benötigen. 

Odu bietet eine hohe Fertigungstiefe und dementsprechend viele Ausbildungsberufe, vom Dreher bis zum Mechatroniker. Wo ist das Interesse am höchsten?
Ja, mit zwölf Ausbildungsberufen in technischen, kaufmännischen und Logistik-Berufen und vier dualen Studiengängen ist für viele etwas dabei. Tatsächlich ziehen auch die technischen Berufe wieder gut an, das ist eine erfreuliche Entwicklung. Bekannt sind natürlich vor allem der Mechatroniker oder auch der Industriemechaniker. Vielfach entsteht das Interesse an einem bestimmten Beruf jedoch auch mit einem Praktikum, das wir den Schülern anbieten. Dies sehen wir als Beitrag zur Berufsorientierung, gerade bei weniger bekannten, jedoch sehr spannenden und anspruchsvollen Berufen wie Verfahrensmechaniker,  Oberflächenbeschichter oder Zerspanungsmechaniker. Einen wirklich priorisierten Beruf konnten wir bisher noch nicht feststellen. Darüber sind wir auch ganz froh, wir möchten alle besetzen. 

Wie ist derzeit die Fachkräftesituation bei Odu? Und welche Strategie verfolgen Sie, um den Bedarf auch künftig decken zu können?
Leider geht es uns da nicht anders als anderen Unternehmen auch. Wir haben viele offene Stellen und suchen aktiv. Sowohl Auszubildende als auch Fachkräfte werden dringend benötigt. Natürlich schöpfen wir alle bestehenden Marketingkanäle aus und rekrutieren in einem größeren Einzugsgebiet. Wichtig ist uns aber auch die Zufriedenheit der bestehenden Mitarbeiter – eine positive Mund-zu-Mund-Propaganda ist unbezahlbar und glaubwürdiger als die beste Vermarktung. Weiterhin erarbeiten wir gerade Strategien zum Employer Branding und versuchen, über ein gutes Betriebsklima und zahlreiche Benefits die Zufriedenheit zu erhöhen. In einer aktuellen Mitarbeiterbefragung haben wir die Werte und Verbesserungspotenziale abgefragt. Genau dort versuchen wir anzusetzen, möchten uns verbessern und haben ein Ohr für unsere Mitarbeiter. 

Ein Konkurrent ist auch BMW, dessen Einzugsgebiet bis Mühldorf reicht. Was halten Sie dem entgegen, um Azubis und Fachkräfte zu gewinnen? 
Neben BMW gibt es noch viele weitere Wettbewerber, die sogar noch näher sind. Natürlich möchten die Wettbewerber im Kampf um die Talente wie wir ihre Ausbildungsplätze und offenen Stellen besetzen. Gerade im Bereich der Ausbildung bieten wir unseren Auszubildenden zusätzlich zur dualen Ausbildung unsere Ausbildungswerkstätten, in denen sie die einzelnen Schritte von Grund auf lernen. Gleichzeitig dürfen sie aber auch mit den Kollegen in der Produktion an Kundenprojekten arbeiten und werden dort als vollwertiges Mitglied des Teams gesehen. Daneben bieten wir zahlreiche Benefits, von einer überdurchschnittlichen Ausbildungsvergütung mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld, 30 Tagen Urlaub, Übernahme der Kantinenkosten bis zu Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung und Nachhilfe-Optionen. Ausflüge, gemeinsame Feiern und natürlich die Azubireise stehen hoch im Kurs. Darüber hinaus haben wir noch einiges mehr im Programm. Wichtig ist sicher auch, dass wir unsere Azubis nach der Ausbildung halten möchten, und übernehmen auch so gut wie alle in das Arbeitnehmerverhältnis.

Bei den Fachkräften legen wir trotz der Firmengröße Wert auf ein mitarbeiterzentriertes und familiäres Miteinander. Die Entscheidungswege sind kurz und die Zusammenarbeit unter Kollegen sehr wertschätzend. Wir versuchen bei der Einarbeitung zu unterstützen und haben einen strukturierten Prozess. Natürlich haben wir auch hier jede Menge Benefits im Angebot. 

Wir sind uns bewusst, dass auch hier unsere bestehenden Mitarbeiter einen entscheidenden Anteil beitragen und uns bei der Rekrutierung unterstützen. Deshalb ist uns daran gelegen, die Zufriedenheit weiterhin aufrecht zu erhalten und uns stetig zu verbessern. Natürlich steckt hinter zufriedenen Mitarbeitern auch die Identifikation und Bindung an unser Unternehmen. Es hilft nicht, nur in neue Mitarbeiter zu investieren und bestehende zu vergessen.

Sie arbeiten erfolgreich mit Schulen zusammen, um für MINT-Ausbildung zu werben. Hat das Erfolg, den man beziffern kann?
Der Kontakt zu den Schulen ist unglaublich wichtig, gerade in den letzten Jahren, in denen Praktika aufgrund der Pandemie nicht möglich waren. Die Eltern und Lehrer benötigen Unterstützung, um die Anforderungen der einzelnen Berufe, gerade aufgrund der immer stärkeren Spezialisierung der Berufsbereiche, zu transportieren. Es gibt häufig Unterrichtsfächer, von denen etwas Abstand genommen wird und die Schüler der Meinung sind, dass diese Themen für den späteren Berufsweg nicht mehr relevant sind. Wir können die Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen und aufzeigen, in welchen Arbeitsbereichen Lernthemen ihre Anwendung finden und warum das Verständnis wichtig ist. Gerade wenn man Theorie und Praxis verbindet und den Blick öffnet, werden ungeliebte Themen sehr interessant. 

Eine wirklich Kennzahl zu nennen fällt sehr schwer. Der Erfolg zeigt sich darin, dass wir es durch viel Engagement an den Schulen und darüber hinaus schaffen, unsere Ausbildungsplätze bisher zumindest fast voll zu besetzen.

Für den Standort Mühldorf rekrutieren Sie vorwiegend regional. Was tun, wenn das irgendwann nicht mehr reichen sollte? 
Aufgrund der Infrastruktur sind wir hier deutlich im Nachteil zu den Großstädten und Metropolregionen. Natürlich gibt es flexible Arbeitszeitkonzepte und Homeoffice-Möglichkeiten, aber das ist noch nicht in allen Bereichen möglich. Wir werden in den nächsten Jahren vermehrt daran arbeiten, uns als »Employer of Choice« zu etablieren. Für viele Bereiche werden wir regional bleiben müssen, und genau aus dem Grund ist es wichtig, dass wir sowohl auf Mitarbeitergewinnung als auch –bindung Wert legen. 

Odu ist stark in Medizintechnik, aber auch in Automotive und Verteidigung präsent. Und wächst weiterhin sehr stark. Welche Rolle spielt das bei Bewerbern, welche Wünsche und Vorstellungen hören Sie im Vorstellungsgespräch derzeit am meisten?
Arbeitsplatzsicherheit und finanzielle Stabilität ist vielen Bewerbern noch sehr wichtig. Es ist Firmenphilosophie, dass wir uns selbst finanzieren. Dadurch sind wir unabhängig von Banken oder anderen Geldgebern und können somit unsere Strategie umsetzen, mit der wir sehr erfolgreich am Markt agieren. Weiterhin können wir mögliche Krisen durch die unterschiedlichen Branchen ausgleichen.

Gerade in den technischen Berufen sind die Bewerber sehr interessiert an der Fertigungstiefe und den kundenspezifischen Aufträgen. Natürlich ist auch die Zusammenarbeit mit unseren internationalen Standorten gefragt und ebenfalls die Möglichkeit, in anderen Standorten tätig zu werden. 

Grundsätzlich kann man sagen, dass ein starker Wertewandel stattgefunden hat. Während vor Jahren monetäre Argumente dominierten, legen die Bewerber einen Wert auf flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten und eine gute Work–Life Balance. Auch wie sich ein Unternehmen positioniert, welche Werte es hat und wie es sich den Mitarbeitern gegenüber verhält, wird zunehmend mehr hinterfragt. 

Wie viele offene Stellen haben Sie derzeit in Deutschland am Hauptsitz zu besetzen, wie stellen Sie sich auf, um das zu schaffen?
Aktuell haben wir rund 50 zu besetzende Stellen für Fachkräfte und nochmal so viele für Ausbildungsplätze zum September 2023. Wir arbeiten aktuell sehr stark im operativen Bereich, um die Stellen zu besetzen. Hier verstärken wir unsere Öffentlichkeitsarbeit und nutzen die regionalen On- und Offline-Medien. Gleichzeitig erarbeiten wir Konzepte, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und auf die veränderten Anforderungen zu reagieren.

(Fragen: Corinne Schindlbeck)

 

 

 


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