Recruiting und Employer Branding

Wie man heute Fachkräfte (nicht) gewinnt und behält

24. August 2022, 12:35 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Der hohe Bedarf an Mitarbeitern für IT und Elektronik wird in naher Zukunft eher nicht abflachen. Im Gegenteil. Der eco Verband der Internetwirtschaft e. V. nennt die Voraussetzungen, um heutzutage Fachkräfte zu gewinnen und zu behalten.

Die Energiekrise wird den Mangel an IT-Fachkräften voraussichtlich noch verschärfen, weil sie die Transformation zu Erneuerbaren und zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte noch beschleunigt. Rund 51.970 offene Stellen für Informatikberufe gab es laut Verein Deutscher Ingenieure (VDI) im ersten Quartal 2022 in Deutschland. Für die kommenden fünf Jahre erwarten 32 Prozent aller Unternehmen und sogar 63 Prozent aller Unternehmen ab 250 Beschäftigten einen steigenden Bedarf an IT-Experten  - Männer und Frauen. 

Unternehmen suchen daher nach Strategien, Fachkräfte für sich zu begeistern. Doch eigentlich sind die Handlungsempfehlungen längst ausreichend diskutiert. Wie etwa Mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeiten: für viele Beschäftigte und Bewerber längst selbstverständlich. Ein Trend, der sich nicht mehr umkehren dürfte.

»In der Pandemie haben viele Unternehmen begonnen, vorhandene New Work Konzepte weiter zu denken«, sagt Lucia Falkenberg, CPO und Sprecherin der Kompetenzgruppe New Work im eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. »Immer mehr Mitarbeitende arbeiten zeitweise aus dem Ausland oder gar nur noch 4-Tage die Woche. Entsprechende Arbeitskonzepte setzen sich bei großen Internetkonzernen durch. Der Trend geht zu Work-Life Blending, das heißt Berufliches und Privates stärker zu vermischen. So wird auch nach Feierabend in die Mails geschaut oder mit den Kolleginnen ein geselliger Abend verbracht.«

Damit mobiles Arbeiten funktionieren kann, muss aber eine Unternehmenskultur vorhanden sein, die auf Vertrauen fußt und in dem Führungskräfte Teammitgliedern entsprechende Freiräume lassen. Mobiles Arbeiten und Kontrollzwang schließen sich aus, passen einfach nicht zusammen. Umgekehrt: Spürt ein Mitarbeiter Vertrauen ihrer Vorgesetzten und wächst die Eigenverantwortung im gleichen Maß, dann stehen die Chancen gut, dass (vor allem hochqualifizierte, intrinsisch motivierte) Mitarbeiter gerne für ihr Unternehmen arbeiten. Er recht, wenn sie darin einen tieferen Sinn finden, den oft zitierten »Purpose«. »Wofür arbeite ich und wozu leiste ich meinen Beitrag?« ist quasi die moderne Adaption des Klassikers von Antoine de Saint-Exupéry »Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer«. 

Um zu prüfen, ob man als Unternehmen hier auf einem guten Weg ist, hat der eco-Verband 7 Checkpunkte erstellt: 

  1. Unterstützen Sie Ihre Fachkräfte mit maximaler Flexibilität und Raum für Kreativität und Selbstorganisation? Helfen Sie Ihren Mitarbeitern dabei, Arbeitszeit und Ort freier zu gestalten? Statten Sie diese dafür technisch so aus, dass diese sicher Remote arbeiten und an Meetings teilnehmen können? Mitarbeitende erwarten die technische Ausstattung und die Freiheit, sich innerhalb eines Teams autonom und flexibel selbst zu organisieren.
  2. Das bereits erwähnte Vertrauen. »Statt auf hierarchische Führung sollten Führungskräfte auf Vertrauen und Verständigung bauen«, sagt Ursula Vranken; Gründerin und Geschäftsführerin des IPA Instituts. Sie empfiehlt Digital Leadern nicht nur auf Führung von oben, sondern auch von der Seite zu setzen, auch laterale Führung genannt. »Geführt wird dabei auf gleicher Hierarchie-Ebene, Peer-to-Peer oder gar Hierarchie übergreifend, ohne dass man sich auf disziplinarische Weisungsbefugnis berufen kann. Wer nicht befehlen kann, braucht Akzeptanz. Akzeptanz entsteht durch Authentizität und exzellente Kommunikation.«
  3. Diversity. Gemischte Teams sind nachweislich erfolgreicher. Dafür braucht es aber eine offene Unternehmenskultur, die die Vielfalt und Unterschiede in der Belegschaft auch fördert. Wer nicht über den eigenen Tellerrand hinaus rekrutiert und auch Quereinsteiger oder Fachkräfte in anderen Städten oder im Ausland anspricht, wird nicht vorankommen. Beim »Remote-Hiring« ist sogar die ganze Welt als Arbeitsmarkt denkbar. 
  4. Frauen. Es braucht eine kritische Masse, damit Minderheiten nicht mehr als Minderheiten wahrgenommen werden und dass sich eine Gruppe durch sie (positiv) verändern lässt. Und in der Elektronik sind Frauen leider immer noch eine sehr kleine Minderheit. Nur ein Viertel der IT- und Tech-Fachkräfte weltweit sind Frauen, in Europa fällt der Frauenanteil mit 18,5 Prozent noch geringer aus. Eine von Diversität geprägte Unternehmenskultur und Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, erscheinen dem Internet-Verband als aussichtsreich. Von der eco Initiative Ladies in Tech (LiT) gibt es dazu ein Whitepaper. Dazu der Role-Model-Tipp des eco: »Holen Sie Ihre weiblichen Fach- und Führungskräfte in die erste Reihe, um aktiv um weibliche Fachkräfte zu werben.
  5. Mut zu Authentizität (gesichtsloses Marketing entlarven Bewerber ohnehin):  »Kommunizieren Sie authentisch und vermitteln Sie Bewerbern ein klares und unverfälschtes Bild davon, wie Ihr Unternehmen tickt. Vermeiden Sie nichtssagende Phrasen. Nur wer echt wirkt kann andere mitreißen. Vermitteln Sie nur Werte, zu denen Sie auch wirklich stehen.« 
  6. Vorletzter Checkpunkt: Moderne Arbeitswelten wie Shared-Desk Büros, Meeting-Räume und Bereiche für konzentrierte Stillarbeit. Auch Räume mit Möglichkeiten für persönliche Gespräche und Networking sind laut eco-Verband wichtig, um den Teamzusammenhalt und die Identifikation mit dem Arbeitgeber zu stärken.
  7. Weiterbildung. »Qualifizieren Sie Ihre Mitarbeitenden fortlaufend. Die Arbeitswelt ist im Wandel, das erfordert stetige Weiterbildungen. Internes Know-how kann über Mentoring-Programme oder betriebsinterne Inhouse-Schulungen weitergegeben werden. Ergänzen Sie das durch externes Know-how in Form von Trainings und Schulungen. Investitionen in die Fortbildung der Belegschaft zahlen sich aus und machen fit für die Zukunft.«

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