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Halbleitermarkt 2020

Etwas merkwürdig bis ziemlich verrückt

17. Dezember 2020, 11:09 Uhr   |  Iris Stroh

Etwas merkwürdig bis ziemlich verrückt
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Das Jahr hat für die meisten ganz normal angefangen. Dann kam Corona, und nichts war mehr normal. Wie sich die Pandemie, aber auch andere Entwicklungen auf die Halbleiter-Branche ausgewirkt haben.

Bereits am 31. Dezember 2019 wurde die WHO in China darüber in Kenntnis gesetzt, dass in Wuhan mehrere Fälle einer Lungenentzündung unbekannter Ursache aufgetreten sind. Die WHO machte am 10. Januar die Meldung aus China öffentlich, danach überschlugen sich die Ereignisse. Ende Januar bestätigte der Automobilzulieferer Webasto eine Infektion eines Mitarbeiters. Vor Mitte Februar wurde Corona bereits als weltweites Problem eingestuft, wobei das Robert-Koch-Institut damals die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland noch als gering einstufte. Im März riegelten die ersten Länder ihre Grenzen ab, in vielen Ländern wurde ein Lockdown verhängt.

Die Folgen für die Wirtschaft glichen einer Achterbahnfahrt. So meldete beispielsweise der VDA im April, dass sich der PKW-Absatz in China, Europa und Indien halbiert hat. Im Juli war dann vom VDA zu hören, dass der europäische Markt im ersten Halbjahr um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen ist, USA und China gingen jeweils um 23 Prozent zurück. Das Statistische Bundesamt meldete, dass das Bruttoinlandsprodukt im 1. Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahresquartal (preis- und kalenderbereinigt) um 2,3 Prozent gesunken ist, im zweiten Quartal lag das Minus schon bei 11,3 Prozent und im dritten Quartal bei –4,0 Prozent. Der IWF wiederum hatte im April prognostiziert, dass die weltweite Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 3 Prozent sinken wird, also deutlich stärker als während der Finanzkrise 2008/9, allerdings mit optimistischem Ausblick: 2021 sollte ein Plus von 5,8 Prozent folgen. Im Juni hieß es dann seitens des IWF, dass der Rückgang größer als erwartet ausfallen wird, und zwar war jetzt von 4,9 Prozent die Rede; auch das Plus für nächstes Jahr fiel mit 5,4 Prozent geringer aus. Die letzte Prognose vom IWF vom Oktober erwartet jetzt ein Minus von 4,4 Prozent für 2020, im kommenden Jahr soll ein Plus von 5,2 Prozent möglich sein.

Bild: ZVEI, WSTS
© Bild: ZVEI, WSTS

Umsatzverteilung des weltweiten Halbleitermarktes nach Abnehmer-Segmenten (Mrd. Dollar)

Der Halbleitermarkt entwickelt sich positiv

Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems, hat Anfang Dezember in einer Analyse erklärt, dass der weltweite Halbleitermarkt in diesem Jahr ein Volumen von 428 bis 437 Mrd. Dollar erreichen wird, was einem Zuwachs von 4 bis 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprechen würde. Er spricht von einem überraschend moderaten Wachstum trotz Covid-19 und »dass der Halbleitermarkt in diesem Jahr voraussichtlich von der industriellen Entwicklung abgekoppelt ist.« Eine Seltenheit, denn typischerweise korreliert das GDP mit den Wachstumsraten in der Halbleiterindustrie.

Die Automobilindustrie überrascht

Die jüngsten Zahlen des VDA vom November zeigen folgende Entwicklung beim Automobilabsatz: In Europa ist der Markt von Januar bis Oktober 2020 um 27,3 Prozent geschrumpft, in USA gingen die Neuzulassungen um 17 Prozent zurück, in China um 10 Prozent. Diese Entwicklung hat Folgen für den Halbleitermarkt, insbesondere in Deutschland. So geht zur Verth davon aus, dass der Halbleiterumsatz in Deutschland um 10 bis 14 Prozent sinken wird, und erklärt: »Aufgrund des höheren Anteils der KFZ-Industrie in Deutschland fällt der Einbruch durch Covid-19 stärker ins Gewicht als in Europa.« In der EMEA-Region soll der Umsatz um 4 bis 8 Prozent schrumpfen, wobei auch in dem Fall zur Verth betont, dass der Halbleitermarkt in Europa von Covid-19 stärker betroffen war als der Weltdurchschnitt.

Fragt man die in Deutschland ansässigen Halbleiterhersteller, wovon die meisten sehr aktiv am Automotive-Markt sind, bestätigen sie das Bild: Alle weisen unisono auf den Einbruch in der Automobilbranche im zweiten Quartal hin, aber alle erklären auch, dass der Markt wieder angezogen hat und dass andere Bereiche wiederum überraschend gut gelaufen sind. Die Abkopplung zwischen GDP und Halbleiterumsatz wird mehrfach durch Veränderungen erklärt, die Covid-19 zur Folge hatte; dazu zählt beispielsweise Homeschooling oder Homeoffice.

Analog Devices

Markt&Technik
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Uwe Bröckelmann, Senior Director of Technology von Analog Devices: Ich denke, dass sich Analog Devices nicht von anderen Halbleiterherstellern unterscheidet, was das Jahr 2020 anbelangt. Tendenziell ist der Umsatz im März/April stark eingebrochen, bis auf die Medizintechnik, die boomte, was auch Analog Devices gut getan hat, weil unsere Bau-steine in diversen Geräten integriert sind. Die Kommunikationstechnik ist in Europa interessanterweise auch ganz gut gelaufen, getrieben durch den Aufbau der Netzausrüstung für 5G.

Aber andere Märkte wie zum Beispiel der Automotive-Markt sind eingebrochen, allerdings zieht er wieder an. Ich gehe dennoch davon aus, dass wir zum Jahresende trotzdem noch eine Delle merken werden; die Probleme im Frühjahr dieses Jahres werden wir nicht komplett ausgleichen können. Der Halbleiterindustrie kommt sicherlich zugute, dass in manche Endprodukte einfach mehr Elektronik hinein wandert. Ein Beispiel sind Elektrofahrzeuge, hier ist der Anteil der Halbleiter deutlich höher als bei konventionellen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Das heißt, selbst wenn die Nachfrage nach Fahrzeugen schrumpft, kann der Halbleiterumsatz wachsen. Grundsätzlich bin ich aber überzeugt, dass es eine Korrelation zwischen BIP und Halbleiterwachstum gibt. Momentan kommen kurzfristige Effekte zum Tragen, die zur Abkopplung in der Entwicklung geführt haben. Aber eines ist ganz klar: wenn kein Kunde ein Produkt kauft, brauchen wir auch keine Halbleiter.

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