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Verknappung und kein Ende

»Wir kämpfen wie die Verrückten für die Kunden«


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Produktionsstillstände möglichst vermeiden

Rutronik
Carsten Steiner, Rutronik: "Wir haben langfristig disponiert, sind aber natürlich auch abhängig von den Lieferungen der einzelnen Hersteller. Diese werden dann an die entsprechenden Kunden so verteilt, dass möglichst wenige Produk­tionsstillstände entstehen."
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Carsten Steiner, Director FAE/BDM Global, Rutronik: Wir haben langfristig disponiert, sind aber natürlich auch abhängig von den Lieferungen der einzelnen Hersteller. Diese werden dann an die entsprechenden Kunden so verteilt, dass möglichst wenige Produk­tionsstillstände entstehen.
Wir sehen die Aufgabe der Distribution darin – neben der Verteilung der Produkte – Partner auch langfristig zu unterstützen, indem kein Spotbusiness zugelassen wird. Gerade in einer schwierigen Phase muss die Distribution die Warenverteilung so gestalten, dass keine Lager unnötig aufgebaut werden. Die Ware wird ja immer irgendwo benötigt.

Was wünschen Sie sich umgekehrt von Kundenseite?

Gerhardt: Schwer zu sagen. Lager hilft. Aber wer in normalen Zeiten zu viel Lager hat, ist im Wettbewerb oft nicht effizient genug. Deshalb wird in unserer durchoptimierten Zeit zwangsläufig alles zu sehr auf Kante genäht. Loyalität und kooperatives Verhalten in ruhigen Zeiten hilft sicher, wenn es einmal knapp wird. Man kämpft in Krisen einfach lieber gemeinsam mit bzw. für einen auch sonst fairen Freund und Partner. Langfristige Bindungen mit guten Logistikkonzepten helfen, die Auswirkungen abzumildern. In Paniksituationen wäre wohl die beste Strategie, nur zu bestellen, für was man auch selbst schon einen festen Auftrag hat. Würden das alle machen, könnte sich das System nach einigen Wochen von selbst beruhigen. Das ist aber nicht praktikabel, weil es niemals alle gleichzeitig machen – eher im Gegenteil.

Deshalb rate ich erstens: Denken Sie immer an die Bestellungen, die Sie bereits vergeben haben. Irgendwann wird alles bei Ihnen ankommen, ob Sie es dann noch brauchen oder nicht. Das System arbeitet mit Verzögerung. Bei einem Aspirin warten Sie ja auch, bis sich die Wirkung einstellt, und nehmen nicht alle fünf Minuten noch eine weitere dazu. Zweitens: Geraten Sie nicht in Panik. Vermeiden Sie Doppelbuchungen. Es erfordert viel Disziplin, dem überwältigenden Drang zu widerstehen, immer größere Bestellungen aufzugeben, wenn die Rückstände wachsen und alle laut nach Ware rufen. Seien Sie diszipliniert. Denken Sie an die Rückstände und bleiben Sie nervenstark. Dann kommen Sie am Ende zwar auch nicht ganz ungeschoren aber immerhin besser als 75% der anderen Marktteilnehmer durch die Knappheit. Und haben Sie Verständnis, wenn trotz aller Mühe der Wunschtermin nicht erfüllt werden kann. In der ganzen Lieferkette arbeiten auch nur Menschen wie Sie, die leider nicht zaubern können.

Codico
Sven Krumpel, Codico: "Natürlich sind rechtzeitige Bestellungen bzw. Bedarfsinformationen hilfreich. Konkret sind dies aktuell Forecasts für 2022 und auch schon für das erste Halbjahr 2023, da die Produktionskapazitäten für diesen Zeitraum bereits knapp werden."
© Codico

Krumpel: Im Moment helfen uns konkrete Angaben, welche Mengen wann tatsächlich ohne zusätzliche Reserve/Puffer benötigt werden. Weiters sind natürlich rechtzeitige Bestellungen bzw. Bedarfsinformationen hilfreich. Konkret sind dies aktuell Forecasts für 2022 und auch schon für das erste Halbjahr 2023, da die Produktionskapazitäten für diesen Zeitraum bereits knapp werden. Und dann wären auch interne Kapazitäten wünschenswert, um sich mit alternativen Lösungen auseinandersetzen zu können.
Van Parijs: Eine gute Planung ist in diesen Tagen entscheidend, und es hilft nicht, wenn Kunden ihre Prognosen monatlich oder sogar wöchentlich zu drastisch ändern. Was uns am besten hilft, ist eine vorausschauende Planung mit verlässlichen Prognosen, wenn möglich mit festen Bestellungen recht lange vor dem benötigten Produktionstermin. Und unsere Kunden sollten nicht vergessen, die Anfahrmengen für neue Projekte weit im Voraus zu planen. Am besten ist es, unsere Ingenieure schon in einem sehr frühen Stadium der Konstruktion einzubeziehen, denn sie haben einen guten Blick dafür, welche Lösungen zu wählen sind, um spätere Lieferrisiken zu minimieren.

Avnet Abacus
Rudy van Parijs, Avnet Abacus: "Die aktuelle Situation unterscheidet sich deutlich von der im Jahr 2018, als vor allem passive Produkte schwer zu bekommen waren. Wir sehen einen enormen Anstieg der globalen Nachfrage in Kombination mit einer massiven Störung der globalen Lieferketten, verursacht durch mehrere Faktoren, die die Branche noch nie zuvor erlebt hat."
© Avnet Abacus

Staudinger: Auch hier gilt: Pipeline is key! Es ist in Phasen der Marktverknappung – vor allem in so einer extremen wie der jetzigen – essenziell, die Bedarfstransparenz auf mindestens 12-18 Monate zu verlängern, da Hersteller, wie beschrieben, ihre Pro­duktionskapazitäten in diesem Zeithorizont planen bzw. in Produktionskapazitäten über noch längere Zeiträume investieren müssen (Zukauf oder Investment). Hersteller sind natürlich vorsichtig, wenn sie die Gefahr von Doppelbuchungen sehen, die die Auftragsbestände erhöhen, aber u. U. am Ende nicht abgenommen werden. Ein frühzeitiger Start mit einer fundierten Bedarfsplanung über 12-18 Monate hilft dabei, ein transparentes Bedarfsbild aufzuzeigen. Es ist hierbei auch entscheidend, diese Bedarfsplanung zu überprüfen und anzupassen, sobald sie sich dem Herstellerstornofenster nähert. Um hier auf der sicheren Seite zu sein, sollte die Auftragsplanung ca. 3-4 Monate vor dem Wunschtermin einem Realitätscheck unterzogen werden. Viele Hersteller arbeiten mittlerweile mit erhöhten Stornofenstern, die teilweise das komplette laufende Kalenderjahr abdecken. Werden hier entsprechende NCNR

(Non Cancelable Non Returnable)-Vereinbarungen kundenseitig unterzeichnet, lässt sich die Verfügbarkeitssituation noch einmal verbessern und zusätzlich absichern. Wenn sich Kunden hier gesprächsbereit zeigen, fällt es auch dem Distributor leichter, entsprechende Verpflichtungen gegenüber den Herstellern einzugehen und umzusetzen.

Kreß: Zielführende, reflektierte Planung und Kalkulation: Unabhängig von den aktuell bekannten Wiederbeschaffungszeiten ist eine rechtzeitige Disposition der wichtigsten Artikel entscheidend. Außerdem empfehlen wir, wo immer möglich, auch alternative Produkte, sprich die Second Source, zuzulassen.

Auch wenn es wirtschaftlich nachvollziehbar und Planbarkeit derzeit nur mit einem großen Fragezeichen möglich ist, wäre es wünschenswert, dass vereinbarte Sicher­heits­bestände zuverlässig abgenommen wer­den.

Steiner: Es ist für uns enorm wichtig, reale Daten zu erhalten, die den tatsächlichen Bedarf unserer Partner abbilden und auf einen übermäßigen Puffer verzichten. Denn dieser kann bereits helfen, andere Kunden nicht zum Stillstand kommen zu lassen.
Ebenso raten wir von Mehrfachbestellungen über die verschiedenen Distributionskanäle ab, da so nicht mehr Ware verfügbar wird, sondern vielmehr die Produktionsplanung und Verteilung noch weiter erschwert wird.


  1. »Wir kämpfen wie die Verrückten für die Kunden«
  2. Produktionsstillstände möglichst vermeiden
  3. Schwierigkeiten bei Quarzen und Elektrolytkondensatoren

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