Elektroniknet Logo

Verknappung und kein Ende

»Wir kämpfen wie die Verrückten für die Kunden«


Fortsetzung des Artikels von Teil 2

Schwierigkeiten bei Quarzen und Elektrolytkondensatoren

Bei welchen Produktgruppen hakt es noch am meisten bei der Versorgung?

Steiner: Die Halbleiter sind in großer Breite sehr schwer verfügbar und das nicht nur für den Automobilmarkt. Ebenso sehen wir Schwierigkeiten bei Quarzen und Elektrolytkondensatoren. Die Schwierigkeiten bei den Halbleitern wirken sich natürlich auch auf die Produktion unserer Hersteller für komplexere Einheiten wie Displays, Funkmodule oder komplette Motherboards aus.

Kreß: Dazu kommt, dass wir im Grunde auch bei allen Artikeln, die mit Leadframes in Zusammenhang gebracht werden können, wie z. B. Stecker, vor Herausforderungen stehen. Das liegt u. a. daran, dass die Anbieter dieser „Kleinigkeiten“ häufig in den gleichen Fertigungsstätten produzieren lassen. Kommt es nun dort zu Versorgungsproblemen, betrifft es nicht nur einen Hersteller, sondern gleich mehrere.

Van Parijs: Die aktuelle Situation unterscheidet sich deutlich von der im Jahr 2018, als vor allem passive Produkte schwer zu bekommen waren. Wir sehen einen enormen Anstieg der globalen Nachfrage in Kombination mit einer massiven Störung der globalen Lieferketten, verursacht durch mehrere Faktoren, die die Branche noch nie zuvor erlebt hat. Die erneute Unsicherheit rund um die globale Pandemie, die historische Blockade des Suezkanals, Schließungen wichtiger Häfen in China, Transport- und Verpackungsprobleme, extreme Wetterbedingungen, Fabrikbrände und Containerknappheit. Hinzu kommt eine deutlich erhöhte Verknappung von Kunststoffen und anderen Rohstoffen. Der Bestand der Hersteller an diesen Rohstoffen, wie Harz, Silikon und Weichmacher, reicht nicht aus, um dies zu kompensieren. Engpässe u. a. bei Stahl und sogar Holz wurden in letzter Zeit bestätigt. Dies wirkt sich auf die Verpackung und die Aufwicklung aus. Dies führt dazu, dass alle IP&E-Produkte betroffen sind – von Passiven, Steckverbindern, Kabeln, Relais, Quarzen und Oszillatoren, bis diesmal sogar Funkmodulen oder Netzteilen.

Staudinger: MCUs und Power sind nach wie vor die am stärksten betroffenen Bereiche, aber Produktgruppen mit kurzen Lieferzeiten stellen im Moment die Ausnahme und nicht die Regel dar. Lieferzeiten pendeln im Schnitt über alle Produktgruppen hinweg zwischen 30-40 Wochen, mit Ausreißern nach oben bis zu 50 oder 60 Wochen. 

Krumpel: Mittlerweile sind durch die Bank alle Produktgruppen betroffen. Teilweise sind Produktionsstandorte in Vietnam, Malaysia oder anderen Regionen auch durch Covid-Shutdowns betroffen. Das verschärft neben den Logistikthemen die Situation. Im Bereich der passiven Bauteile gibt es keine Produktgruppe, die nicht betroffen ist. Erst kürzlich ist es im Bereich der 32-kHz-Uhren­quarze zu einem kompletten Zusammenbruch gekommen. Einige Anbieter ziehen sich zurück, die restlichen können die Mengen nicht stemmen. Bei den Aktiven Bauteilen sind es alle Halbleiterbausteine – fast ohne Ausnahmen.

Gerhardt: Mittlerweile hakt es im Prinzip in so gut wie jeder Produktkategorie. Alles ist so verzahnt und vernetzt, dass nahezu alles betroffen ist. Auch wenn Vorkomponenten fehlen, lassen sich viele Produkte nicht mehr wie gewohnt produzieren. Knappheiten gibt es aufgrund unterschiedlicher Auslöser immer wieder, aber diese wird uns in ihrer Breite und Schärfe vermutlich allen im Langzeitgedächtnis bleiben. 

Wie schätzen Sie die nächsten Monate ein – wann ist Besserung in Sicht?

Van Parijs: Es ist sehr schwer vorherzusagen, wie lange ein solches Ungleichgewicht bestehen bleibt, aber es sieht so aus, als würde dies noch einige Quartale andauern. Die aktuelle Situation ist „ein perfekter Sturm“, einige unserer Lieferanten sagen sogar voraus, dass das Gesamtjahr 2022 schwierig bleiben wird. Es ist von größter Wichtigkeit für unsere Kunden, bereits jetzt die Aufträge mit ihrem Bedarf für 2022 zu platzieren.

Staudinger: Die großen globalen Foundries wie TSMC, Global Foundries etc., die u. a. auch für namhafte Halbleiterhersteller produzieren, sehen die Kapazitäten bereits bis Ende Kalenderjahr 2022 ausgebucht – teilweise darüber hinaus.

Die großen Halbleiterhersteller sehen eine Marktverknappung bis Mitte 2022, teilweise auch bis Ende 2022. Marktanalysten sprechen von einer Verknappung bis ins erste Halbjahr 2022 hinein. Das Blatt kann sich aber sehr schnell wenden, wenn die Hersteller größere Stornierungen in den Auftragsbüchern sehen. Der wichtige Checkpoint wird aus unserer Sicht nach dem Sommer anstehen, wenn die Kunden ihre Bedarfe nach der Sommerpause überprüfen. Dann sollte sich zeigen, wie es konkret weitergeht. Stand heute rechnen wir nicht mit einer Entspannung vor Ende des laufenden Kalenderjahres. Bei einigen Technologien werden wir Effekte bis weit in ins Jahr 2022 sehen.

Gerhardt: Interessant ist, dass der Auftragseingang bei allen Distributoren aktuell ex­trem hoch ist. Zum Teil doppelt so hoch wie der Umsatz. Letzterer ist jedoch bisher noch stabil bzw. laut IDEA sogar in Q1-2021 im Vergleich zu Q1-2020 leicht zurückgegangen. Auch unser Lagerbestand ist konstant und nicht gesunken. Wir liefern jeden Monat ähnlich viel aus wie vor der Knappheit. Oft wird argumentiert, dass ja die Ware für die Produktion fehlt. Das ist sicher teilweise richtig. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass sich jetzt überall die Produk­tionskapazitäten in der Industrie verdoppelt haben, auch wenn es sich gerade so anfühlt. Vielmehr sind durch die Pandemie und einen gewissen Panikanteil Angebot und Nachfrage temporär aus dem Gleichgewicht geraten. Einer bestellt mehr als er benötigt und legt es sich hin, obwohl er es noch gar nicht braucht. Ein anderer braucht es gerade wirklich, findet es aber nicht mehr. Deshalb bestellt auch er mehr als er jetzt benötigt. Dann steigen die Preise und Lieferzeiten, weshalb nochmal nachbestellt wird. Das ist zum einen die Folge der durch die Corona-Krise veränderten Bedarfe sowie einer sich weltweit aufhellenden wirtschaftlichen Stimmung. Zum anderen kommen noch Ereignisse wie extreme Wetterbedingungen, Fabrikbrände, verstopfte Schifffahrtswege und quarantänebedingte Verzögerungen in Fabriken und Häfen dazu. Das in Kombination mit Panik ergibt einen perfekten Sturm. Üblicherweise dauert es etwa 18 Monate bis sich so etwas in der Vergangenheit wieder eingeschwungen hat. Wäre es dieses Mal genauso, wird es wohl sicher noch bis Mitte nächsten Jahres dauern, mit dem Höhepunkt im zweiten Halb­jahr 2021. Ich befürchte allerdings auch, dass es dann in sehr kurzer Zeit ohne Vorwarnung komplett ins Gegenteil umschlagen kann. Ein auf eine Seite überschwingendes Pendel bleibt selten unten stehen. Deshalb ist man gut beraten, nicht zu viele Rückstände aufzubauen. Wer möchte schon, dass diese dann alle auf einmal geliefert werden, zeitgleich mit den Stornos und Verschiebungen der eigenen Kunden sowie stark fallenden Preisen. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es trotz gegenteiliger Beteuerungen meistens so ausgegangen ist, bevor der nächste Zyklus begann.

Steiner: Wir erwarten keine wirkliche Verbesserung vor dem 2. Quartal 2022. Es ist auch fraglich, wie sehr die Produktionsstandorte in Asien von erneuten Fabrikschließungen wegen der Pandemie betroffen sein werden und wie sich die Transportkapazitäten nach Europa entwickeln.
Krumpel: Wir sind mit unseren Herstellern permanent in engem Kontakt. Wir rechnen mit einer Entspannung nicht vor Q2/2022. Weihnachten und die anschließende Chinese-New-Year-Zeit werden nicht zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Und bei dieser Einschätzung sind eventuelle Covid-19-Herausforderungen nicht einkalkuliert.


  1. »Wir kämpfen wie die Verrückten für die Kunden«
  2. Produktionsstillstände möglichst vermeiden
  3. Schwierigkeiten bei Quarzen und Elektrolytkondensatoren

Verwandte Artikel

Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH, GLYN GmbH & Co. KG, CODICO GmbH