MicroVision kauft Luminar Technologies

Konsolidierung im LiDAR-Markt

5. Februar 2026, 7:30 Uhr | Iris Stroh
Glen DeVos, MicroVision: »Unser Ziel ist es, zu den zwei oder drei führenden LiDAR-Anbietern zu gehören.«
© House of Journalists

Für 33 Millionen Dollar übernimmt MicroVision das LiDAR-Geschäft des einst hoch bewerteten Branchenstars Luminar Technologies. Glen DeVos, CEO von MicroVision, sieht darin eine strategische Chance für LiDAR und für MicroVision.

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»The winner is: Microvision« - Microvision hat im Rahmen einer Auktion als Bieter für die Übernahme von Luminar Technologies teilgenommen und gewonnen: Luminar Technologies kann für 33 Mio. Dollar in Microvision integriert werden. Zur Erinnerung: Luminar Technologies wurde 2012 gegründet, ging 2020 an die Börse und galt lange Zeit als extrem erfolgreich. Das Unternehmen hatte auch viel Gutes zu berichten, sei es eine Partnerschaft mit dem Zulieferer TPK, um die steigende Nachfrage in Asien mit einer Serienfertigung bedienen zu können, eine Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz, die erfolgreiche Inbetriebname der Großserienfabrik in Monterrey (Mexiko), der Start der Serienproduktion der Iris-Sensoren in Orlando, die an Volvo Cars gehen sollten, den Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Polestar und Luminar, so dass nicht nur der Polestar5 mit Luminars LiDAR-Technologie ausgestattet sein wird, sondern auch zukünftige Modelle, den vollelektrischen Volvo EX90, der serienmäßig mit Luminar-Technologie ausgestattet werden sollte, den R7 von SAIC Motor, der als erstes chinesisches Serienfahrzeug mit Luminar-Technologie laufen sollte, und, und, und.

Im Mai 2025 hieß es dann in einer Pressemitteilung von Luminar, dass der Gründer des Unternehmens, Austin Russell, als President und CEO des Unternehmens sowie als Vorsitzender des Verwaltungsrats mit sofortiger Wirkung zurücktritt. Als Anlass wurde etwas nebulös die Untersuchung des Prüfungsausschusses des Verwaltungsrats im Zusammenhang mit dem Verhaltenskodex und den Ethikrichtlinien des Unternehmens genannt. Im November 2025 wiederum war bei Reuters zu lesen, dass Volvo Cars seine Geschäftsbeziehungen mit Luminar Technologies beendet. Und am 15. Dezember 2025 leitete Luminar ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 ein, zeitgleich bzw. kurz vor der Einleitung des Chapter-11-Verfahrens wurde außerdem bekanntgegeben, dass Quantum Computing Luminar Semiconductors, ein Tochterunternehmen von Luminar Technologies, für 110 Mio. Dollar erworben hat. Übrig blieb also noch das LiDAR-Geschäft von Luminar Technologies und das hat sich jetzt Microvision einverleibt.

Gemessen an den gemeldeten Erfolgen von Luminar Technologies dürften die 30 Mio. Dollar, die Microvision für die Übernahme bezahlt, als Schnäppchen gelten, vorausgesetzt, die Gründe, die Glen DeVos, CEO von Microvision, zur Übernahme veranlasst haben, erweisen sich als tragfähig. Er ist überzeugt, dass die Übernahme für MicroVision drei entscheidende Vorteile hat: Zum einen könne MicroVision mit der Übernahme die Kommerzialisierung der eigenen LiDAR-Technologie beschleunigen. Luminar verfüge bereits über Kundenbeziehungen, jetzt gelte es, diese Programme zu übernehmen und damit die Zeit, bis Umsatz fließt, deutlich zu verkürzen. Zum anderen ist er überzeugt, dass das Portfolio von Luminar Technologies perfekt zu dem Portfolio von Microvision passt: Bislang hat MicroVision vorwiegend den Kurz- und Nahbereich abgedeckt, durch die Übernahme von Luminar und damit insbesondere den Halo-Sensoren von Luminar (ToF-LiDAR-Sensoren auf Basis von 1550 nm) könne MicroVision jetzt beide Bereiche abdecken. Als dritten Punkt verweist DeVos auf die intelligenten Köpfe von Luminar, die in Zukunft für MicroVision arbeiten.

Die zweite Übernahme innerhalb kurzer Zeit

MicroVision hatte erst vor kurzem das deutsche Unternehmen »Scantinel Photonics« übernommen, ein Spezialist für FMCW-Lidar (Frequency-Modulated Continous Wave) auf Basis einer 1550-nm-Technologie. Die Akquisition wurde Anfang dieses Jahres abgeschlossen. DeVos sieht die Scantinel-Akquisition als langfristige Investition, zum einen, weil die von Scantinel forcierte FMCW-Technologie unter Experten zwar als attraktive Technologie gilt, bis jetzt aber noch nicht ausgereift ist. Zum anderen ist DeVos überzeugt, dass die von Scantinel entwickelte Chip-Scale-Packaging-Technologie durchaus auch Vorteile für das bestehende MicroVision-Produktportfolio bietet.

LiDAR-Industrie muss konsolidiert werden

DeVos ist überzeugt und hat schon mehrmals betont, dass die LiDAR-Industrie eine Konsolidierung benötigt. Die Anzahl der LiDAR-Anbieter ist zwar schon zurückgegangen, aber LiDAR-Sensoren sind immer noch weit davon entfernt, in großen Stückzahlen in die Fahrzeuge zu wandern. Dies war aus seiner Sicht auch das Problem von Luminar. Es hätte extrem hohe Erwartungen an LiDAR und die Adaption im Markt gegeben, das hat nicht geklappt. Luminars Kostenstruktur sei aber auf Umsätze ausgelegt gewesen, die in dieser Form nicht eingetreten sind. Wobei DeVos betont, dass das kein spezifisches Luminar-Problem ist, sondern im LiDAR-Sektor weitverbreitet ist.

DeVos weiter: »deshalb sind diversifizierte Absatzmärkte jenseits der Automobilindustrie absolut erforderlich.« Im Automotive-Markt dauere es einfach sehr lange, bis Umsätze fließen, ohne eine Diversifizierung sei das für jedes Unternehmen extrem schwierig. Deshalb will MicroVision seine LiDAR-Sensoren auch in andere Segmente bringen, insbesondere in den industriellen Bereich und in den Defense-Markt. Mit Blick auf das industrielle Umfeld spricht DeVos von ADAS-Systemen für Gabelstapler, Baumaschinen etc. Bislang sind die Systemkosten in diesen Anwendungsgebieten zu hoch, aber mit Solid-State-LiDAR werde sich das ändern. Der Einsatz würde sich auf alle Fälle lohnen. In diesem Zusammenhang verweist deVos auf einen OSHA-Bericht (Occupational Safety and Health Administration), der besagt, dass es in den USA jährlich rund 30.000 Gabelstaplerunfälle mit durchschnittlichen Kosten von etwa 110.000 Dollar gebe.

Orlando bleibt bestehen

Die Übernahme von Luminar ermöglicht Microvision natürlich auch eine gewisse Konsolidierung und Optimierung der Ressourcen, Details zu Personalabbau oder Produktionsstandorten werden laut DeVos derzeit noch geprüft. Mit Blick auf Orlando erklärt er aber ganz klar, dass dieser Standort als potenzieller Produktionsstandort in den USA gesehen wird. Damit die Erwartungen an die Übernahme von Luminar erfüllt werden können, geht es natürlich auch darum, die Kundenbeziehungen von Luminar wirklich nutzen zu können, deshalb erklärt DeVos, dass es jetzt darum geht, Vertrauen wieder aufzubauen, Kunden und Zulieferer müssten überzeugt werden, dass MicroVision ein verlässlicher Partner sei und Zusagen einhalte.

Autonomes Fahren ist vielleicht doch nicht der Bringer?

Die vor kurzem erfolgte Ankündigung von Mercedes-Benz dürfte auf alle Autonomes-Fahren-Enthusiasten ernüchternd wirken. Das Unternehmen galt als Vorreiter, Mercedes-Benz war das erste Unternehmen mit einem zugelassenen SAE-Level-3-Sytem in Serienfahrzeugen. Dass jetzt genau dieses Unternehmen erklärt, dass es vorerst Level 3 nicht mehr anbietet, dürfte das autonome Fahren nicht wirklich beflügeln. Liegt es daran, dass der OEM davor zurückschreckt, die Verantwortung übernehmen zu müssen? DeVos: »Die Haftungsfrage ist für jeden OEM, selbst wenn es sich um einen Premium-Anbieter handelt, ein wirklich schwerwiegendes Problem, dementsprechend sind die Hersteller gezwungen, schrittweise vorzugehen.« Das bestätigt für ihn aber auch, dass LiDAR und Level 3 derzeit noch zu teuer sind, so dass die Akzeptanz im Markt zu niedrig ist. DeVos weiter: »Das Interesse an LiDAR bleibt dennoch hoch, nicht wegen Level 3 sondern eher zur Verbesserung von Parkfunktionen oder dem Schutz vulnerabler Verkehrsteilnehmer. Wir verfolgen das Ziel, dass ein LiDAR-Sensor unter 200 oder sogar nur 100 Dollar kostet.«

Genau darum geht es: Kosten

DeVos betont seit langem, dass die Kosten für LiDAR-Sensoren deutlich sinken müssen, um die Technologie in die Serienfahrzeuge zu bringen. Das wiederum hält er für zwingend erforderlich, denn Multi-modale Systeme sind die einzige Möglichkeit, um Perception-Systeme wirklich robust zu machen«, so DeVos.

Wenn aber die Kosten das Hauptkriterium darstellen, stellt sich die Frage, ob ein westliches Unternehmen gegen chinesische Low-Cost-Anbieter überhaupt konkurrieren kann. Davon ist DeVos überzeugt. Selbst wenn Microvision chinesische Anbieter vielleicht preislich nicht unterbieten könne, könne das Unternehmen noch durch einen anderen Punkt überzeugen: Software. In diesem Zusammenhang verweist er beispielsweise auf intelligente Algorithmen zur Auswertung der LiDAR-Punktwolken, die die Sicherheit erhöhen und die Kosten senken. DeVos weiter: »Außerdem stellen wir den OEMs eine offene Software-Plattform zur Verfügung, auf der ihre eigenen Funktionen entwickeln können.

Darüber hinaus dürfte es aufgrund der derzeit herrschenden geopolitischen Spannungen für MicroVision durchaus von Vorteil sein, dass es ein westlicher Anbieter und eben kein chinesisches Unternehmen ist.

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