Enforce Tac Conference

Automotive-Know-How soll Europas Verteidigung beschleunigen

2. März 2026, 10:03 Uhr | Corinne Schindlbeck
Panel »Industrie und Innovation« auf der Enforce Tac Conference: Wie kann die Automotive-Industrie Defence-Startups dabei helfen, ihre Innovationen zu skalieren? (V.l.n.r: Jasmin Rott, Daimler Truck, Michael Mittelstädt, BW Consulting, Bernd Schäfer, P3 Group, Roberta Randerath, ARX Robotics und Moderator Adrian Thomas, NXTGN Management GmbH.
© Componeers GmbH

»Wir haben nicht bis 2029 Zeit«: Auf der Enforce Tac Conference diskutierten Vertreter aus Automobilindustrie, Defense-Tech und Beratung, wie Innovationen schneller in die Massenproduktion gelangen können. Als Blaupause gilt die Zusammenarbeit zwischen ARX Robotics und Daimler Truck. 

Diesen Artikel anhören

Moderator Adrian Thoma, Startup-Experte der NXTGN Management GmbH, brachte den Anspruch des Panels gleich zu Beginn auf den Punkt: »Unser Ziel ist es, mehr Innovationen aus der Wissenschaft in den Markt zu bringen.« Verteidigung sei eines der dynamischsten Themen Europas und verlange schnell skalierende Fähigkeiten bei extrem kurzen Innovationszyklen – sichtbar etwa am Krieg in der Ukraine.

Baden-Württemberg, Mitorganisator des Panels auf der erstmalig stattfindenden Enforce Tac Conference, sehe sich dabei in einer besonderen Rolle. In den vergangenen Jahren hätten sich dort zwei starke industrielle Ökosysteme herausgebildet: ein global führender Automobilsektor sowie eine wachsende Verteidigungsindustrie mit Unternehmen wie Airbus Defence and Space, Diehl Aerospace oder Hensoldt. Nun gehe es darum, beide stärker zu verzahnen, erläuterte Thoma. Kooperationen zwischen klassischen Industriekonzernen und jungen Defense-Start-ups seien bereits ein sichtbares Zeichen dieser Entwicklung.

Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit von Daimler Truck mit dem Start-up ARX Robotics. Dort werde deutlich, wie Verteidigungsanforderungen, Fertigungskompetenz und Automotive-Produktionsprozesse zusammenfinden könnten. 

Doch lassen sich Automotive-Prinzipien tatsächlich auf die Rüstungsproduktion übertragen? Bernd Schäfer von der Beratung P3 sieht in der Tat große Schnittmengen. Viele Themen aus der Automobilindustrie ließen sich in die Verteidigungsindustrie übertragen, erklärte er. Zwar unterschieden sich Stückzahlen und Anforderungen erheblich, doch ließen sich Prozesse und Organisationsprinzipien durchaus adaptieren. Auch bei kleineren Serien könne man hochskalierbare Produktionsmethoden einsetzen. Entscheidend sei der Wechsel von projektorientierten zu prozessorientierten Strukturen – genau diesen Wandel begleite P3 derzeit in vielen Unternehmen.

Der Druck zur Skalierung wächst

Aus militärischer Sicht sei die Nachfrage massiv gestiegen. Eine Bundeswehrbrigade mit 5000 Soldaten benötige täglich rund 210 Tonnen Munition sowie große Mengen an Treibstoff und Wasser. Zudem werde in den kommenden drei Jahren ein Bedarf von 40.000 bis 60.000 militärischen Lkw erwartet. »Diese große Menge an Fahrzeugen müssen wir aufbauen und in unser System bringen«, hieß es aus der Industrie. Das Problem: Die bestehenden Kapazitäten der Verteidigungsproduktion seien vielerorts bereits ausgereizt.

Hier bringt sich die Automotive-Industrie ins Spiel und verweist auf ihre Erfahrung in Skalierung, Industrialisierung und Lieferkettenmanagement. Dieses Wissen solle nun stärker in militärische Produktionslinien übertragen werden, um Kapazitäten auszubauen.
Für ARX Robotics betonte Roberta Randerath, dass die Zusammenarbeit mit etablierten Herstellern ein klarer Vorteil sei. »Wir können viele Synergien nutzen«, sagte sie. Ihr Partner Daimler Truck verfügt über Skalierungsfähigkeiten und bestehende Flotten, während ARX Robotics Software-Kompetenz, KI-Know-how und operative Erfahrungen einbrächten. Diese Kombination ermögliche es, Systeme schneller zu iterieren und den Nutzen im Einsatz zu maximieren.

Aus militärischer Perspektive warnte Oberst a. D. Michael Mittelstädt jedoch vor zu einfachen Übertragungen. Man müsse differenzieren, erklärte er. Standardisierte Produkte ließen sich durchaus industrienah beschaffen. Neue militärische Systeme hingegen müssten zunächst speziell entwickelt, getestet und angepasst werden. Hier wolle das Militär naturgemäß stärker Einfluss nehmen, während bei Massenprodukten die Industrie größere Freiheitsgrade habe.

Wie groß die Produktionskapazitäten tatsächlich sind, machte Jasmin Rott von Daimler Truck deutlich: »Momentan können wir bis zu 450 Lkw pro Tag produzieren.« Allerdings hänge die tatsächliche Leistung stark von der Konfiguration ab. Je stärker Fahrzeuge spezialisiert würden, desto schwieriger werde ihre Produktion und desto länger die Lieferzeit. Daher versuche man, stärker auf Off-the-Shelf-Lösungen zu setzen und diese für mehrere Streitkräfte nutzbar zu machen, um Entwicklungszeiten zu verkürzen. Parallel arbeite das Unternehmen daran, sein militärisches Portfolio auszubauen und sucht weiter gezielt nach zuverlässigen Partnern.

Doch selbst wenn Unternehmen bereit seien zu skalieren, gehe Zeit verloren. Wo genau, darauf hatte Moderator Thoma nachgehakt. Schäfers Antwort fiel eindeutig aus: »Ehrlich gesagt, überall.« Produktionsprozesse, Lieferketten, IT-Systeme, F&E-Schnittstellen und Mitbestimmungsstrukturen müssten oft gleichzeitig angepasst werden. In der Regel benötigten Unternehmen 12 bis 24 Monate für eine grundlegende Transformation. Ziel sei dabei nicht zwingend Massenproduktion, sondern zunächst der Schritt von Einzel- zu Serienfertigung.

Start-ups hätten bei der Skalierung andere Herausforderungen, erklärte Randerath. Moderne Systeme würden heute modular und skalierbar entwickelt. Panzer seien ursprünglich nicht für Skalierung gedacht gewesen, neue autonome Systeme hingegen schon. ARX setze bewusst auf Standardkomponenten, um die Industrialisierung zu erleichtern. Eigene Produktionskapazitäten seien begrenzt, doch mit Industriepartnern könne man schnell skalieren. Neue Produktionsstandorte würden deshalb von Beginn an für bestehende Automotive-Linien ausgelegt.

Größte Hürde Beschaffung

Ein zentrales Spannungsfeld bleibt die Beschaffung. Einerseits wachse der Bedarf an Innovation, andererseits blieben militärische Beschaffungsprozesse komplex und reguliert. Mittelstädt sieht darin nicht etwa Behäbigkeit, sondern notwendige Sicherheitsmechanismen. Standards und Tests seien unverzichtbar, um einsatzfähige Systeme zu gewährleisten. Gleichzeitig brauche es neue Plattformen und Schnittstellen für den Austausch zwischen Militär und Start-ups sowie Experimentierumgebungen für neue Technologien, bekräftigt er.

Randerath sieht die größte Hürde klar in der Beschaffung. »Unser Labor ist faktisch das Schlachtfeld in der Ukraine«, sagte sie zugespitzt. Die Politik beginne jedoch umzudenken. Neue Beschaffungsmodelle mit mehreren Anbietern zeigten, dass Geschwindigkeit und Masse zunehmend wichtiger würden als die perfekte Einzellösung.

Auch in der Lieferkette verschieben sich Prioritäten. Für Daimler Truck sei Resilienz zentral, betonte Rott. Kritische Komponenten würden möglichst von mehreren Lieferanten bezogen. Gleichzeitig rief sie potenzielle Zulieferer dazu auf, sich aktiv zu melden – neue Partnerschaften seien ausdrücklich erwünscht.
Für eine schnelle Skalierung in Europa sei zudem eine Reduzierung der Variantenvielfalt notwendig, betonten die Diskutanten. Weniger Varianten erleichterten Planung, IT-Integration und Produktionsausbau – eine Voraussetzung für echte Massenproduktion im Verteidigungsbereich.

Am Ende formulierten die Diskutanten ihre zentralen Hebel: stärkere Vernetzung, mehr Partnerschaften und vor allem ein viel höheres Tempo. Die politische Unterstützung sei vorhanden, die industrielle Basis ebenfalls. Nun gehe es darum, entschlossen zu handeln. »Wir haben nicht bis 2029 Zeit«, mahnte Randerath. 

 


Lesen Sie mehr zum Thema


Das könnte Sie auch interessieren

Jetzt kostenfreie Newsletter bestellen!

Weitere Artikel zu Daimler AG

Weitere Artikel zu Automotive

Weitere Artikel zu Arbeitswelt