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Wie stark kann Chinas Halbleiterindustrie werden?

26. März 2021, 08:46 Uhr   |  Iris Stroh

Wie stark kann Chinas Halbleiterindustrie werden?
© Markt&Technik

Während der embedded world 2021 diskutierten Prof. Dr.-Ing. Axel Sikora, Chairman der embedded world Conference, Prof. Allan He, Deputy Director Embedded System Associations, Iris Stroh (Markt&Technik), Michael Haidar, Global Vice President of Sales Americas and EMEA von Gigadevice Semiconductor, und Dr. Jiwei Jiao, Vice President von Siwave (v.o.l.n.u.r.) über China und seine Rolle in der globalen Halbleiter-Wertschöpfungskette und beantworteten Fragen vom virtuellen Publikum

China ist der größte Abnehmer von Halbleitern, und das seit Jahren. 2019 wurden 35 Prozent des Halbleiterumsatzes in China erwirtschaftet, auf chinesische Halbleiterhersteller entfallen aber nur 5 Prozent des weltweiten Halbleitermarktes.

Dieser Anteil ist der chinesischen Regierung bekanntermaßen zu gering. Schon seit vielen Jahren versucht die chinesische Regierung, mithilfe von enormen Investitionen die eigene Halbleiterindustrie zu fördern, um China langfristig von ausländischen Herstellern unabhängig zu machen. Erst Ende 2020 wurde die zweite Phase des Nationalen Investitionsfonds mit einem Umfang von knapp 30 Mrd. Dollar angekündigt. Mit diesen Fördergeldern wird jetzt das Ziel verfolgt, dass China in der Fertigung von 28-nm-CMOS-Prozessen erstmals unabhängig vom Ausland wird. 

Bislang haben die Milliardeninvestitionen China nur bedingt weitergebracht: von einem Marktanteil von unter 1 Prozent 2001 auf 5 Prozent im Jahr 2019. IC Insights stellt in seiner letzten Analyse auch infrage, ob China jemals ein wichtiger Player am Halbleitermarkt werden wird. Die Analysten von Strategy Analytics beurteilen die Situation komplett anders: Sie glauben, dass China seine Unabhängigkeit bei der Produktion auf Basis des 28-nm-Knotens innerhalb von zwei Jahren erreichen wird, trotz Entity-Liste.

Nachhaltiges Wachstum 

»China befindet sich in einer kritischen Phase. Nach vierzig Jahren hohen Wachstums muss die Regierung in moderne Technologien investieren, um auch in Zukunft ein weiteres nachhaltiges Wachstum zu erreichen, das ist auch in sozialer Hinsicht wichtig. Und Halbleiter spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle«, betont Dr. Jiwei Jiao, Vice President von Siwave, auf einer virtuellen Panel-Diskussion während der embedded world 2021, an der noch weitere Personen (siehe Bild) beteiligt waren. 

China hat in seinem neuen Fünfjahresplan sieben Schlüsselbereiche im Zusammenhang mit Technologie benannt, die es vorantreiben will: künstliche Intelligenz der nächsten Generation, Quanteninformation, Hirnforschung, Genforschung und Biotechnologie, klinische Medizin und Gesundheit, Erforschung des tiefen Weltraums, der Tiefsee und der Polargebiete und eben Halbleiter.
Dass in China bereits viel Geld in den Aufbau der Halbleiterindustrie geflossen ist, bringt Prof. Dr.-Ing. Axel Sikora, Chairman der embedded world Conference, zu der Frage, ob das Geld immer zielführend und nachhaltig investiert wurde. Auch wenn in dem einen oder anderen Fall die Investitionen nicht das erwartete Ergebnis gebracht haben, ist Jiao persönlich davon überzeugt, dass der Weg der richtige ist.

Die Regierung investiere so viel Geld, um China auf seinem Weg der Transformation, weg von der alten Wirtschaft zu einer neuen, zu helfen. Und hier spielen seiner Meinung nach Halbleiter eine entscheidende Rolle. Ähnlich bewertet Prof. Allan He, Deputy Director Embedded System Associations, die Situation. Die Investitionen sind auch heute noch in den meisten Bereichen wichtig, denn »China ist immer noch zu stark auf die Fertigung von elektronischen Geräten fokussiert; gleichzeitig ist die Halbleiterindustrie in China immer noch von ausländischen Unternehmen abhängig«.

Die Entity-Liste hat natürlich ihre Auswirkungen, denn geht es um Equipment und Tools, dann sitzen die größten Lieferanten in den USA, Japan oder Europa. Prof. He: »Geht es um Tools, dann ist China immer noch stark von ausländischen Anbietern abhängig. Das gilt auch für die Equipment-Seite.« Und Jiao fügt hinzu, dass in beiden Bereichen noch ein langer Weg zu gehen sei, bevor China hier selbstständig sei. 
Ob unter diesen Voraussetzungen die Zeitvorgaben bezüglich der 28-nm-Ziele eingehalten werden können, wird sich zeigen. Aber Jiao betont ganz klar, dass die Vereinigten Staaten diese Auseinandersetzung noch nicht gewonnen hätten, sie hätten nur die Entwicklungen verlangsamt. Fortschritte gäbe es auf alle Fälle: »Beispielsweise gibt es ein chinesisches Unternehmen, das vor drei Jahren noch zu 100 Prozent von ausländischen Anbietern in Bezug auf das Equipment angewiesen war. Inzwischen kommen 80 Prozent der Systeme von inländischen Anbietern.«

Die Entity-Liste eröffne also durchaus auch Chancen für chinesische Unternehmen. »Sowohl chinesische Equipment- als auch EDA-Tools-Anbieter haben dadurch eine Chance, Vertrauen aufzubauen, die Lernkurve zu verkürzen und ihre Technologien schrittweise zu verbessern.« Ohne Zwang würden die chinesischen Hersteller wohl eher weiter auf ausländische Anbieter setzen. Jiao weiter: »Wir machen also durchaus Fortschritte.« 

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1. Wie stark kann Chinas Halbleiterindustrie werden?
2. In Nischen ist China durchaus führend

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