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Forderung erneuert: Europa muss technologisch souverän bleiben

04. März 2021, 13:48 Uhr   |  Iris Stroh

Forderung erneuert: Europa muss technologisch souverän bleiben
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Bereits im Januar hatte der VDE einen Masterplan für die Mikroelektronik gefordert, um die technologische Souveränität in Deutschland/Europa zu erhalten. Jetzt folgt eine ähnliche Stellungnahme vom VDE/ZVEI, aber auch aus den USA sind entsprechende Forderungen zu hören.

Im Januar erklärte der VDE: »Die Mikroelektronik muss in Europa bleiben, wir brauchen eine europäische Technologiestrategie, einen Masterplan. Um langfristig den Wohlstand zu wahren, muss Europa den Aufbau eigener Mikroelektronikfertigungen sehr viel stärker und engagierter forcieren. Die systemrelevante Chip-Industrie hat Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Die aktuelle Krise in der Autoindustrie zeigt, wie hoch die Abhängigkeit unserer Industrie von Halbleiterherstellern in Asien und USA ist. Europa muss bei Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik technologisch souverän bleiben. Wir brauchen in Europa die Fähigkeit, auch in Krisenzeiten und trotz unterbrochener Lieferketten, die Industrieproduktion fortzuführen.«

In der heute veröffentlichen Verlautbarung von VDE und ZVEI heißt es ebenfalls: »Europa muss bei Schlüsseltechnologien wie der Mikroelektronik technologisch souverän bleiben. Wir brauchen in Europa die Fähigkeit, auch in Krisenzeiten und trotz unterbrochener Lieferketten, die Industrieproduktion fortzuführen«, sagen VDE Präsident Prof. Dr. Armin Schnettler und ZVEI-Präsident Dr. Gunther Kegel.

Wobei immer betont wird, dass technologische Souveränität keinesfalls Abschottung und Protektionismus bedeute. »Es ist nicht notwendig, alles selbst vor Ort produzieren zu können. Vielmehr ist es wichtig, globale Wertschöpfungsnetzwerke zu erhalten und gleichzeitig in Europa den Führungsanspruch in bedeutenden Technologiefeldern zu sichern und auszubauen. Für die Unternehmen geht es um Resilienz, das heißt, mit Unsicherheiten und Risiken in der global vernetzten digitalen Welt des 21. Jahrhunderts umzugehen«, so Kegel.

Schnettler ergänzt die Notwendigkeit einer europäischen Technologiestrategie: »Um langfristig den Wohlstand zu wahren, brauchen wir einen Masterplan pro Technologie. Der Absatzmarkt in bedeutenden Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Mobilität und Quantentechnologien ist weltweit heiß umkämpft. Um im Wettbewerb mithalten zu können, muss Europa jetzt die Stellschrauben justieren.«

Da technologische Souveränität in Europa nicht aus sich selbst heraus entstehe, sei es gut, dass die Bundesregierung im engen Schulterschluss mit weiteren europäischen Mitgliedstaaten bereits 2018 ein »Important Project for Common European Interest« (IPCEI) für Mikroelektronik initiiert habe. Kegel betont, dass es nun gilt, diesen Weg konsequent fortzuführen und das zweite IPCEI für Mikroelektronik, schnellstmöglich umzusetzen und keine Zeit zu verlieren. VDE und ZVEI stehen der EU-Kommission und den EU-Mitgliedstaaten bei IPCEI-Projekten weiterhin beratend zur Seite.

Und wie sieht es in den USA aus?

Bereits im Januar war in einem Blog der SEMI (Industrieverband für die globale Elektronik-Design- und Fertigungslieferkette), zu lesen, dass Ajit Manocha, President und CEO der SEMI, einen Brief an die Biden-Administration geschickt hat, in dem es ebenfalls um die Stärkung der amerikanischen Fertigung, aber auch um Investitionen in Forschung und Entwicklung und um die Forderung, statt auf unilaterale US-Exportkontrollen auf multilaterale Ausfuhrkontrollen zu setzen. Die SEMI verspricht sich von multilaterale Ausfuhrkontrollen, bei alle wichtigen Herstellerstaaten die Ausfuhr entsprechender Güter kontrolliert, die Möglichkeit, dass gleiche Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden, dass damit die Wirksamkeit maximiert wird und dass »damit der Schaden für die nationale Sicherheit und die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der USA minimiert werden«. Die SEMI betonte damals auch, dass es für Hersteller von wichtigen Materialien und Halbleiterequipment in allen wichtigen Bereichen Alternativen außerhalb der USA gebe.

Die SIA (Semiconductor Industry Association, die sich als Repräsentant von 98 Prozent des US-Halbleiterindustrieumsatzes sieht) wiederum richtete sich Anfang Februar mit einem Brief an die Biden-Administration. Die SIA betont, ähnlich wie VDE/ZVEI für Europa, dass der Anteil der Halbleiterfertigung von 37 Prozent im Jahr 1990 auf heute 12 Prozent geschrumpft ist. Als Begründung für diesen Rückgang werden die beträchtlichen Subventionen angegeben, die von Regierungen weltweiter Konkurrenten angeboten werden und die den USA einen Wettbewerbsnachteil beim Bau neuer Fabriken beschert haben – auch dieses Argument ist in Europa zu hören. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den USA und Europa: Laut ZVEI entfallen auf amerikanische Halbleiterhersteller seit 2001 für rund 50 Prozent des weltweiten Halbleiterumsatzes, Europa liegt in diesem Zeitraum bei rund 10 Prozent. Starke Verlierer in dieser Zeit waren die japanischen Halbleiterhersteller, deren Anteil von 28 Prozent (2001) auf 10 Prozent (2019) geschrumpft ist. Korea wiederum ist der große Gewinner, denn koreanische Halbleiterhersteller konnten ihren Anteil am weltweiten Umsatz von ehemals 6 Prozent auf 19 Prozent im letzten Jahr (2012 waren es sogar 24 Prozent) steigern. China, das seit Jahren versucht seinen Anteil im Halbleitermarkt auszubauen und bereits viel Geld investiert hat, konnte hingegen seinen Anteil seit 2009 von 1 Prozent innerhalb von 10 Jahren nur auf 5 Prozent steigern.

Die SIA bemängelt aber auch, dass die staatlichen Investitionen in die Halbleiterforschung stagniert seien, während andere Regierungen erheblich in Forschungsinitiativen zur Stärkung ihrer eigenen Halbleiterkapazitäten investiert haben. Dementsprechend fordert die SIA Präsident Biden auf, Investitionen in die Halbleiterindustrie zu priorisieren, um die technologische Führungsposition der USA wiederherzustellen.

Am 25. Februar wiederum dankte Manocha/Semi Biden und den Kongressführern beider Parteien für ihre Unterstützung, Anreize für die US-Halbleiterfertigung und -forschung zu schaffen. »Die Einführung eines Investitionsfreibetrags und die Finanzierung der im letzten Jahr genehmigten Programme werden dazu beitragen, die benötigten Halbleiterfertigungskapazitäten in den USA aufzubauen und den sinkenden Anteil Amerikas an der weltweiten Chip-Produktion umzukehren.«

Die SEMI unterstützte ausdrücklich den »CHIPS for America Act« (Creating Helpful Incentives to Produce Semiconductors for America Act), der bereits im Juni letzten Jahres in den Kongress eingebracht wurde. Darin sind eine Reihe von staatlichen Investitionen zur Förderung der US-Halbleiterfertigung sowie rückzahlbare Investitionssteuerkredite (ITC) zum Kauf von Halbleiter-Equipment und andere Investitionen vorgesehen. Biden hat den »CHIPS for America Act in the FY 2021 National Defence Authorization Act (NDAA)«, mittlerweile unterzeichnet. Wobei es nicht nur darum ging, Anreize für Unternehmen zu schaffen, in den USA Halbleiterfertigungen aufzubauen, sondern auch darum, die derzeitigen Lieferengpässe von Halbleitern zu identifizieren – denn auch die amerikanische Automobilindustrie ist von Lieferengpässen betroffen -und zu minimieren.

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ZVEI Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie e.V., VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.