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ZVEI zum Halbleitermarkt

»Europas Chance liegt im Edge«

03. Dezember 2020, 11:34 Uhr   |  Gerhard Stelzer

»Europas Chance liegt im Edge«
© ZVEI

Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems: »Europas Chance liegt im Edge«.

Der Weltmarkt für Halbleiter entwickelt sich besser als die globale Konjunktur. Jedoch fällt Europe im weltweiten Vergleich weiter zurück. Eine Chance für Europa sieht der ZVEI in Edge-Technologien. Dazu solle Europas Halbleiterindustrie intensiv Förderprogramme nutzen wie IPCEI II.

Klimawandel, Handelskonflikte und die Corona-Pandemie stellten die Mikroelektronik derzeit vor Herausforderungen, böten aber auch Chancen, wie Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems (hauptberuflich für NXP tätig) in der traditionellen (diesmal virtuellen) Pressekonferenz zu Beginn der Adventszeit erläuterte.

Europa hat eine führende Position bei effizienten und nachhaltigen Technologien, so dass bezüglich des Klimawandels die Chancen überwiegen. Gegen die Handelskonflikte müsse sich Europa stark machen für den Erhalt und Ausbau eines auf den WTO-Regeln beruhenden Welthandels und eine richtig verstandene technologische Souveränität aufbauen. Bezüglich der Corona-Pandemie komme es darauf an, die Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger zu machen (Resilienz).
Für 2030 rechnet zur Verth mit 50 Mrd. Edge-Geräten, die auf ein paar Millionen Rechenzentren (Cloud) zugreifen. »Europas Chance liegt im Edge«, ist er überzeugt, denn Edge-Geräte werden zunehmend Cloud-Dienste ergänzen. Das Edge kann gegenüber der unmittelbaren Cloud-Kommunikation einige Vorteile verbuchen: Rechenleistung vor Ort gepaart mit KI-Funktionen wie maschinellem Lernen (ML) reduziert den Datenverkehr und die Rechenbeanspruchung in der Cloud, schützt die Privatsphäre durch die Übertragung semantischer Daten anstatt der Rohdaten und erhöht die Ausfallsicherheit eines gesamten Netzes durch Dezentralität. Gleichzeitig lässt sich die Energieeffizienz steigern, da das Gros der Daten an der Quelle und nicht in der Cloud verarbeitet wird.

Als Beispiel für eine Edge-Anwendung führt zur Verth ein Fahrzeug mit smarter Radar- bzw. Lidar-Sensorik an, bei dem die Sensordaten lokal am Edge ausgewertet werden und somit eine geringere Latenzzeit gegenüber der Cloud aufweisen. Von eventuell auftretenden Verbindungsproblemen zur Cloud ganz zu schweigen.

Nach den Halbleiter-Wachstumstreibern Smartphones und Server-Farmen in der letzten Dekade, gehöre die nächste Dekade von 2020 bis 2030 den Edge-Geräten, prognostiziert zur Verth. Im letzten Jahrzehnt sei es darum gegangen Big Data in die Cloud zu bringen, im nächsten Jahrzehnt gehe es darum, relevante Daten in die Cloud zu bringen.

Der Halbleitermarkt 2020

Klimawandel, Handelskonflikte und die Corona-Pandemie stellten die Mikroelektronik derzeit vor Herausforderungen, böten aber auch Chancen, erläuterte Stephan zur Verth von der ZVEI FG Halbleiter.
»Wir gehen davon aus, dass Cloud-Devices zunehmend um Edge-Devices ergänzt werden. Für Europa ist das eine große Chance«, erklärte zur Verth.
Beispiel für eine Edge-Anwendung ist ein Fahrzeug mit smarter Radar- bzw. Lidar-Sensorik an, bei dem die Sensordaten lokal am Edge ausgewertet werden und somit eine geringere Latenzzeit gegenüber der Cloud aufweisen.

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Halbleitermarkt schafft weltweit moderates Wachstum

»Weltweit wächst der Halbleitermarkt im laufenden Jahr um 4 Prozent auf 428 Mrd. Dollar«, stellte zur Verth fest. »Damit hat sich der Welthalbleitermarkt trotz der Corona-Krise überraschend gut entwickelt und schlägt sich besser als die globale Konjunktur.« Der europäische Markt erlebe 2020 allerdings einen starken Umsatzrückgang. In der Region Europa, zu der auch der Nahe Osten und Afrika (EMEA) hinzugerechnet werden, gehe der Markt im laufenden Jahr um etwa 8 Prozent auf 38 Mrd. Dollar zurück. Vor allem Deutschland verzeichne einen hohen Umsatzrückgang von rund minus 14 Prozent auf 12,3 Mrd. Dollar. Trotzdem fällt seine Prognose für den Halbleitermarkt positiv aus: »Im kommenden Jahr erwarten wir weltweit eine Umsatzsteigerung von 8 Prozent auf 463 Mrd Dollar und europaweit eine Umsatzsteigerung von 5 Prozent auf 38 Mrd. Dollar«, ergänzte zur Verth.

5G, KI und Edge-Technologie beschleunigen weltweites Wachstum

»Europa und besonders Deutschland erleben aufgrund ihrer hohen Anteile im Automotive-Markt sowie durch Segmente mit niedrigerem Speicheranteil einen stärkeren Umsatzeinbruch durch die Corona-Pandemie als andere Teile der Welt«, erklärte zur Verth. Bei Wachstumstreibern für den Welthalbleitermarkt handele es sich unter anderem um 5G, KI und die Edge-Technologie. Letztere sei die Voraussetzung für den Trend, relevante Daten („Relevant Data“) statt „Big Data“ in die Cloud zu bringen. Die Edge-Technologie begünstige Analysen und Handlungen in Echtzeit, beispielsweise beim Internet of Things und beim autonomen Fahren, da keine Verzögerung durch Netzwerklatenz vorhanden sei. »Wir gehen davon aus, dass Cloud-Devices zunehmend um Edge-Devices ergänzt werden. Für Europa ist das eine große Chance«, erklärte zur Verth.

Mit IPCEI II Europa für internationalen Wettbewerb stärken

»Ich bin sicher, dass unsere Branche in den kommenden Jahren nochmals mehr an Bedeutung gewinnen wird«, betonte zur Verth. »Die gesellschaftlichen Herausforderungen, die unter anderem aus dem Klimawandel, der demografischen Entwicklung und der Ressourcenknappheit resultieren, erfordern neue digitale Lösungen.« Der ZVEI befürwortet daher ausdrücklich, dass die EU-Kommission und die Bundesregierung mit einem zweiten IPCEI (Important Projects of Common European Interest) zur Mikroelektronik die europäische und deutsche technologische Souveränität in diesem Schlüsselbereich stärken und einseitige Abhängigkeiten reduzieren wollen. »Damit Europa bei Schlüsseltechnologien wie 5G, KI und Edge Computing eine führende Rolle einnimmt, müssen jetzt die Weichen neu gestellt und mithilfe des Instruments IPCEI Investitionen in zukünftiges Wachstum angestoßen werden«, erläuterte zur Verth. Die Politik müsse dafür nicht nur einen Rahmen setzen, sondern auch Anreize schaffen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in einer zunehmend volatilen Welt stärken.

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