Taiwan AI Island

Technik für die KI-geführte Fabrik

12. März 2026, 13:46 Uhr | Ute Häußler
Taiwan zeigt auf der Embedded World 2026, wie sich die asiatische Insel von der globalen Tech-Werkbank zum Taktgeber für Edge-KI in der Industrie wandelt.
© Componeers

Taiwan zeigt auf der #ew26 in Nürnberg, wie es sich von der globalen Tech-Werkbank zum Treiber für Edge-KI in der Industrie wandelt. Mit Komponenten rund um KI-Agenten, das AIoT und Physical AI setzt der asiatische Tech-Standort mit dem Motto »Beyond the Cloud: AI at the Edge« ein klares Zeichen.

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Wer seinen Messebummel durch die Nürnberger Hallen startete, kam am Taiwan Excellence Pavilion in Halle 2 kaum vorbei. Der asiatische Tech-Standort – 141 Aussteller machen Taiwan zum größten ausländischen Teilnehmer der embedded world 2026 – hat seinen Messeauftritt mit gewohnter Spielfreude inszeniert. Was wäre ein Taiwan-Stand ohne die »Miller Twins«? Enthusiatisch wie immer moderierten die Zwilllinge das Technologie-Schaufenster am ersten Messetag, dieses Jahr unter dem Motto »Beyond the Cloud: AI at the Edge«. Das Ergebnis war ein kurzweiliger technologischer Status Quo Taiwans und vor allem ein sehr konkreter Ausblick wie die Künstliche Intelligenz Hand in Hand mit der Robotik die autonome Fabrik der nahen Zukunft definiert.


Fun Fact für Tech-Nerds und Entwickler: Wussten Sie, was »Guai Guai« ist? Der traditionelle taiwanesische Snack – der Name bedeutet in etwa »brav sein« oder »gehorchen« – wird von taiwanesischen Ingenieuren neben Server und Netzwerkgeräte gestellt, damit die Technik reibungslos läuft. Angeblich nehme die Tech-Community den liebevollen Aberglauben sehr ernst. Und dass der Snack mit »ai« endet ist wohl auch kein Zufall.


Demokratie, Halbleiter und Work-hardt

Die Zahlen, die Taiwan auf der Embedded World 2026 präsentiert, machen Eindruck: Laut dem taiwanesischen Wirtschaftsministerium stieg die Industrieproduktion 2025 um 16,7 Prozent, das verarbeitende Gewerbe legte um 17,9 Prozent zu. Elektronische Komponenten wuchsen um 24,7 Prozent; die Computer- und Optoelektronik schoss um über 56 Prozent nach oben – getrieben durch KI-Anwendungen, High-Performance-Computing und die weltweit steigende Nachfrage nach Halbleitern. Für europäische Hersteller und Systemintegratoren ist das ein klares Signal: Taiwanesische KI-Hardwareplattformen werden verfügbarer, leistungsfähiger und deutlich stärker auf den Einsatz in der Industrie zugeschnitten.

»Taiwan und Deutschland teilen gemeinsame Werte: Demokratie, Freiheit und Menschenrechte«, betonte Botschafter Dr. Clement Gu als Leiter der deutschen Taipeh-Vertretung in seiner Eröffnungsansprache. Mit einem Augenzwinkern verwies er auf das demokratische Ranking der Economist Intelligence Unit – Taiwan Platz 12, Deutschland Platz 13 – und auf den weltweiten Sicherheitsindex, auf dem Taiwan mit Platz 4 glänzt. Der eigentliche Kern aber war: Über 90 Prozent aller KI-Server weltweit und der Großteil fortschrittlicher Halbleiter werden heute in Taiwan gefertigt. Sein Akronym für die Insel: »T-A-I-W-A-N – Top, AI, Wonderful, Attractive Nation.« Und der typische Vorname in Taiwan? Nicht Burkhard, Gerhard oder Leonhard – sondern »Workhard«. Das Publikum schmunzelte über so viel Wortwitz.

Benedikt Weyerer, Executive Director der Embedded World, begrüßte den wichtigen Aussteller mit einer persönlichen Geschichte: Seine erste internationale Dienstreise für die Nürnberg Messe habe ihn vor 14 Jahren nach Taiwan geführt. »You are very important for us« – man glaubt es ihm, sowohl menschlich wie professionell.

Always busi, always on. Der Tainwan Pavilion in Halle 2 war der Hotspot für Tech-Interessierte, insgesamt stellten 141 taiwanesische Aussteller in Nürnberg aus - und bildeten damit die größte Ausstellernation.
Always busi, always on. Der Taiwan Pavilion in Halle 2 war der Hotspot für Tech-Interessierte, insgesamt stellten 141 taiwanesische Aussteller in Nürnberg aus - und bildeten damit die größte Ausstellernation.
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Die Technik: Von Edge-AI-Appliances bis Physical AI

Den Auftakt der Technologievorstellungen – alle Unternehmen sind mit dem Taiwan Excellenz Award 2026 prämiert - machte Adlink Technology, ein auf Edge-Computing und Embedded-Systeme spezialisierter Anbieter. Taita Chou zeigte, wie das Unternehmen KI an der Schnittstelle von Robotik und sogenannter Agentic AI positioniert: nicht mehr nur als Werkzeug zur Bildverarbeitung, sondern als eigentliche Schaltzentrale im Roboter. Konkret heißt das, dass Adlink Steuerung und KI direkt in Lösungen für Roboterarme, Cobots und zunehmend auch humanoide Roboter integriert, die schwere oder monotone Tätigkeiten in industriellen Umgebungen übernehmen sollen. Die in enger Zusammenarbeit mit Nvidia entwickelten Plattformen reichen dabei vom kompakten Einstiegssystem bis hin zu serverbasierten Hochleistungsrechnern – inklusive der für die Industrie so wichtigen EMI/EMC-Zertifizierungen.

Advantech, nach eigenen Angaben mit 42 Prozent Marktabdeckung weltweit führender Anbieter von Industrie-PCs, rückte das Thema Demokratisierung der KI in den Mittelpunkt. »AI is for everyone, not just for the rich«, brachte es Joey Hsu auf den Punkt. Herzstück dieser Strategie ist eine kompakte Edge-AI-Appliance, die mithilfe des Python-basierten AI-SAT-Frameworks die GPU-Kosten drastisch senken und gleichzeitig die verfügbare Token-Kapazität verdoppeln soll. Ergänzt wird sie durch eine energieeffiziente Qualcomm-Plattform, die sich in Kioske, Robotiklösungen oder Gesichtserkennungssysteme integrieren lässt. Gemeinsam zielen diese Systeme darauf ab, KI-gestützte Analysen in Echtzeit dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden – in die Fertigung, den Handel, das Gesundheitswesen oder in kritische Infrastrukturen – ohne dass dafür ein eigenes KI-Entwicklerteam notwendig wäre.

ASUS IoT setzte in Nürnberg weniger auf Produktdatenblätter als auf konkrete Anwendungsfälle. Silvia Kuo skizzierte ein Portfolio, an dem rund 1.000 KI-Entwickler arbeiten – eingebettet in einen Konzern mit 16.000 Mitarbeitern und über 18 Milliarden Dollar Jahresumsatz. So liefert ASUS IoT etwa die Computer-Vision-Systeme für autonome Busse, die in ländlichen Regionen Japans Fahrgastzahlen erfassen, das Umfeld analysieren und Sicherheitsfunktionen unterstützen. In europäischen Logistikzentren helfen die Systeme, Lagerflächen besser auszunutzen und Warenströme zu steuern. Besonders spannend für ein europäisches Publikum: Mehrere EU-Institutionen – darunter Parlamente und Gerichte – nutzen ASUS-Rechner für die automatische Transkription und Übersetzung von Debatten und Verhandlungen in Echtzeit. KI wird hier zum leisen, aber hochproduktiven Protokollanten demokratischer Prozesse.

DFI wiederum rückte als Hersteller von Industrie-Computern, Embedded-Mainboards und Edge-Computing-Plattformen die Gesamtbetriebskosten (TCO) ins Zentrum. Jarry Chang argumentierte, dass es für Betreiber großer IoT-Flotten nicht nur um den Anschaffungspreis, sondern vor allem um Ausfallzeiten, Serviceeinsätze und Lebensdauer geht. DFI begegnet diesem Problem mit einer sehr niedrigen Ausfallrate von 0,1 Prozent sowie einem klaren Fokus auf Cybersicherheit: hardware-basierte Schutzmechanismen, OTA-Updatefähigkeit und umfassende Remote-Wartungsfunktionen sollen verhindern, dass schlecht abgesicherte Edge-Geräte zum Einfallstor für Angriffe werden. Zertifizierungen für extreme Temperaturbereiche und hohe Schutzklassen sollen zudem sicherstellen, dass die Systeme auch im rauen Dauerbetrieb zuverlässig laufen. Die Botschaft: Embedded ist längst kein reines Hardwaregeschäft mehr, sondern ein Serviceversprechen über den gesamten Lebenszyklus.

Wie differenziert sich ODM-Kompetenz heute darstellen lässt, zeigte iBase Technology. Salvatore De Rosa, seit über 25 Jahren für taiwanesische Hersteller tätig, skizzierte eine Bandbreite an kundenspezifischen Lösungen: von robusten Industrie-Computern mit zwei GPU-Karten für Automatisierungsszenarien über kompakte Box-PCs auf NVIDIA-Jetson-Orin-Basis für Logistikroboter bis hin zu stromsparenden Smart-Farming-Systemen, die Hühnereier per KI sortieren. Im medizinischen Bereich präsentierte iBase ein Endoskopiesystem, das Ärzte bei der Befundung unterstützt und nur die relevanten Bilddaten in die Cloud überträgt. Neu im Programm: das kompakte 3,5-Zoll-Board ID966 mit Intels Panther-Lake-Prozessor und ein erweiterbarer Edge-AI-Rechner für anspruchsvolle Industrieumgebungen – beide ausgelegt für langjährige Verfügbarkeit und Serienproduktion.

Den größten Bogen spannte schließlich Nexcom. CEO Clement Lin beschrieb den Wandel des Unternehmens vom klassischen IPC-Hersteller zum Lösungsanbieter für KI-Maschinen, KI-Roboter und ganze KI-Fabriken. Im Zentrum steht der Begriff der »Physical AI« – also KI, die nicht nur Daten analysiert, sondern unmittelbar in die physische Welt hineinwirkt. Technisch setzt Nexcom dabei auf offene EtherCAT-Controller, die Industrieroboter, CNC-Maschinen, Cobots und autonome mobile Roboter (AMR) verbinden und KI-Module direkt in die Steuerungsebene einbinden. Die Robotik-Tochter NexCOBOT liefert dazu die passenden Schlüsselmodule für humanoide und nicht-humanoide Roboter. Lins Vision reicht vom einzelnen KI-gestützten Arbeitsplatz über die miteinander vernetzte Produktionslinie bis zur nahezu menschenlos betriebenen »AI Enterprise« auf Basis der ID3000-Architektur – ein Markt, den McKinsey in die Größenordnung von »trillions of US dollars« einordnet.

Taiwan positioniert sich als Edge-AI-Nation

Die sechs Präsentationen auf der Embedded World 2026 – ergänzt um kurze Produkt-Pitches von einem Dutzend weiterer Aussteller – zeichneten das Bild einer Tech-Nation im Übergang: vom verlängerten Fertigungsarm globaler Konzerne zum Innovationsmotor im Edge-KI-Zeitalter. Adlink, Advantech, Asus IoT, DFI, iBase, Nexcom und die 135 anderen Technologieanbieter stehen stellvertretend für die Industrie eines Landes, die ihre Stärken in der Halbleiterfertigung, dem Präzisionsengineering und auch der Systemintegration konsequent in Richtung KI verlängert. 141 Aussteller sprechen eine deutliche Sprache: Taiwan trat auf der Embedded World in gewisser Weise auch als Gastgeber auf und brachte seine Technologien, seine Innovationsfreude und seine »Hospitality« mit einem freundlichen, KI-gestützten Lächeln nach Nürnberg. (uh)


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