CEO-Roundtable auf der electronica 2018  Künstliche Intelligenz: »Auf vielen Ebenen ist Europa führend«

Unter der Gesprächsleitung von Prof. Dr. Michael Dowling (Uni Regensburg) diskutierten gestern Jean-Marc Chery (STMicroelectronics), Dr. Reinhard Ploss (Infineon Technologies), Kurt Sievers (NXP Semiconductors), Dr. Dean Ding/Xianfeng Ding (Alibaba), Dr. Walden C. Rhines (Mentor Graphics) und Alexander Kocher (Elektrobit) beim CEO-Roundtable auf der electronica.

Die USA und China gelten allgemein als die beiden großen KI-Nationen. Doch auf dem CEO-Roundtable auf der electronica 2018 spricht ausgerechnet Alibabas CTO Europa eine führende Rolle auf diesem Gebiet zu.

»Auf akademischer Ebene ist Europa führend, die Research-Institute sind führend und auf dem Gebiet IIoT sind die großen Firmen wie Siemens und Bosch auch führend«, sagt Dr. Dean Ding, CTO der IoT Unit von Alibaba. Was hierzulande fehle, sei vor allem Venture-Capital und die unternehmerische Einstellung. Damit überraschte er auf dem Podium etwas. Ist nicht China führend, weil es riesige Datenmengen produziert und in KI investiert, schon weil es ein neues Gebiet zu sein scheint, auf dem die westlichen Industrien der chinesischen nicht voraus sind? 

Es kommt natürlich darauf an, aus welchem Blickwinkel KI betrachtet wird. Denn schon über die Definition sind sich die Experten gar nicht so einig. Für Dr. Reinhard Ploss geht es darum, eine Balance herzustellen zwischen der traditionellen, regelbasierten Steuerung und der neuen KI-Methode, die auf der Analyse großer Datenmengen beruht. KI alleine schaffe eben nie so ganz Klarheit, weil niemand genau wissen kann, wie ein KI-System zu seinen Entscheidungen kommt. »Wer weiß, was die Maschinen machen, wenn wir sie angelernt haben?« Deshalb käme es eben darauf an, die richtige Balance zu finden, die Modelle zu erstellen, die den kombinierten Modellen die Voraussagbarkeit verleihe. »Vorhersagbarkeit muss sein«, stimmt Alexander Kocher zu, President Automotive Business Segment und Managing Director von Elektrobit. »Regelbasierte und KI-Methoden müssen sich ergänzen.«

Einig waren sich die Teilnehmer des CEO-Roundtable darüber, dass KI ein Werkzeug ist. Sie kann Prozesse beschleunigen und effizienter machen, wie ein Taschenrechner das Rechnen. Entwicklungsprozesse lassen sich beschleunigen, Halbleiter-Fabs beispielsweise schneller hochfahren. Aber innovativ werden, das könnten KI-Systeme und ihre Kombinationen nicht. Vor allem taugt KI dazu, IoT umzusetzen. »IoT kam nicht so wie vorhergesagt«, meint Kurt Sievers, President von NXP Semiconductors. KI könne das ändern: »Zusammen mit den Daten der Sensoren machen sie IoT erst möglich.« Das sei die große Chance der Halbleiterunternehmen, denn ihre ICs bilden die Grundlage.

»Ganz neu ist es für uns ja gar nicht, wir setzen auch schon neuronale Netze in unseren Fabs ein, um die komplexen Prozesse zu steuern und zu erkennen, wenn etwas schief läuft«, ergänzt Jean-Marc Chery, President & CEO von STMicroelectronics. KI wäre also kein plötzliches, revolutionäres Ereignis, sondern ein kontinuierlicher Prozess: KI kommt schrittweise in die Edge-Geräte. Dort, wo sie auch hingehört, denn die Daten ständig in die Cloud zu übertragen wäre oft nicht möglich und auch zu teuer, wie Alexander Kocher, President Automotive Business Segment und Managing Director von Elektrobit, unterstreicht. Sein Unternehmen hat ebenfalls schon reichhaltige Erfahrung mit KI auf Softwareebene für den Einsatz im Auto gesammelt. Positiv hierzulande sieht er die Unterstützung durch kleine und mittlere Firmen, das Umfeld sei in dieser Hinsicht sehr gut. Nur auf der Ebene der Regulierungen könnte es schneller gehen, Testumgebungen für autonomes Fahren etwa wären dringend nötig.

Für Reinhard Ploss ist der Zugang zu den Daten eine der größten Herausforderungen für KI und ihren Einsatz im IoT. Dort wiederum hat China die Nase vorne. Weil dort alles staatlich gelenkt ist, sieht es auch aus Sicht der Infrastruktur besser aus. Kommunikationsinfrastruktur, die Infrastruktur für Smart Cities, hier müsse Europa gegenüber den USA und China laut Sievers aufholen. Vor allem aber müsste die Emotion aus dem Thema KI heraus. Weil Hunde teilweise in der Lage sind, über den Geruch Krebsarten besser zu erkennen als Ärzte, würde es doch nicht bedeuten, dass wir Hunde ab morgen zu Ärzten machen würden, so Chery. KI ist eben nur ein Werkzeug, das zum Guten und Schlechten genutzt werden kann, an sich nichts Neues. Um zu verhindern, dass es allzu leicht zum Schlechten gebraucht werden kann, sind umfangreiche Sicherheits- und Datenschutzfunktionen nötig, auch darüber waren sich alle auf dem Podium einig.

Die gute Nachricht: Auch hier hat Europa die Nase vorne. Europa sollte KI als eine große Chance betrachten.