Kommentar | Medizin als Lifestyle-Ware

Von der Badezimmerwaage zur »Longevity«-Station

8. Januar 2026, 14:42 Uhr | Ute Häußler
Keine normale Waage, sondern beworben als »Langlebigkeitsstation«. Die Body Scan 2 von Withings wird gerade auf der CES 2026 vorgestellt und misst - technisch wirklich beeindruckend - 60 Biomarker. FDA- und MDR-Validierung sollen folgen - oder unter der neuen amerikanischen Vorgabe auch nicht.
© Withings

Withings zeigt auf der CES eine technisch beeindruckende Waage für 60 Biomarker als »Longevity-Station«. Dahinter steckt ein größeres Problem: Medizinische Technologien werden zu Consumer-Gadgets – mit großen Heilsversprechen und wenig Validierung. Die neue FDA-Regelung verstärkt den Wellness-Trend.

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Nennen wir das Kind beim Namen: Wir sprechen über eine Personenwaage, wenn auch mit gewissen Benefits. Die »Body Scan 2« des französischen MedTech-Unternehmens Withings wurde in Las Vegas gerade mit dem »CES Innovation Award« ausgezeichnet. Die vernetzte Waage beinhaltet neben der reinen Gewichtsmessung fünf medizinische Messtechnologien: ein 6-Kanal-EKG, Impedanzkardiographie (ICG), Pulswellengeschwindigkeit (PWV), Ultra-Hochfrequenz-Bioimpedanzspektroskopie (BIS) und zwei KI-gestützte Risikomodelle. Das Gerät hat insgesamt acht Elektroden in der Glasoberfläche integriert, vier weitere stecken im ausziehbaren Griff und mit den insgesamt 12 Messpunkten läßt sich ein vollständiger Scan des Körpers durchführen. Diese Messung dauert 90 Sekunden, ein hochauflösender LCD-Farbbildschirm im Griff zeigt die Ergebnisse sofort an. Der wiederaufladbare Akku des Badezimmer-Tools soll bis zu 15 Monate durchhalten.

Fünf medizinische Technologien in einer Waage

Die in der zweiten Generation neu integrierte Impedanzkardiographie misst die Herzpumpfunktion durch Impedanzänderungen im Thorax während der systolischen und diastolischen Phase. Im Zuge der ewigen Jugend verspricht Withings damit Aussagen über Herzleistung, Herzreaktivität und ein errechnetes »Herzalter«. ICG wird klinisch seit Jahrzehnten diskutiert – allerdings als Alternative zum invasiven Pulmonalarterienkatheter bei Intensivpatienten. Die Methode ist bei hämodynamisch stabilen Patienten etabliert, ihre Zuverlässigkeit bei variablen Kreislaufsituationen wird jedoch in der Fachliteratur kontrovers bewertet.

Überhaupt ist das »Alter« wohl der böse Dämon der Langlebigkeit. So erfasst die Funktion der Pulswellengeschwindigkeit die Arteriensteifigkeit in Armen und Beinen und ermittelt daraus ein »Gefäßalter«. Diese Messung gilt tatsächlich als etablierter Frühwarnwert für kardiovaskuläre Risiken – vorausgesetzt, sie erfolgt unter standardisierten Bedingungen. Ob eine Selbstmessung im Badezimmer vergleichbare Reproduzierbarkeit erreicht, bleibt offen.

Die Ultra-Hochfrequenz-Bioimpedanzspektroskopie (BIS) soll Zellgesundheit, Stoffwechseleffizienz und ein »Zellalter« bestimmen. Die BIS nutzt ein Frequenzspektrum zur Körperanalyse und unterscheidet zwischen intra- und extrazellulärem Wasser. In der klinischen Praxis existieren jedoch keine internationalen Empfehlungen oder Standardisierungen für BIS, und die vermeintlich höhere Wertigkeit gegenüber monofrequenten Verfahren ist nicht eindeutig belegt. Beide Verfahren wird nachgesagt, dass sie die fettfreie Körpermasse bei Normalgewichtigen unter- und sie bei Übergewichtigen überschätzen.

KI-Modelle für Bluthochdruck und Blutzucker

Die »Longevity-Station« kommt natürlich nicht ohne Künstliche Intelligenz aus: Withings integriert gleich zwei proprietäre KI-Modelle: eines zur Risikobewertung für arterielle Hypertonie, ein weiteres für Störungen des Blutzuckerstoffwechsels. Die Hypertonie-Erkennung erfolgt ohne Blutdruckmanschette – allein durch den »Schritt auf die Waage«. Wie das Modell trainiert wurde, auf welchen Datensätzen es basiert und welche Sensitivität und Spezifität es erreicht, bleibt für die Öffentlichkeit erstmal unklar. Withings bezeichnet die KI-Modelle als »clinically validated« und gibt an, mit Kardiologen und Forschern zusammengearbeitet zu haben. Die Algorithmen basieren angeblich auf »billions of real-world measurements from the Withings ecosystem«.

Die Body Scan 2 verfügt derzeit weder über eine FDA-Zulassung noch über eine CE-Zertifizierung für die Kernfunktionen. In den USA steht die FDA-Clearance für die Hypertonie-Risiko-Benachrichtigungen und die Vorhofflimmern-Erkennung mittels 6-Kanal-EKG noch aus. Die Body Scan 1 ist für diese Funktion zertifiziert. In Europa fehlt die CE-Zulassung für die entsprechenden Messwerte. Der für das zweite Quartal 2026 geplante Marktstart ist derzeit noch explizit abhängig von diesen regulatorischen Genehmigungen. Der Preis soll bei knapp 600 Dollar liegen.

Und nun? Vom Messwert zum »Gesundheitsverlaufswert«

Die Technologie ist auf jeden Fall beeindruckend, doch was passiert mit den Werten im Alltag? Wie sollen Menschen die Waage als Gradmesser für Ihre Gesundheit nutzen? Die Withings-App fasst alle Messergebnisse in einem »Gesundheitsverlaufswert« zusammen und gibt personalisierte Empfehlungen aus. Zusätzlich müssen Nutzer über zwei integrierte Tasten Fragen zu ihrem Lebensstil beantworten, um »praktische Tipps für ein längeres und gesünderes Leben« zu erhalten. Diese Formulierungen signalisieren einen grundlegenden Perspektivwechsel: Nicht die Früherkennung von Krankheiten steht im Vordergrund, sondern die Optimierung von Gesundheit als kontinuierliches Selbstmanagement-Projekt.​

Withings positioniert die Body Scan 2 explizit als »Longevity-Station« und adressiert mit dem Buzzword ein nicht zuletzt dank Gurus wie Bryan Johnson (Zitat: »Der Tod ist ein technisches Problem, das sich lösen lässt«) boomendes Segment. Der globale Markt für Langlebigkeit soll 2028 über 600 Milliarden Dollar schwer sein. Doch die wissenschaftliche Substanz vieler Longevity-Versprechen ist dünn. Behandlungen wie Kältekammer, Rotlichttherapie oder die Verabreichung von Rapamycin basieren zumeist nicht auf evidenzbasierter Medizin, sondern auf Tierversuchen oder Einzelerfahrungen. Alena Buyx, Ethikerin und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, prognostiziert: »In ein paar Jahren wird sich ein wenig echte Wirkung und ziemlich viel Nutzlosigkeit herausstellen«.

Zwischen Innovation und Selbstoptimierungswahn

Die Body Scan 2 ist natürlich nur ein Beispiel für die mit Tech-Gadgets gestartete Verschmelzung von Medizin und Consumer-Elektronik. Fast alle auf der CES gezeigten »Gesundheitsgeräte« fallen in diese Kategorie. Doch die spezielle Waage demonstriert eindrucksvoll, wie ursprünglich für die Medizin vorgesehene Technologien aus dem klinischen Kontext in Konsumprodukte und Marketingversprechen überführt werden. Die technische Integration ist ambitioniert, die Sensorik anspruchsvoll. Doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Was bedeuten diese Messwerte für Menschen ohne medizinische Vorbildung? Ein »Herzalter« von 45 statt 40 Jahren – ist das relevant? Ein »Zellalter«, das zwei Jahre über dem chronologischen liegt – was folgt daraus? 

Natürlich ist eine präventive Gesundheitsvorsorge sinnvoll. Und wenn die Smartwatch einen Herzinfarkt erkennt, ist auch das sehr positiv. Doch die Grenze zwischen evidenzbasierter Früherkennung und selbstoptimierender Dauerüberwachung und der damit verbundenen Angst und übertriebenden Vor-Sorge verschwimmt immer mehr, laut Studien verfallen einige Nutzer durch die Wearable-getriebene Dauerüberwachung bereits in Stress.

FDA-Erleichterungen für fragwürdige »Wellness«-Produkte

Die regulatorische Entwicklung verschärft das Problem zusätzlich: Am 6. Januar 2026 kündigte FDA-Commissioner Marty Makary vor Ort auf der CES neue Leitlinien an, die noch mehr Wellness-Wearables von der Medizinprodukte-Regulierung ausnehmen. Die FDA will künftig »in der Geschwindigkeit des Silicon Valley« operieren und gibt Wellness-Tools mit einem eher geringen Risiko freie Bahn – solange sie keine klinischen Diagnose- oder Therapie-Claims machen.

Konkret bedeutet das: Wearables, die nicht-invasiv Blutdruck, Blutzucker oder die Herzrate tracken, fallen unter die Wellness-Ausnahme, sofern sie »ausschließlich für Wellness-Zwecke« gedacht sind. Genau hier liegt das Problem bei Produkten wie der Withings Body Scan 2: Zwei Features – die Hypertonie-Risikobenachrichtigung und das 6-Kanal-EKG zur Vorhofflimmern-Erkennung – erfordern eine FDA-Zulassung. Doch während Withings für diese Funktionen auf eine »neue Art der Zertifizierung« hofft, die schneller sein soll, hat das Unternehmen bereits gezeigt, wie man regulatorische Hürden umgeht: Die Gefäßalter-Funktion kam bewusst als »Wellness-Produkt« auf den Markt, um eine Zulassung zu vermeiden.

Die FDA-Erleichterungen schaffen damit systematisch Anreize, medizinisch relevante Messungen als »Wellness« zu deklarieren – und damit jeglicher wissenschaftlicher Validierung und klinischen Überprüfung zu entziehen. Cindy Cohn von der Electronic Frontier Foundation warnt eindringlich: »Ich würde den Menschen dringend raten, nicht zu denken, dass die Technologie dasselbe ist wie ein gut ausgebildeter, durchdachter, forschungsgetriebener Mediziner«. Hinzu kommt: Die gesammelten Gesundheitsdaten fallen nicht unter HIPAA-Schutz (Withings ist freiwillig konform), können also grundsätzlich zum Training von KI-Modellen genutzt oder weiterverkauft werden.

Technik Top, Nutzen bleibt offen

Withings verspricht auf der CES, die »schleichenden Folgen unseres Lebensstils sichtbar zu machen, lange bevor Symptome auftreten«. Das klingt attraktiv – setzt aber voraus, dass die Messwerte valide, reproduzierbar und klinisch relevant sind. Solange Studienprotokolle, Validierungsdaten und unabhängige wissenschaftliche Publikationen fehlen, bleibt die Langlebigkeitswaage ein absolut solides Technik-Statement mit offenen medizinischen und datentechnischen Fragen - und damit ein Wellness-Gadget des statt auf wirkliche Gesundheit auf höchsten Profit ausgerichteten Konsumzeitalters.

Der CES Innovation Award zeichnet innovative Technologien aus, nicht deren klinischen oder alltäglichen Nutzen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn die auf reichweitenstarke "Wow"-Ausrufe ausgelegte Marketingmaschine anspringt und die ersten Geräte mit viel Social-Media-Tam-Tam ausgeliefert werden. 

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