Analyse Jahresbericht 2025

KI-Push und Wachstum: Philips zurück auf Spur, Handbremse noch an

19. Februar 2026, 12:00 Uhr | Ute Häußler
Fest eingebaute, KI-gesteuerte Effizienz soll alle Philips-Medizinprodukte verbessern – einschließlich bestehender Kundensysteme.
© Philips

FDA Warning Letter, stagnierende Diagnostik, eine Milliarde Euro Vergleichszahlungen – und trotzdem solide Zahlen: Der Philips-Geschäftsbericht 2025 ist ein Dokument mit zwei Gesichtern. Was wirklich hinter den Zahlen steckt – und warum ausgerechnet die Medizintechnik das schwächste Wachstum zeigt.

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Ein »Warning Letter« der FDA, der nicht nur Beatmungsgeräte trifft, sondern auch den Ultraschall-Kernbereich und den europäischen Stammstandort Eindhoven – das ist der unangenehmste Satz im Philips-Geschäftsbericht 2025. Dass der Medizintechnik-geprägte Konzern gleichzeitig solide Zahlen vorgelegt und seine selbst gesetzten Ziele erfüllt hat, ist die gute Nachricht. Doch unter der Oberfläche offenbart das Jahr: Philips ist ein Konzern im Übergang – mit echtem KI-Momentum, aber strukturellen Baustellen, die noch nicht ausgeräumt sind.

Bildgebung legt zu, Diagnostik schwächelt

Das größte Medtech-Segment, Diagnose & Therapie, erwirtschaftete 8,5 Milliarden Euro und damit 48 Prozent des gesamten Konzernumsatzes. Während die bildgeführte Therapie ein mittleres einstelliges Wachstum verzeichnete, musste die Präzisionsdiagnostik-Sparte einen leichten Rückgang hinnehmen – trotz zahlreicher neueingeführter Produkte.

Technologisch setzt Philips hier auf volle KI-Integration: Das neue Spektral-CT-System Verida gilt als weltweit erstes detektorbasiertes Spektral-CT mit KI-Unterstützung und verspricht schärfere diagnostische Einblicke in einem einzigen Scan. Beim MRT arbeitet Philips an einem heliumfreien 3,0-Tesla-System mit der KI-Funktion SmartSpeed Precise: Aufnahmen sollen bis zu dreimal schneller entstehen und um bis zu 80 Prozent schärfere Bilder liefern. Das System ist allerdings noch in der Entwicklung und bislang in keinem Land zugelassen – was Philips ausdrücklich betont.

In der interventionellen Bildgebung meldete Philips die 5.000ste Installation seines mobilen C-Bogens Zenition und schloss im Januar 2026 die Akquisition von Spectrawave ab – einem amerikaniaschen Spezialisten für verbesserte Gefäßbildgebung in den Koronararterien.

Regulatorik: Baustellen über Respironics hinaus

Hier liegt der wohl heikelste Punkt des Jahres – und er betrifft den Medizintechnik-Kernbereich. Im September 2025 erhielt Philips nach FDA-Inspektionen an neun globalen Standorten einen »Warning Letter« für gleich drei Fertigungsstätten: Bothell (Washington), Reedsville (Pennsylvania) und Eindhoven. Die FDA stufte Produkte aus diesen Werken als »adulterated« ein – auf Deutsch: nicht verkehrsfähig. Konkret bemängelte die Behörde fehlende oder unvollständige Korrektur- und Vorbeugungsmaßnahmen (CAPA) trotz erkannter Sicherheitsrisiken, Designkontrollmängel sowie eine lückenhafte Risikomanagement-Dokumentation für neue Produktmerkmale. Dass Eindhoven – der europäische Stammstandort – auf dieser Liste steht, ist besonders bemerkenswert. CEO Roy Jakobs kommentiert das im Geschäftsbericht so:

»Die Beobachtungen an drei Standorten haben zu einem Warning Letter im September 2025 geführt. Philips ist entschlossen, diese Probleme zu beheben.«

Drei Sätze für ein Problem, das Seiten füllt. Mehr sagt Jakobs dazu nicht. Auch wenn der Konzernchef längst versprochen hatte, dass der teure Rückruf von CPAP- und BiPAP-Geräten aus dem Jahr 2021 weitgehend bewältigt sei, dürfte klar sein, dass die Nachwirkungen Philips weiterhin beschäftigen.

Denn auch wenn – über die nun unter Beobachtung stehenden Werke hinaus – bereits mehr als 99 Prozent der betroffenen Geräte global remediiert sind und in 31 Ländern die behördlichen Abschlussmeldungen erteilt wurden: In den USA darf Philips unter dem laufenden Consent Decree mit FDA und US-Justizministerium noch keine neuen Schlaf- und Beatmungsgeräte verkaufen.

Und auch die Bereinigung der Altlasten belastete 2025 noch die Gewinn- und Verlustrechnung mit 209 Millionen Euro an laufenden Kosten. Hinzu kam rund eine Milliarde Euro an Cash-Abflüssen für Vergleichszahlungen aus dem Respironics-Rückruf – was den ausgewiesenen freien Cashflow von 512 Millionen Euro in einem anderen Licht erscheinen lässt: Ohne diese Sonderbelastung sähe die Liquiditätslage strukturell deutlich besser aus.

Connected Care: Monitoring und Informatik wachsen

Das Segment Connected Care (5,1 Milliarden Euro, 28 Prozent des Konzernumsatzes) verbesserte sich um drei Prozent auf vergleichbarer Basis. Die Monitoring-Sparte wuchs im mittleren einstelligen Bereich, getragen von Verträgen für Überwachungs-Abonnements mit großen US-Klinikketten wie Hoag und Rady Children's Hospital. Mit dem neuen Telemetry-Monitor 5500 stellte Philips eine nächste Generation kardialer Überwachungsplattformen vor, die datengetriebenes Alarmmanagement und Personaleffizienz verbindet.

Hervorzuheben ist der ECG AI Marketplace, der KI-gestützte Diagnostikalgorithmen für Kardiologie-Teams an einem zentralen Zugangspunkt bündelt. In der Bildgebungsinformatik starteten Cloud-Dienste über sogenannte HealthSuites in Europa – fast 300 Kundenstandorte sind bereits live. Der Geschäftsbereich Notfallversorgung, wo automatische Defibrillatoren hergestellt werden, wurde im Verlauf des Jahres als eigenständiges Unternehmen unter dem Namen Heartstream abgespalten.

KI als strategischer Kern

Von den 700 im Jahr 2025 angemeldeten Patenten betreffen 57 KI-Lösungen – verteilt über alle Geschäftsbereiche. Clarivate kürte Philips zum führenden Medizintechnikunternehmen unter den Top-100-Global-Innovatoren 2025. Mit dem Aufbau eines KI-Prinzipienrahmens, einem Verantwortungsbüro für KI und der Integration von KI-Leitlinien in das Qualitätsmanagementsystem zeigt Philips, dass die regulatorische Absicherung von KI-Produkten – Stichwort EU AI Act und IEC 81001-5-1 – bewusst mitgedacht wird.

Medizintechnik ist nicht die Wachstumslokomotive

Das ist das strategische Kernparadox des Jahresberichts: Die klassischen Medtech-Segmente hinken dem Konsumergeschäft in allen Wachstumskennzahlen hinterher. Personal Health – Rasierer, Zahnbürsten, Babyprodukte – wächst mit 8 Prozent auf vergleichbarer Basis am stärksten und erzielt mit 18,0 Prozent EBITA-Marge die höchste Rendite im Konzern. Demgegenüber steht das medizintechnische Kerngeschäft, das mit 866 Millionen Euro den Löwenanteil des F&E-Budgets von 1,7 Milliarden Euro bindet, aber auf vergleichbarer Basis kein Wachstum erzielt.

Segment Umsatz 2025 Vergl. Wachstum Adj. EBITA-Marge
Diagnosis & Treatment 8,53 Mrd. € ±0% 11,7%
Connected Care 5,08 Mrd. € +3% 10,7%
Personal Health 3,67 Mrd. € +8% 18,0%

 

Das 8-Prozent-Wachstum bei Personal Health klingt stark – auf der kleinsten Umsatzbasis des Konzerns entspricht es absolut jedoch »nur« 277 Millionen Euro. Das stagnierte Diagnose-&-Therapie-Segment hätte mit einem einzigen Prozent Wachstum fast ein Drittel davon allein erzeugt. Oder vereinfacht zusammengefasst: Der große Motor läuft nicht, das ist das eigentliche Problem.

Für Medizintechnik-Fachleute ist das eine ernüchternde Botschaft: Der regulatorisch aufwendigste, innovationsintensivste und komplexeste Teil des Unternehmens trägt am wenigsten zum Wachstum bei – und erwirtschaftet die schwächsten Margen. Philips kommuniziert dies intern als notwendige Investitionsphase und setzt auf die mittelfristige Hebelwirkung seiner KI-Plattformen. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich im neuen Dreijahresplan 2026–2028 zeigen.

Was der Jahresbericht nicht betont

Trotz der konzerninternen Erfolgskommunikation gibt es aus Marktperspektive einige Punkte, die das Bild eintrüben. Die Zollbelastungen durch den US-Handelskonflikt schlugen Mitte 2025 unerwartet hart durch: Philips musste im Mai seine Konzernziele senken, nachdem Zölle einen Netto-Belastungseffekt von 250 bis 300 Millionen Euro verursachten. Im Nachhinein klingt das im Jahresbericht nach bewältigtem Gegenwind – tatsächlich war es ein ungeplanter Einschlag mitten im Geschäftsjahr.

Dazu kommt die Verschuldungssituation: Mit 5,3 Milliarden Euro Nettoverschuldung und einem Verhältnis von Nettoverschuldung zu bereinigtem EBITDA von 1,7 hat Philips zwar soliden, aber klar eingeschränkten Spielraum für größere Zukäufe oder Investitionssprünge. Und auch wenn mehrere Analystenhäuser die Aktie zuletzt heraufgestuft haben, senkten sie gleichzeitig ihre Gewinnerwartungen für 2026 und 2027. Das Vertrauen in die Richtung ist da – aber nicht ins Tempo.

Ausblick 2026–2028: Wachstum mit klaren Zielen

Für 2026 erwartet Philips ein vergleichbares Umsatzwachstum von 3 bis 4,5 Prozent und eine bereinigte EBITA-Marge von 12,5 bis 13,0 Prozent, bei einem freien Cashflow von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. Mittelfristig – bis 2028 – strebt der Konzern eine EBITA-Marge von rund 15 Prozent und einen kumulierten freien Cashflow von 4,5 bis 5,0 Milliarden Euro an, begleitet von 1,5 Milliarden Euro Produktivitätseinsparungen. Begleitend investiert Philips 150 Millionen US-Dollar in den Ausbau der US-Fertigung für KI-gestützte Gesundheitstechnologie.

Das Bild, das sich in der Gesamtschau ergibt: Philips hat seinen Dreijahresplan 2023–2025 im Rahmen seiner selbst gesetzten Ziele erfüllt – aber die Latte lag nach den Turbulenzen der Vorjahre vergleichsweise niedrig. Die Innovationspipeline ist real und stark, das KI-Momentum glaubwürdig. Doch solange Regulatorikbaustellen, Umsatzschwäche im vierten Quartal und die strukturelle Cashflow-Belastung durch Vergangenheitslasten das Bild prägen, bleibt Philips ein Konzern im Übergang – mit dem Potenzial, aber noch nicht dem Beweis, dass die Wende dauerhaft trägt.


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