Nur jeder fünfte Mann geht zum Prostata-Check, obwohl eine der häufigsten Krebsarten dadurch früh erkannt werden könnte. Ein Medizinprodukt für Zuhause des Startups Streamcheck soll die gefährliche Versorgungslücke schließen: Strahl- und Biomarkermessung plus IPSS-Screening – digital und diskret.
Entwickler und Ingenieure kennen das Problem: Routine-Checks am System? Selbstverständlich. Code-Reviews? Natürlich. Aber der eigene Körper? Da siegt die Prokrastination. Besonders wenn es um intime Untersuchungen bei Männern geht, endet das Monitoring meist an der Badezimmertür und viel zu oft kapituliert selbst die rationalste männliche Risikoanalyse vor diffuser Scham.
Intime Untersuchungen, körpernahe Diagnostik, das berühmte »Einmal bitte untenrum freimachen« – was für die allermeisten Frauen ein bis zweimal im Jahr Normalität ist, bleibt für die meisten Männer eine Grenze, die sie konsequent nicht überschreiten. Nur 22 Prozent aller Männer ab 45 Jahren nehmen die urologische Vorsorge in Anspruch.
Der niedrige Vorsorgewert blieb – allem Fortschritt in Aufklärung, Gesellschaft und Technik zum Trotz – in den letzten 50 Jahren unverändert. Dabei ist Prostatakrebs mit einem Viertel aller Krebsneuerkrankungen bei Männern in Deutschland eine der relevantesten Bedrohungen für deren Gesundheit. »Deutschlands Gesundheitssystem hat es nie geschafft, Männer wirklich zu erreichen«, bringt Sebastian Heidrich, Gründer und Geschäftsführer von Streamcheck, das Dilemma auf den Punkt.
Genau an dieser schmerzhaften Wahrheit setzt das Healthcare-Startup aus Leipzig an. Deren neues Vorsorge-Tool soll Männer dort abholen, wo sie ohnehin täglich sind – im Badezimmer. »Männer lassen sich ungern anfassen«, bringt Heidrich eine Erfahrung auf den Punkt, die Urologen seit Jahren frustriert. Die Idee: Wenn der direkte körperliche Kontakt zur Hürde wird, muss sich das Interface ändern – weg von der Untersuchungsliege, hin zum vernetzten Device für Zuhause.
Streamcheck überträgt das Prinzip moderner Health-Tracker in die Urologie – technisch solide, aber in der Nutzung möglichst einfach und ohne große Hürden. Kern ist ein smartes Messgerät, das beim Wasserlassen mithilfe der Uroflowmetrie den Harnfluss misst: Harnflussrate, Miktionsvolumen und die zeitliche Dynamik der Miktion werden als Verlaufskurve aufgezeichnet, wie es aus der ärztlichen Standard-Diagnostik bekannt ist.
Dazu erfasst das CE-zertifizierte Medizinprodukt für den Heimgebrauch auch für die Früherkennung relevante Biomarker wie den ph-Wert, Leukozyten, Nitrit, Glukose, Protein und Blut im Urin. Die Kombination erlaubt Hinweise auf entzündliche Prozesse, Stoffwechselstörungen oder andere urologisch relevante Veränderungen.
Die dazugehörige App führt Schritt für Schritt durch den Test, sammelt die Messdaten und erstellt automatisch einen digital signierten Fachbericht, inklusive »International Prostate Symptom Score« (IPSS). Der IPSS bildet typische Symptome wie nächtlichen Harndrang, abgeschwächten Harnstrahl oder Restharngefühl auf einer Skala von 0 bis 35 Punkten ab und dient weltweit als Standardinstrument zur Beurteilung prostatabedingter Beschwerden.
Der größte Bruch mit dem aktuellen Status Quo der urologischen Vorsorge ist die Taktung. Statt »Einmal im Jahr, wenn überhaupt« setzt Streamcheck auf monatliche Selbstchecks – zwölf kontrollierte Messzeitpunkte statt einer Momentaufnahme. Das verschiebt den Fokus von punktueller Früherkennung hin zu einer kontinuierlichen, alltagsnahen und damit frühestmöglichen Erkennung von Veränderungen, bevor Symptome drastisch werden.
Das Prinzip des zum Patent angemeldeten Medizingerätes erinnert an Condition Monitoring in technischen Systemen: Wer nur dann misst, wenn bereits eine Störung vorliegt, reagiert zu spät. Durch regelmäßige Datenerhebung lassen sich schleichende Veränderungen früher erkennen – bei der Prostata etwa ein allmählich abnehmender Harnfluss, wiederkehrende Entzündungszeichen im Urin oder ein zunehmender Symptom-Score. Ist alles normal, signalisiert die App »grün«; bei Auffälligkeiten wird zum digitalen Hinweisgeber mit der Empfehlung zur ärztlichen Abklärung.
Aus urologischer Sicht adressiert das in Kooperation mit der Universität des Saarlandes entwickelte Streamcheck-System nicht nur die Nicht-Vorsorge, sondern auch eine Lücke, die selbst in der urologischen Praxis gefährlich klafft. Denn obwohl die Uroflowmessung als Standard gilt und einmal im Quartal abgerechnet werden darf, wird sie in vielen Praxen deutlich seltener genutzt, als es die Abrechnungslogik hergeben würde. Prof. Dr. Stefan Siemer, kommissarischer Leiter der Klinik für Urologie und Kinderurologie am der saarländischen Uniklinik und Mitgründer von Streamcheck, erklärt: »Die Untersuchung ist fachlich unverzichtbar, aber im Praxisalltag schlicht zu zeitaufwendig.«
Auch hier punktet die Heimlösung: Die Messung läuft im Alltag des Patienten, das Gerät ist einfach zu reinigen und nach wenigen Minuten ist der Check auch schon durchgeführt. Falls das Medizingerät eine fachärztliche Abklärung empfiehlt, liefert es dem Urologen direkt strukturierte Daten und qualifizierte Fachberichte mit Uroflowmetrie-Daten, IPSS-Score und Biomarker-Ergebnissen, die sich ohne Medienbruch in die Diagnostik integrieren lassen. Für Ärzt:innen und Ärzte bedeutet das mehr Datenpunkte, weniger organisatorischen Aufwand – und damit mehr Zeit für Beratung und Therapieplanung.
Hinter dem unscheinbaren Gerät im Badezimmer stecken zweieinhalb Jahre Entwicklungsarbeit, Tests und Validierung. Seit dem 1. Oktober 2025 ist Streamcheck als Medizinprodukt nach EU-Medizinprodukteverordnung (EU) 2017/745 zertifiziert und erfüllt damit die hohen Anforderungen an Sicherheit, Qualität und klinische Leistungsfähigkeit, die für den EU-weiten Vertrieb notwendig sind. Gestartet wird in Deutschland, weitere EU-Märkte sind in Vorbereitung.
Für Männer, die ihre Gesundheit bislang eher zwischen Tastatur, Konferenzraum und Werkbank verloren haben, eröffnet das System eine pragmatische Option: Keine Heldenpose, kein »Männergesundheitskampagnen-Pathos« – sondern ein Messgerät im Bad, das sich wie jedes andere Tech-Tool bedienen lässt. Für das Gesundheitssystem wiederum bedeutet jeder gewonnene, früher erkannte Prostatapatient einen potenziell kleineren Eingriff, weniger Komplikationen – und einen Mann, der seine Health-Checks endlich genauso ernst nimmt wie sein nächstes Release oder den nächsten Werkstattcheck seines Autos. (uh)