Nach dem Verkauf des nicht-optischen Sensorgeschäfts an Infineon verbleibt die optische Vitaldatenerfassung für Wearables in Regensburg, die Röntgen-Sensorik für die radiologische Bildgebung geht »fabless« an Infineon. In der Medizintechnik fokussiert sich ams Osram jetzt auf lichtbasierte Sensorik.
Das ist keine übliche Konzernumstrukturierung: Der schuldengeplagte deutsch-österreichische Sensorik-Konzern ams Osram verkauft Teile seines Sensorgeschäfts für insgesamt 570 Millionen Euro an Infineon. Bezogen auf die Medizintechnik bedeutet diese Transaktion mehr als nur einen Eigentümerwechsel, sie zieht eine klare Trennlinie zwischen zwei technologischen Welten.
ams Osram verabschiedet sich mit dem Deal vom nicht-optischen Analog- und Mixed-Signal-Sensorgeschäft. Rund 230 Mitarbeiter an vier Standorten wechseln zu Infineon, die Transaktion soll im zweiten Quartal 2026 als Asset Deal abgeschlossen werden. Was auf den ersten Blick nach Konzentration auf das Kerngeschäft und damit reiner Schuldenreduktion aussieht, ist bei genauerer Betrachtung auch eine strategische Weichenstellung: ams Osram setzt künftig konsequent auf »Digital Photonics« – also auf alles, was mit Licht zu tun hat.
Die Aufteilung lässt sich geografisch gut nachvollziehen: In Regensburg, dem zentralen Standort für optische Halbleiter, der ironischerweise 1999 als Joint Venture mit Infineon gegründet wurde, bleibt die Vitaldatenerfassung auf Basis von Photonik bei ams Osram. In der 2003 entstandenen und damals weltweit modernsten Opto-Chip-Fabrik entstehen LEDs, optische Sensoren und Analog Frontends für PPG-basierte Systeme, die in Wearables Herzfrequenz, Blutsauerstoff und Atemfrequenz messen. Diese lichtbasierten Lösungen sind das, worauf sich ams Osram künftig fokussieren will.
Doch die Fokussierung hat ihren Preis: Parallel zum Infineon-Deal läuft im Zuge der Schuldenreduktion das Sparprogramm »Simplify«, bei dem weltweit 2.000 Stellen abgebaut werden – je etwa 1.000 in Europa und Asien. In Regensburg sollen laut einer Konzernmitteilung im »niedrigen bis mittleren dreistelligen Bereich« Jobs wegfallen, die IG Metall spricht von bis zu 500 Stellen. Teile der Halbleiter-Fertigung werden nach Asien verlagert, weil asiatische Wettbewerber kostengünstiger produzieren. Gleichzeitig plant ams Osram am niederbayerischen Standort Platz für hochautomatisierte Produktionsanlagen und neue, innovative Produktlinien zu schaffen. Die strategische Ausrichtung auf Photonik bedeutet offenbar auch: Verschlankung und Automatisierung.
In Premstätten hingegen entstanden bisher die X-Ray-Sensor-ICs für die Computertomographie. Diese Sensoren und ASICs für die medizinische Bildgebung gehören zum verkauften Portfolio, ebenso wie hochpräzise Temperatur- und kapazitive Sensoren für kontinuierliche Glukosemessung. Alles, was nicht optisch funktioniert, wandert zu Infineon – zumindest das Know-how und die Produktrechte.
Das österreichische Werk selbst bleibt bei ams Osram. Die Transaktion ist als »fabless deal« konstruiert: Infineon kauft keine Produktionsanlagen, sondern lässt die verkauften Komponenten im Rahmen einer mehrjährigen Fertigungsvereinbarung weiter in Premstätten produzieren. Von den 1.440 Mitarbeitern vor Ort wechseln lediglich 70 nach Graz zu Infineon. ams Osram kann so die Auslastung des Werks aufrechterhalten und die frei werdenden Kapazitäten mittelfristig für eigene Photonik-Produkte nutzen.
»In der Medizintechnik konzentriert sich ams Osram künftig konsequent auf optische Systemlösungen«, erklärt Dr. Markus Arzberger, Senior Director Vital Signs bei ams Osram. »Unsere optischen Emitter, Sensoren und Analog Frontends sind zentrale Bausteine für moderne, lichtbasierte Anwendungen – etwa in der optischen Vitaldatenerfassung. Damit adressieren wir gezielt Zukunftsfelder, in denen Präzision, Miniaturisierung und Energieeffizienz entscheidend sind.«
Für ams Osram macht die Fokussierung durchaus Sinn: Das Unternehmen reduziert seinen Pro-forma-Verschuldungsgrad von 3,3 auf 2,5 und kann sich auf einen technologisch zusammenhängenden Bereich konzentrieren. Das verkaufte Geschäft erzielte 2025 einen Umsatz von 220 Millionen Euro bei einem bereinigten EBITDA von 60 Millionen Euro, für 2026 werden rund 230 Millionen Euro Umsatz erwartet. Das ist solide, aber offenbar nicht mehr Teil der künftigen Identität.
Infineon wiederum baut seine Position im Medizintechnik-Sensormarkt gezielt aus und ergänzt sein Portfolio um Röntgensensoren für CT-Detektoren sowie Präzisionssensoren für Diabetes-Management. Die Münchner Halbleiter-Größe verfolgt eine breite Sensor-Strategie über Automotive, Industrie und Medizin hinweg – während ams Osram sich auf die optische Nische zurückzieht.
Was bleibt, ist eine klarere Aufgabenverteilung in der Medizintechnik: Wer künftig PPG-Sensoren für Wearables sucht, spricht mit ams Osram in Regensburg. Wer Röntgensensoren für die radiologische Bildgebung braucht, wendet sich an Infineon. Aus Sicht von ams Osram ist Trennung statt Diversifikation in dem Falle wohl die bessere Strategie – auch wenn sie nicht ohne Verluste auskommt.