»Automotive Health« auf der CES 2026

KI macht das Auto zum proaktiven Gesundheitsbuddy

8. Januar 2026, 10:42 Uhr | Elektronik Medical (uh)
Bosch-Geschäftsführerin Tanja Rückert und Paul Thomas, Präsident von Bosch Nordamerika, auf der CES-Pressekonferenz 2026.
© Bosch

Wenn das Auto einen Herzinfarkt erkennt und den Notruf wählt: Auf der CES 2026 zeigen Nvidia, Bosch, Gentex und Aptiv, wie Autos Herzfrequenz, Emotionen und Müdigkeit in Echtzeit überwachen. Die Technologie könnte sogar Schlaganfälle verhindern – doch noch bleiben Fragen zum Datenschutz.

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Ein Mädchen steigt ins Auto, der Innenraum erwacht sofort zum Leben. Das Fahrzeug erkennt sie, weiß dass sie heute Geburtstag hat und spielt ohne ein gesprochenes Wort ihren Lieblingssong. Diese Vision teilte Sri Subramanian, Nvidias Leiter für generative KI im Automobilbereich, auf der CES 2026 in Las Vegas mit dem Publikum. »Denken Sie an das Auto als etwas, das eine Seele hat und eine Erweiterung Ihrer Familie ist«, so Subramanian. Und was ist am wichtigsten für eine Familie? Gesundheit und Sicherheit.

Und so zeigt die CES 2026, die noch bis 9. Januar in Las Vegas stattfindet, eindrucksvoll, wie sich das Fahrzeug vom reinen Transportmittel zum intelligenten Gesundheits- und Lebensbegleiter wandelt. Mehrere Autohersteller und Technologieunternehmen präsentieren Fahrzeuge, die sich in Echtzeit an Fahrer und Passagiere anpassen können – von der Überwachung der Herzfrequenz und von Emotionen bis hin zur Warnung, wenn ein Kleinkind versehentlich im Auto zurückgelassen wird. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind Sensorik und Künstliche Intelligenz.

Bosch: Das KI-Cockpit als Copilot

Der deutsche Automobilzulieferer Bosch stellt auf der diesjährigen CES seine neue KI-Fahrzeugerweiterung vor, die den Innenraum in einen »proaktiven Begleiter« verwandeln soll. In Zusammenarbeit mit Microsoft und Nvidia hat die Mutter aller Tier-Ones ein KI-Cockpit entwickelt, das als »AI Extension Platform« bestehende Fahrzeug-Cockpit-Systeme mit KI-Fähigkeiten ausstattet. Das Besondere: Auto-OEMs können ihre vorhandene Hardware-Infrastruktur im Fahrzeug weiterverwenden.

Die neue Plattform wird von Nvidias »Drive Orin« System-on-Chip angetrieben und bietet Edge-Hochleistungscomputing, lediglich Strom- und Ethernet-Schnittstellen werden gebraucht. Durch die Integration von Microsoft Foundry und spezialisierten Cockpit-Funktionen verwandeln Microsoft und Bosch das Auto in ein mobiles Büro, angeblich ohne die Fahrsicherheit zu beeinträchtigen. Diese Kombination ermöglicht nicht nur staugeplagten Pendlers den Zugriff auf Microsoft 365-Anwendungen und intuitive Sprachsteuerung, sondern integriert sich intelligent mit anderen Fahrzeugsystemen, um die Sicherheit zu priorisieren – etwa durch einen adaptiven Tempomat während eines Microsoft Teams-Anrufs.

Gentex: Emotionen und Vitalparameter im Blick

Der Automobilzulieferer Gentex demonstrierte auf der CES, wie präzise KI-ausgestattete Sensoren und Kameras Fahrer und Passagiere überwachen können. »'Sind sie müde?', 'Sind sie schläfrig?', 'Sitzen sie nicht richtig?', 'Essen sie, telefonieren sie?', 'Sind sie wütend?' Egal, welche Anforderung, wir können [...] das im Innenraum erkennen«, erklärt Brian Brackenbury von Gentex.

Die gesammelten Daten werden laut Brackenbury ausschließlich im Fahrzeug gespeichert und nach der Verarbeitung der Videoframes gelöscht. »Wir bei Gentex tun nicht einfach etwas, weil wir es können oder weil die Technologie es erlaubt. Datenschutz ist wirklich wichtig«, betont der Gentex-Produktmanager.

Aptiv: 360-Grad-Wahrnehmung für Sicherheit

Der weltweit vertretene Zulieferer Aptiv präsentierte auf der CES seine Digital Cockpit-Technologien, die ebenfalls darauf ausgelegt sind, die Sicherheit und das Erlebnis im Innenraum für Personen- und Nutzfahrzeuge zu verbessern. Das Driver Monitoring System (DMS) und Cabin Monitoring System (CMS) von Aptiv nutzen fortschrittliche Vision- und Radarsensorik, um den Belegungsstatus des jeweiligen Fahrzeugs zu erfassen. »Echtzeit-Wahrnehmung ermöglicht eine Entscheidungsfindung und Bedienung – die sicherere, anpassungsfähigere und intelligentere Erfahrung transformiert damit die Fahrzeuge und weitere intelligente, vernetzte Geräte,« sagte Aptivs VP Javed Khan in Las Vegas.

Automotive Health kommt auf dier Strasse

Die auf der CES 2026 gezeigten Entwicklungen knüpfen direkt an Forschungsprojekte an. Das auf der Medica 2024 ausgestellte Smart Car der TU Braunschweig zeigte bereits in Düsseldorf, wie im Fahrzeuge integrierte Sensoren rund um die Uhr EKG, Herz- und Atemfrequenz überwachen können. »Die Integration einer kontinuierlichen Gesundheitsüberwachung birgt großes Potenzial, Krankheiten früher zu erkennen«, so Professor Thomas Deserno vom Initiator, dem Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik.

Das Braunschweiger Team setzt auf Sensoren im Lenkrad für EKG-Aufzeichnungen, im Sicherheitsgurt zur Erfassung der Herztöne und Innenraumkameras zur Berechnung von Herzschlagrate und Atemfrequenz. Besonders relevant: Gut ein Drittel aller Schlaganfälle werden durch Vorhofflimmern ausgelöst und könnten durch das frühzeitige Erkennen von Herzschlagunregelmäßigkeiten während der Fahrt möglicherweise vermieden werden.

Datenschutz als Herausforderung

Die zunehmende Personalisierung des Fahrerlebnisses wirft natürlich auch Fragen zum Umfang der gesammelten Fahrerdaten auf. »Die Magie der KI sollte nicht einfach bedeuten, dass alle Datenschutz- und Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft gesetzt werden«, warnt Justin Brookman, Director of Marketplace Policy bei Consumer Reports. Anders als Smartphones oder Online-Plattformen seien Autos erst seit kurzem große Speicher persönlicher Daten. Die Branche versuche noch immer, die »Spielregeln« festzulegen, was Autohersteller und Technologieunternehmen mit Fahrerdaten tun dürfen.

Gleichzeitig betont Brookman, dass viele dieser Technologien echte Sicherheitsvorteile für Fahrer bieten oder das Fahrerlebnis verbessern. Die Herausforderung liege seiner Ansicht nach darin, Innovation und Datenschutz in Einklang zu bringen – eine Aufgabe, die die Automobilindustrie in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen werde. (uh)

Über die Elektronik Medical:
Die Fachplattform »Elektronik Medical« ist Teil des elektroniknet.de-Netzwerks und berichtet über technische Innovationen in der Medizintechnik, von chirurgischen Robotern über KI-gestützte Diagnostik bis hin zu vernetzten Gesundheitslösungen. (uh)

 

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