Mit der Bavarian Health Cloud schafft der Freistaat eine staatlich kontrollierte Plattform für Gesundheitsdaten. Wissenschaft und Industrie erhalten Zugriff auf pseudonymisierte Behandlungsdaten von jährlich 2,3 Millionen Patienten. Die erste funktionsfähige Version soll bereits Ende 2026 starten.
Ein Szenario auf dem Weg in eine personalisierte und durchgehend digitale Gesundheitsversorgung: Eine 67-jährige Krebspatientin erhält in Erlangen eine Chemotherapie, die nur mäßig anschlägt. Zur gleichen Zeit suchen Pharmaforschende in München für ihre Arbeit an personalisierten Wirkstoffen nach ähnlichen Behandlungsmustern und Fällen – welche Therapiekombinationen funktionieren bei welchen genetischen Profilen? Welche Biomarker deuten auf Resistenzen hin?
Bisher scheiterte der Zugang zu solchen Real-World-Daten an rechtlichen Hürden, technischen Inkompatibilitäten und nicht zuletzt an einer nicht vorhandenen Infrastruktur. Die Erlanger Behandlungsdaten bleiben im Klinik-Silo, die Münchner Forschenden arbeiten mit kleinen Studienkohorten. Mit der Bavarian Health Cloud könnte sich diese Fragmentierung nun auflösen: Pseudonymisierte Patientendaten sollen künftig strukturiert vom Krankenbett in die Forschung fließen, datenschutzkonform und aufbereitet für KI-gestützte Analysen.
Bayern hat dafür Mitte Januar 2026 offiziell die »Bavarian Health Cloud GmbH« als hundertprozentige Landesgesellschaft gegründet. Für das ambitionierte Projekt stellt der Freistaat rund 25 Millionen Euro bereit. An der Spitze steht Stefan Biesdorf, der zuvor als Partner bei McKinsey Digital Health-Transformationen begleitete. Bis zum Jahresende soll die erste funktionsfähige Version live gehen – ein sportlicher Zeitplan für eine technisch und regulatorisch anspruchsvolle Infrastruktur.
»Gesundheitsdaten sind ein unglaublicher Schatz, der ein enormes Potenzial für Innovationen bietet«, betonte Wissenschaftsminister Markus Blume bei der Vorstellung. Die Cloud-Lösung schaffe erstmals einen systematischen Weg, damit Versorgungsdaten vom Krankenbett direkt in die Grundlagenforschung oder in die Entwicklung von Medizinprodukten und Arzneimitteln gelangen können. Der entscheidende Unterschied zu kommerziellen Cloud-Anbietern: Die vollständige staatliche Kontrolle soll Vertrauen bei Patienten und Kliniken schaffen und sicherstellen, dass Gemeinwohlinteressen Vorrang vor Profitmaximierung haben.
Als Datengrundlage dienen zunächst die sechs bayerischen Universitätsklinika in München, Erlangen, Würzburg, Regensburg, Augsburg und München (TUM). Diese behandeln zusammen rund 2,3 Millionen Patienten pro Jahr. Aus dieser Versorgungsrealität entstehen von Routineeingriffen bis zu hochkomplexen Maximalversorgungsfällen Milliarden von Datenpunkten: Diagnosen nach ICD-Kodierung, Prozeduren, Medikationspläne mit Dosierungen und Nebenwirkungen, Laborwerte im Zeitverlauf, bildgebende Befunde und Behandlungsverläufe.
Für Wissenschaftler und genehmigte Industriepartner eröffnet sich damit ein beispielloser Einblick in reale Behandlungspfade – weit über die kontrollierten Bedingungen klinischer Studien hinaus. Dabei greift ein mehrstufiges Schutzkonzept: Sämtliche Daten werden ausschließlich pseudonymisiert gespeichert, ein direkter Rückschluss auf einzelne Personen ist nicht möglich. Patienten erhalten umfassende Informationen über die Datennutzung und können der Verwendung widersprechen. Ein strukturiertes Antragsverfahren soll zudem sicherstellen, dass nur wissenschaftlich oder medizinisch begründete Forschungsprojekte Datenzugang erhalten.
»Mit dieser Initiative ist Bayern in Deutschland Vorreiter«, erklärte Gesundheitsministerin Judith Gerlach bei der Präsentation. Tatsächlich wagt der Freistaat damit einen Spagat zwischen Datenschutz und Datennutzung, der bundesweit Beachtung findet.
Die sechs Universitätsklinika sind allerdings erst der Anfang. Mittelfristig soll die Datenbasis sukzessive auf Plankrankenhäuser im gesamten Freistaat ausgeweitet werden, perspektivisch auch auf niedergelassene Ärzte und Pflegeeinrichtungen. Besonders vielversprechend ist die geplante Zusammenführung mit Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung. Diese Verknüpfung würde nicht nur stationäre Behandlungen abbilden, sondern auch ambulante Versorgung, Arzneimittelverordnungen und Langzeitverläufe über Sektorengrenzen hinweg. Dies ergebe erstmal ein vollständiges und auswertbares Bild der Patientenreise.
KI-basierte Analysetools sollen dabei helfen, Muster zu erkennen, Therapieoptionen zu optimieren und personalisierte Behandlungsansätze zu entwickeln. Für die bayerische Medizintechnik- und Pharmaindustrie könnte die Plattform zum Innovationsbeschleuniger werden – mit direktem Zugang zu Versorgungsdaten aus ihrer unmittelbaren Umgebung.
Die Bavarian Health Cloud ist ein zentraler Baustein der bayerischen Highmed Agenda, die seit 2023 die Vernetzung und Digitalisierung der Hochschulmedizin im Freistaat vorantreibt. Doch Minister Blume denkt bereits weiter: »Die Cloud hat das Potenzial, eine Blaupause für die Nutzung von Gesundheitsdaten zu Forschungszwecken im Rahmen des europäischen Gesundheitsdatenraumes zu werden«.
Tatsächlich könnte Bayern damit zum Reallabor für den European Health Data Space (EHDS) werden, den das EU-Parlament im April 2024 verabschiedet hat. Der EHDS zielt darauf ab, Gesundheitssysteme aller Mitgliedstaaten sicher und effizient zu vernetzen – für bessere Patientenversorgung, aber auch für grenzüberschreitende Forschung. Während auf EU-Ebene noch an technischen Standards und Governance-Modellen gefeilt wird, schafft Bayern bereits praktische Fakten. Die Erfahrungen mit Datenschutz-Governance, Interoperabilität und Nutzerakzeptanz könnten wertvoll für die europaweite Umsetzung werden. (uh)