Coronavirus So reagiert die Elektronikbranche

Das Coronavirus und die Maßnahmen gegen seine Ausbreitung stellt die Elektronikbranche vor neue Herausforderungen. Wie sie reagieren, erläutern zahlreiche von Markt&Technik befragte Unternehmen.  

In den meisten Regionen Chinas ist der verlängerte Neujahrsurlaub zu Ende gegangen. Doch selbst wenn die Arbeit inzwischen wieder aufgenommen werden kann – wie lange es dauern wird, bis die Mitarbeiter wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können, ist offen. Offen ist auch, wie sich das Virus weiter ausbreitet und welche weiteren Maßnahmen die chinesische Regierung noch ergreifen wird, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Klar ist nur: Selbst wenn der günstigste Fall einträte und die Produktion in den Fabriken sofort anliefe, würde es bis in den April hinein dauern, bis die Situation sich normalisieren könnte. Schon ist abzusehen, dass die Auswirkungen auf die weltweiten Lieferketten erheblich sind. Immerhin 19 Prozent der 243 von der Kloepfel Group befragten Fach- und Führungskräfte der deutschen Industrie befürchten, dass Lieferengpässe ihre Produktion stilllegen werden. 28 Prozent verzeichnen Lieferausfälle, können sich aber kurzfristig aus alternativen Quellen versorgen. Nur 2 Prozent der Befragten verzeichnen keinerlei Ausfälle. Doch wie sieht es in der Elektronikindustrie aus? Dazu hat Markt&Technik zahlreiche Unternehmen befragt. 

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Coronavirus – wie reagiert die Elektronikbranche?

Reaktionen der Elektronikbranche auf die Situation in China.

Im Vorteil ist derzeit, wer nicht stark auf eigene oder fremde Fertigungen in China angewiesen ist. »Unser Elektronikfertigungs-Partner in der nicht von Quarantänemaßnahmen betroffenen Region Dongguan bei Shenzhen hat seine Produktion nach den Neujahrsferien wieder hochgefahren. Ein taiwanischer Fertigungs-Partner ist nicht betroffen; unsere CmCards, die als CodeMeter-Dongles fungieren, produziert Swissbit in Berlin«, sagt Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems

Inova Semiconductors »kann trotz des Coronavirus seine Kunden weiterhin beliefern«, so Director Sales & Marketing Thomas Rothhaupt. »Unsere Produkte werden zwar in Asien, aber nicht in China gefertigt, und unsere Foundries produzieren problemlos. Eine Abhängigkeit von Grundstoffen, die eventuell aus China kommen, ist bisher auf Nachfrage nicht berichtet worden.«

»Wir liefern ja einen Großteil unserer Standardprodukte ab Lager. Wir haben nicht umsonst mittlerweile eines der größten Lager im Bereich der Displays in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa. Somit leben unsere Kunden hier von sehr kurzen Lieferzeiten. Allerdings sind die wirklichen Produktionszeiten bei 10-16 Wochen recht lange. Dies gilt aber im Prinzip schon seit vielen Jahren. Ganz aktuell wird man sehen, welche Auswirkungen die Corona-Virus Problematik auf die Lieferkette haben wird. Wir gehen hier in den nächsten 3-9 Monaten wohl von längeren Lieferzeiten aus«, erklärt Michael Hußmann, Geschäftsführer von Display Elektronik.

Auch Bernhard Erdl, CEO von Puls, ist optimistisch, vier bis sechs Wochen Produktionsausfall problemlos überbrücken können, »aber dann würde es anfangen, ungemütlich zu werden.« 

»Aus heutiger Sicht ist die Versorgung der deutschen Werke mit Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen in der nächsten Zeit gesichert«, erklärt Bauelemente-Hersteller Würth Elektronik, der auch Fertigungen in China betreibt. Falls die Werke dort nicht anlaufen können, werde Würth ab 16. Februar die Produktion von China nach Malaysia, Vietnam und Thailand verlagern, wie Executive Vice President Oliver Konz gegenüber Markt&Technik erklärte. 

Dagegen erwartet die österreichische AT&S, der weltweit größte Leiterplattenkonzern, dass die Umsätze im vierten Quartal des laufenden Jahres hinter den Erwartungen zurückbleiben werden. AT&S beschäftigt 7000 Mitarbeiter in China und erwirtschaftet dort einen Großteil des Konzernumsatzes. 

Ausbreitung des Virus auf andere ­Regionen befürchtet

Inzwischen leiden weit mehr Regionen in China als nur Hubei mit ihrer 8 Mio. Einwohner zählenden Hauptstadt Wuhan. »Solange nur die Provinz Hubei be­troffen ist, sind die Auswirkungen kaum spürbar. Schlimmer wäre es, wenn sich das Virus in Jiangsu, Guangdong oder Gansu ausbreiten würde wie in Hubei«, hatte schon Strategic Forecasting in einer Studie gewarnt. Doch die Lage ist derzeit undurchsichtig. »Im Moment erwarten wir keine größeren Verzö­gerungen. Je nachdem, wie die Ausbreitung des Virus weiter voranschreitet, kann sich die Situation jedoch rasch ändern«, so erklärte Thilo Döring, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von HMS Industrial Networks, in der vergangenen Woche. 

»Mit Sicherheit wird das Coronavirus Auswirkungen auf die Lieferketten haben, aber in welcher Form und wie signifikant, ist heute noch nicht abzusehen«, sagt Uwe Bröckelmann, technischer Direktor EMEA von Analog Devices. Ralph Bischoff, Director EOS Power, weist darauf hin, »dass die meisten chinesischen Komponenten nicht einfach aus anderen Ländern bezogen werden können.«

»Entscheidend wird sein, wie sich die Situation jetzt weiterentwickelt und welche konkreten Auswirkungen auf die Lieferkette von Bauelementen das nehmen wird«, fasst Jörg Traum, Geschäftsführer der Emtron und Vorstand Power Supplies der Fortec Elektronik, zusammen.

Einen Eindruck, wie sich die Situation in China darstellt, gibt Haiyan Zou, Geschäftsführerin der chinesischen Niederlassung von Wibu-Systems: »Das öffentliche Leben läuft in den von Quarantänemaßnahmen betroffenen Regionen Chinas auf kleiner Flamme, aber die Lebensmittel- und die medizinische Versorgung sind sichergestellt.« Doch andere Augenzeugen berichten von teils chaotischen Verhältnissen. Jochen Siebert, Managing Director von JSC Automotive, hat in einer Analyse über die Auswirkungen des Coronavirus auf die Automotive-Industrie ermittelt, dass in Wuhan und anderen Orten ein großer Mangel an Test-Kits herrsche: »Menschen mit leichten Symptomen werden wieder nach Hause geschickt, um Tage später mit schweren Symptomen zurückzukehren.« 

Im Zentrum der Epidemie um Wuhan sind einige Halbleiter-Fabs wie die von den DRAM-Herstellern CXMT und JHICC sowie von den NAND-Flash-IC-Herstellern YMTC und XMC ansässig. Teilweise könnte es laut Trendforce hier zu Verzögerungen in der Produktion kommen, was aber angesichts des geringen Marktanteils kaum Einfluss auf den Weltmarkt hätte. Die Fabs von SK Hynix (Wuxi), Samsung (Xi‘an) und Intel (Dalian) liegen außerhalb von Wuhan und würden laut Trendforce noch normal fertigen. Die größte chinesische Foundry SMIC hofft, die bisher nicht beeinträchtigte Produktion fortführen zu können, was aber laut Firmen-Statement angesichts der Ausbreitung des Coronavirus schwierig werde. 

Sehr stark betroffen sind EMS-Firmen, allen voran Foxconn, die in China rund 430.000 Mitarbeiter in der Fertigung beschäftigt. Größtes Problem ist derzeit, dass die Arbeitskräfte überhaupt an die Stätte ihres Wirkens gelangen. Außerdem müssen die Werke aufwändig desinfiziert werden, falls sich ein Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt hat. An vielen Standorten konnte Foxconn nach dem offiziellen Ende der verlängerten Neujahrsferien die Arbeit nicht aufnehmen. Entweder weil viele Wanderarbeiter noch nicht zurückgekehrt sind oder weil sie zunächst für zwei Wochen in Quarantäne müssen. 

Auf einen weiteren Aspekt macht Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing von Ino­va Semiconductors, aufmerksam: »Das Geschäftsleben in China ist in den großen Städten weitgehend zum Stillstand gekommen, es werden also auch keine Autos gekauft, und das betrifft sehr stark die deutschen Hersteller, die einen hohen Marktanteil in China haben.«

Fest steht: Die Zahl der offiziell an Corona Gestorbenen übersteigt bereits die der SARS-Epidemie. Während SARS aber keinen großen Einfluss auf Produktion und Logistik nahm, könnte das Coronavirus die Lieferketten zum Reißen bringen.