M&T-Forum „Embedded Systeme“ Runde 1 Druckverschiebungen

Die Expertenrunde des M&T-Forums "Industriecomputer & Embedded Systeme".
Die Expertenrunde des M&T-Forums "Industriecomputer & Embedded Systeme".

Die Bauteileverknappung fordert die Embedded-Branche heraus. Wie es aktuell aussieht und was die Kunden erwartet, diskutiert eine Expertenrunde im Rahmen des M&T-Forums "Industriecomputer und Embedded Systeme" – und findet Hoffnungsschimmer.

Die Embedded-Branche hat volle Auftragsbücher und viele Anbieter konnten letztes Jahr Unternehmensrekorde aufstellen. Als Stimmungskiller erweisen sich jetzt die immer längeren Lieferzeiten von Bauelementen. »Es wird momentan noch schlimmer, die Lieferzeiten ziehen an«, berichtet Christian Blersch, Geschäftsführer von E.E.P.D. »Am Anfang waren die klassischen Themen wie Speicher im Fokus, jetzt geht es hin bis zum Kondensator, der nicht kommt. Es gibt auch Hersteller, die nehmen faktisch keine Aufträge mehr an.« Dies spiegelt sich in offiziellen Lieferzeiten von 40 bis 70 Wochen wider.

Der weltweit hohe Bedarf an Bauteilen ist allerdings nicht die einzige Ursache für die Verknappungen. Ein Beispiel aus dem NAND-Flash-Bereich nennt Markus Mahl, Head of Product Marketing von Data Modul: »Die meisten Flash-Hersteller haben auf die 3D-Technologie umgestellt, unter anderem für den Handy-Markt. Die haben einfach die Produktionsanlagen umgebaut trotz laufender Verträge. Die Kunden haben bis zuletzt gehofft, die bestellten und bestätigten Mengen zu bekommen. Dann sind sie nach Taiwan und China rüber geflogen und haben festgestellt, dass es die Maschinen nicht mehr gibt. Das heißt, die Ware kommt nicht. Das gab es bislang noch nicht – ich habe in meiner Laufbahn noch nie erlebt, dass es so extrem ist.«
Auch in anderen Komponentenbereichen häufen sich die schlechten Erfahrungen »Wir haben laufende Verträge und Bestellungen über zwölf Monate, die während der Laufzeit von den Herstellern de facto gekündigt werden oder man zahlt das Dreifache, sonst bekommt man die Ware nicht – und das bei namhaften Herstellern. Das Geschäftsgebaren ist grenzwertig, wir reden dabei über Branchengrößen«, betont Blersch.

Wie reagieren die Hersteller von Embedded-Computing-Produkten auf diese Entwicklungen? »Man kann sich ein bisschen absichern, wenn man nicht auf Single Source setzt und relativ unabhängig ist und so mehrere Quellen theoretisch hat – aber wenn gesamte Märkte betroffen sind, dann nützt einem diese Sicherungsmaßnahme auch nichts«, erklärt Christian Eder, Director Marketing von congatec. »Second Source war schon immer wichtig, wird aber noch wichtiger bei Bauteileknappheit.« Allerdings kann diese Strategie auch an ihre Grenzen stoßen, erläutert Harald Maier, Business Development von TQ Group: »Das ist das Problem der Konsolidierung – es gibt immer weniger tatsächliche Sourcen. Wenn es nur zwei oder drei Fabs sind, die im Hintergrund stehen, dann nutzt es nicht, wenn zehn Firmen im Vordergrund die Ware anbieten.«

Krisenzeiten waren schon immer Prüfsteine für Entscheidungsträger. »Produzieren die Lieferanten jetzt Margen- und Gewinnsteigerungen«, fragt Maier, »oder versuchen sie das Partnerschaftliche der langjährigen Geschäftsbeziehungen aufrecht zu erhalten?« – »Das Partnerschaftliche gibt es natürlich auch, aber leider gibt es momentan diese Ausbrüche, die einfach jenseits sind«, antwortet Blersch. »Es gibt Kräfte und Bewegungen im Markt, die selbst die großen fünf Distis aushebeln können.«

»Die Branche ist einem Paradigmenwechsel unterworfen«, betont Martin Steger, Geschäftsführer von iesy. »Unsere Kunden waren jahrzehntelang der Meinung, sie bestellen erstmal nicht, denn wenn es gut läuft, bekommen sie das Produkt in zwei Jahren günstiger. Die Politik der Europäischen Zentralbank will aber, dass die Preise steigen – ich als Unternehmer werde das nicht verhindern können. Die Preise werden kontinuierlich steigen; das momentan ist jetzt ein Extrema. Meiner Meinung nach werden wir uns in Zukunft immer damit befassen müssen.« – »Das ist nicht nur in Europa ein Thema, sondern weltweit«, ergänzt Karl Margraf, Key Account Manager Central Europe von Aaeon Europe. »Wir sehen die Preise global nach oben gehen.«