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Die Tücken der globalen Lieferkette

»Ein Demand-gegen-Capacity-Problem«

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Die Bauteile sind knapp. Der Ruf nach mehr freiem Lagerbestand bei den Distributoren wird laut. Sie sind allerdings auch nur ein Rad im großen Getriebe und in einer oft undankbaren Sandwich-Position.

Die Lieferkette ist längst ein hochkomplexes System, das sich in Teilen verselbstständigt hat: »Wir haben es mit einem globalen Markt und einer vernetzten Indus­trie zu tun. Hinzu kommen Subkontraktoren, die zwar einen Großteil der Wertschöpfung in der Hand haben, aber wiederum abhängig sind von ihren Kunden, etwa große Consumer-Hersteller. Und schließlich haben wir es mit einer konsolidierten Halbleiterwelt zu tun, die streng nach Shareholder-Value-Prinzipien agiert«, fasst Ralph Bühler zusammen, Senior Vice President von Farnell, und trifft damit den Nagel des Problems auf den Kopf: »Wir können auf unserer Insel der Glückseligen in Zentraleuropa versuchen, das Problem zu lösen, aber die großen Einflussmöglichkeiten auf die Elektronikproduktionskette liegen nicht in unserer Verantwortung; insofern ist das System immer bis zu einem gewissen Grad gestört.«

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Ralph Bühler, Farnell »Wir können auf unserer Insel der Glückseligen in Zentraleuropa versuchen, das Problem zu lösen, aber die großen Einflussmöglichkeiten auf die Elektronikproduktionskette liegen nicht in unserer Verantwortung; insofern ist das System immer bis zu einem gewissen Grad gestört.«
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Etwa ein Viertel des Herstellerumsatzes von Halbleitern wird durch die Distribution erwirtschaftet, so die Teilnehmer der Markt&Technik-Diskussionsrunde. Dagegen habe alleine der weltgrößte Auftragsfertiger Foxconn einen Komponentenbedarf in der Größenordnung wie ganz Europa, stellt Georg Steinberger, Vice President von Avnet und FBDi-Vorsitzender, fest. Was sich in Zentraleuropa abspiele, sei also in etwa so bedeutend, „wie wenn eine Ameise hustet“, spitzt Jan Pape, EMEA Distribution Manager von Texas Instruments, zu.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber in Anbetracht der aktuellen Lage umso bitterer für europäische Firmen. Der Markt für Bauelemente wird makroskopisch betrachtet getrieben durch große Smart-Devices-Produzenten wie Apple – gemeinsam mit ihren Auftragsfertigern – und Samsung, aber zum Teil auch von den Automobilkonzernen oder ganzen Regierungen: »Was, wenn wieder mal ein Land beschlossen hat, bis 2022 nur noch Elektroautos produzieren zu wollen? Woher sollen dann die Halbleiter dafür kommen?«, wirft Frank Wolinsiki, Distribution & Demand Creation Director EMEA von STMicroelectronics, ein.

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Uwe Reinicke, TTI »„One Model fits all“ wird es nicht geben, auch wenn wir endlos weiter diskutieren.«
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Für Lieferengpässe braucht es aber erst einmal gar keine so weitreichenden Entscheidungen. Ein neues iPhone oder ein neuer Tesla genügen schon und machen quasi „über Nacht“ sämtliche Lieferzeitenplanungen fürs gemeine Lieferkettenvolk zunichte. »Das Ganze ist kein Herstellerproblem und kein Channel- oder Distributionsproblem, sondern ein Demand-gegen-Capacity-Problem«, gibt Uwe Reinicke zu bedenken, Regional Vice President Sales Central & Eastern Europe von TTI.

Das bestätigen auch die vielen Rekordergebnisse der letzten Quartale. Es wird mehr Volumen denn je geliefert und trotzdem scheint dies vielerorts nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Distributoren versuchen nach Kräften, die Schere zwischen Bedarf und Verfügbarkeit zu managen. »Wir haben auf die Situation sehr früh reagiert und das Ziel, über 90 Prozent der ABC-Mover als freien Lagerbestand zur Verfügung zu stellen«, erklärt Reinicke. Dieses hehre Ziel lasse sich freilich in der aktuellen Situation so nicht halten und man habe es in einigen Produktbereichen bereits auf 70 Prozent herunterfahren müssen.

Das »Credo des frei verfügbaren Lagerbestands«, betont auch Axel Wieczorek, Vertriebsleiter von Schukat. »Backlog war gestern. Die Ware muss bei uns liegen und mit dieser Strategie fahren wir bisher eigentlich ganz gut durch die Phase.« Es gebe bei Schukat sowohl freien Bestand als auch Jahresabkommen mit Sicherheitsbeständen, erläutert Wieczorek. Der neue Lagerbau, den das Unternehmen derzeit vorantreibt, sei hingegen keine unmittelbare Reaktion auf die Verfügbarkeitsmisere, sondern »von langer Hand geplant«.


  1. »Ein Demand-gegen-Capacity-Problem«
  2. Back-to-Back vs. freier Lagerbestand
  3. Forecast bleibt wichtig

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