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Ingenieurarbeitsmarkt

Worauf Arbeitgeber jetzt achten

17. September 2020, 07:38 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Worauf Arbeitgeber jetzt achten
© A_Bruno/stock.adobe.com

Die Stellenangebote für Ingenieure sind in den letzten Monaten überall eingebrochen, stellenweise stark. Wer gute Karten hat und worauf Arbeitgeber jetzt achten, erklären Experten, die den Arbeitsmarkt seit vielen Jahren kennen.

Schuh-Eder Consulting ist Karrierepartner der diesjährigen electronica. Das Spezialgebiet der Beratung ist die Besetzung von hochqualifizierten Experten und Führungskräften. Eine Dienstleistung, die vor allem dann zum Einsatz kommt, wenn normale Recruiting-Aktivitäten der Kunden an ihre Grenzen stoßen, etwa weil das Kandidaten-Angebot am Markt zu gering und die Arbeitgeber-Konkurrenz zu groß ist.

»Im Allgemeinen sehr stabil«, beurteilt Renate Schuh-Eder den Ingenieurarbeitsmarkt für diese raren Spezialisten. »Selbst in der Hochzeit der Corona-Phase hatten wir keinerlei Projekt-Stopps.« Das sei für ihr Team eine »komplett neue Erfahrung« gewesen, denn »bislang wurden in Krisen Recruiting-, Marketing- und Mitarbeiterentwicklungsprojekte immer als Erstes auf Eis gelegt.« Das zeige schon auf, wie strategisch und auch nachhaltig viele Unternehmen nun auch die Zukunft planten, sagt die Beraterin, seit mehr als 20 Jahren in der Elektronikbranche tätig.

Nicht wegzudiskutieren seien freilich die anstehenden Entlassungswellen, die viele Firmen angekündigt haben. »Die ganz großen Automotivzulieferer wie Bosch, Conti und ZF haben massiv mit dem Stückzahlrückgang zu kämpfen, aber auch viele Kleinere sind in Kurzarbeit und werden entlassen – der ein oder andere Zulieferer wird es nicht überleben.«, fürchtet sie.

Diese »signifikanten Marktveränderungen« betont Schuh-Eder: »Es wird zwar weiterhin gesucht und eingestellt, oft aber – das gebe die Transformation in vielen Branchen vor – in ganz anderen »Skill Sets«. »Gute Karten« hätten diejenigen, die »immer am Puls der Zeit geblieben« seien. »Wer als Entwicklungsingenieur in seinem Fachgebiet und in der Tiefe arbeiten kann und in der Lage ist, dennoch über den Tellerrand zu schauen, Projekte auch zeitlich und im Kostenrahmen zu bearbeiten, wird keine Probleme bekommen.« Solche Search-Mandate bereiten ihrem Team immer noch Mühe, die Profile seien immer noch nicht »aus dem Ärmel zu schütteln«: »Wir haben immer noch viel zu wenig für die Suchprofile passende Ingenieure und Manager«.

Für andere Funktionen wie Qualitätswesen, Applikation, Technisches Marketing und auch Vertrieb gelte es, die schwierige Kombination und Balance aus individuell geforderter technischer Tiefe, Projektmanagementfähigkeiten und überdurchschnittlichen Kommunikationsfähigkeiten »auf allen Ebenen« abzubilden, sprich: die hohen Anforderungen der Arbeitgeber zu erfüllen.

Für alle Funktionen gelte im Übrigen, dass die deutsche Sprache auf »verhandlungssicherem Level« beherrscht werden müsse; Englisch sei ohnehin Voraussetzung. »Immer wieder spannend, dass wir auf Leute stoßen, die hier nur sehr rudimentär auf dem Weg sind«, kommentiert die Beraterin. »Wirklich schwer« hätten es aber die, die keine Veränderung mehr wollten, die »Change-Resistenten«, wie Schuh-Eder sie nennt, und sie warnt vor Illusionen: »Die Einstellung ‚Haben wir schon immer so gemacht‘ ist für das heutige Arbeitsleben der Todesstoß«.

Wie bewirbt man sich als Ingenieur in diesem härter gewordenem Umfeld? Katharina Hain ist Senior Department Manager Recruitment Management bei Hays und gibt Ingenieuren regelmäßig Karrieretipps, unter anderem auf YouTube. »Für Lebenslauf und Anschreiben rate ich Bewerber*innen immer, zunächst die Praxiserfahrung in den Vordergrund zu stellen und vor allen in Zeiten einer Krise auch Soft Skills herauszuarbeiten, die von Unternehmen besonders gefragt sind. In unserer Studie »Anpassung an eine neue Normalität« fanden wir heraus, dass – nicht überraschend – Menschen mit (kreativen) Problemlöse-Kompetenzen, Flexibilität, hoher Eigenmotivation und viel Lernbereitschaft (und auch -fähigkeit) gefragt sind. Selbstständige Macher*innen und Team Player, die sich auch gegenseitig vertreten können, sind gerade sehr gefragt. Bringt jemand diese Kompetenzen mit, sollten sie in Anschreiben und Lebenslauf auftauchen – zusätzlich natürlich zu den Schlagworten aus der Stellenanzeige. Grundsätzlich kann es jetzt sinnvoll sein, sich eher in innovativen Bereichen zu bewerben, d.h. in F&E-Bereichen wie Elektromobilität, erneuerbare Energien, Brennstoffzellen oder in Branchen, die der Medizintechnik oder Pharmaindustrie zuliefern.«

Hat die Corona-Krise den Fachkräftemangel erstmal beseitigt? »Während die Effekte der konjunkturellen Abkühlung und der Corona-Krise vorübergehender Natur sein dürften, wird spätestens mit ihrem Abklingen die langfristige demografische Herausforderung wieder spürbar werden«, prognostiziert Ingo Rauhut, Arbeitsmarktexperte des VDI. Keine Entwarnung also; die demografische Entwicklung wirke als Effekt weiter auf den Ingenieurarbeitsmarkt ein – Corona hin oder her. Die Absolventenzahlen gehen als Folge des Geburtenrückgangs in den Ingenieurwissenschaften weiter zurück, zeitgleich scheiden berufserfahrene Ingenieure zunehmend aus.

So positiv also der mittel- bis langfristige Ausblick ist: Das Stellenangebot für Ingenieure brach vor allem ab April stellenweise massiv ein, das zeigen die Zahlen.
Im zweiten Quartal, also während der Hochphase der Corona-Krise, sank das Stellenangebot für Automatisierungsingenieure laut Hays-Fachkräfteindex, der die Stellenanzeigen der meistfrequentierten Online-Jobbörsen, der Tageszeitungen und des Business-Netzwerks Xing auswertet, um 59 Punkte auf 96 und das für Versuchsingenieure um 41 Punkte auf 66. Den Referenzwert von 100 bildet das 1. Quartal 2015.

Am geringsten war dagegen der Rückgang bei Betriebsingenieuren (minus 6 Punkte auf 100), gefolgt von Chemieingenieuren (minus 14 Punkte auf 78), Konstruktionsingenieuren (minus 19 Punkte auf 46) und Entwicklungsingenieuren für Antriebstechnik (minus 20 Punkte auf 27) – ein historisch niedriger Wert, wie Hays mitteilt.

Unter allen analysierten Branchen blieb die Zahl der Stellenanzeigen im 2. Quartal 2020 nur in der öffentlichen Verwaltung stabil (+2 Punkte auf 207). Sonst gab es überall Rückgänge. Am stärksten fielen diese in der IT-Branche (minus 61 Punkte auf 108) sowie bei Architektur- und Ingenieurbüros (minus 44 Punkte auf 78) aus.
Auch verglichen mit dem Vorjahresquartal war die Zahl der ausgeschriebenen Stellen rückläufig, allerdings stark unterschiedlich. Am stärksten betroffen waren Automatisierungsingenieure (–97 Punkte) und Automotive-Entwicklungsingenieure (–82 Punkte). Andererseits gab es bei Bauingenieuren lediglich einen Rückgang um 8 Punkte und bei Planungsingenieuren um 9 Punkte. Bei den Branchen blieb nur die öffentliche Verwaltung stabil (+1 Punkt). Den stärksten Einbruch gab es in der IT-Branche (–215 Punkte).

Auch der Ingenieurmonitor, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des VDI vierteljährlich erstellt, verzeichnet einen Rückgang. Insbesondere jüngere Ingenieur*innen mit auslaufenden Projektverträgen und Berufseinsteiger hat die Corona-Situation in eine heikle Situation gebracht, weil Arbeitgeber in erster Linie ihr Stammpersonal zu halten versuchten und auf Neueinstellungen verzichteten.

Insbesondere ab April habe die Coronakrise »voll« auf den (Elektro-)Ingenieurarbeitsmarkt in sämtlichen Ingenieurberufskategorien »durchgeschlagen«, so der VDI. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ist die Arbeitskräftenachfrage im Ingenieurbereich um 23,7 Prozent gesunken, während die Arbeitslosigkeit sprunghaft um 38,6 Prozent angestiegen ist. Besonders gravierend: die Einschnitte bei Maschinen- und Fahrzeugbau- sowie Elektroingenieuren.

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