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Interview zur Situation am Arbeitsmarkt

»Der überwiegende Teil der Ingenieure hat keine Probleme«

17. September 2020, 10:51 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Der überwiegende Teil der Ingenieure hat keine Probleme«
© Markt&Technik

Renate Schuh-Eder, Schuh-Eder Consulting. »Persönlich denke ich, dass „last in, first out“ komplett überbewertet wird.«

Ist jetzt eine gute Zeit zu wechseln? Oder sollte man lieber beim alten Arbeitgeber bleiben und die Krise aussitzen? Worauf es für Ingenieure ankommt, erklärt Personalberaterin Renate Schuh-Eder.

Markt&Technik: Frau Schuh-Eder, der Embedded-Software-Entwickler, der FAE und der Business Development Manager gehören weiterhin zu den gefragtesten Positionen. Warum ist das so?
Renate Schuh-Eder: Weil die Kombination der nötigen Skill Sets so schwer zu finden ist, für den Erfolg von Unternehmen aber höchst relevant! Bei Embedded Software stößt der Programmierer auf klassische Elektrotechnik. Diese Kombination ist „highly wanted“ , da inzwischen in jedem System gebraucht, aber nur schwer zu finden. Leider aber hat unser Ausbildungssystem das in der Vergangenheit nicht abgebildet. Der Elektrotechnikstudent mag das Programmieren oft nicht so gern und der Informatiker nicht die Hardware. Der FAE verbindet technische Tiefe mit Sales-Ambitionen. Auch diese Kombination ist nicht in jedermanns Portfolio. Business Development Management ist meist ein spannendes Wort für Neukundenaufbau: „Klingelputzen“ mit höchsten Kompetenzen und Verständnis der jeweiligen Applikation, des Marktes und technischer Machbarkeiten. Auch die Kombination dieser Fähigkeiten macht es schwer, geeignete Bewerber zu finden.

Sie beraten Ingenieure, checken auch Bewerbungsunterlagen: Was treibt die Ingenieure derzeit um?
Tendenziell glaube ich, dass der weit überwiegende Teil der Ingenieure derzeit gar keine Probleme hat und positiv in die Zukunft schaut. Die Arbeitnehmer, die aktuell in eine Krise geraten sind oder demnächst rein geraten, z.B. aufgrund einer Kündigung, werden über ihre Positionierung am Markt und Möglichkeiten nachdenken bzw. nachdenken müssen. Im Sinne von: Wo kann man das bestehende Skill Set brauchen bzw. was muss man evtl. durch eine Weiterbildung addieren, um am Markt wieder gefragt zu sein? Zu diesen Fragen unterstützen wir gerne.

Wie schafft man es aktuell, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden?
Bei dieser Frage könnte ich weit ausholen – da gäbe es einige Anekdoten aus der Personalberatung zu erzählen. Denn manchmal muss man sich wirklich fragen, wer sich auf welche Position bewirbt. Ich hatte mal eine Assistentin, die dann immer sagte: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Auf der anderen Seite kann man auch eine Lanze für Bewerber brechen, sind manche Ausschreibungen doch wirklich mehr als schwammig formuliert. Vielleicht folgende Überlegungen dazu: Wenn nicht klar ist, wer gesucht wird, am besten zum Telefonhörer greifen und nachfragen – das spart im Anschluss eventuell beiden Seiten Zeit und Mühe. Liegt man unter 75 Prozent der genannten zentralen Anforderungen, würde ich von einer Bewerbung Abstand nehmen. Es macht durchaus Sinn, seinen Lebenslauf in Bezug auf die ausgeschriebene Position anzupassen und die relevanten Erfahrungen besonders herauszuarbeiten.

Wie steht es um das Risiko „last in, first out“?
Persönlich denke ich, dass „last in, first out“ komplett überbewertet wird. Klar gab es das und nicht zuletzt aufgrund des deutschen Arbeitsrechts kann das auch immer mal wieder vorkommen. Ich denke aber, wir reden hier im Promille-Bereich von Neueinstellungen. Wenn es Zeit ist für einen Wechsel, dann ist das egal, ob Krise ist oder nicht. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass man beim aktuellen Arbeitgeber in der Komfortzone ist und sich nicht mehr entwickeln kann. Oder wenn man ein Angebot bekommt, das nach dem Traumjob klingt. Oder weil man im Sinne von eigener Sicherheit hin und wieder einfach auch mal wechseln muss – ich denke da an einen Zeitraum zwischen 7 und 12 Jahren. Man wird definitiv seinen Weg machen, wenn die Parameter für einen Wechsel sauber herausgearbeitet wurden.

Ist die Automobilindustrie eigentlich noch ein sicherer Arbeitgeber für Ingenieure?
Fakt ist, Diesel und Benziner werden eher nicht mehr so weiterentwickelt wie noch vor zwei Jahren, Getriebe und Steuerungen braucht man beim Elektroantrieb nicht mehr. Jobs in der Automobilindustrie sind also nicht in Gefahr, solange sie im Bereich ADAS und elektrische Antriebstechnik sind. Es kommt aufs Profil an, Software-Entwickler können was anderes machen – Maschinenbauer eher nicht. Zulieferer, die im Bereich Test und Versuch liefern, haben größte Probleme durch den starken Stückzahleinbruch.

Bewerbungsunterlagen: Wie wichtig sind Keywords, welche Rolle spielt Recruiting Software? Und ist es diesbezüglich ein Vorteil, zum Personalberater zu gehen?
Unabhängig davon, ob die Erstauswahl – wie oft im Konzern – über eine Software geht oder noch über eine persönliche Bewertung geht, halte ich Keywords für essenziell. Gerade auch in kleineren und mittleren Unternehmen muss man hinterfragen, wer denn die Erstauswahl macht. Wenn der- oder diejenige nicht bestimmte Keywords findet, kann es schon sein, dass die Bewerbung in eine direkte Absage übergeht.
Den Weg zum Personalberater sehe ich oft unabhängig von einer Bewerbung. Wohlgemerkt Berater – nicht Vermittler. Denn unser Vorteil für einen wechselwilligen Ingenieur liegt darin, Empfehlungen und Tipps für eine gewisse Richtung geben zu können. Wir versuchen nicht, jemanden auf eine bestimmte Position zu polen und Jobs zu verkaufen. Sondern arbeiten intensiv daran, Arbeitgeber mit ihrer Kultur und ihren Anforderungen mit Arbeitnehmern zusammenzubringen, deren Background, Wünsche und Interessen bzw. auch deren aktuelle Lebenssituation langfristig und nachhaltig dazu passt.

Wie sehen die Gehaltsaussichten aus? Welchen Einfluss hat die Corona-Krise? Und wie viel ist beim Wechsel drin?
Die Aussichten in unserer Branche sind wie immer bestens. Daran hat Corona nichts verändert. Klar hat jedes Unternehmen seine individuelle Gehaltstruktur. Manche Firmen sind sowieso tarifgebunden. Da kann man nicht ausbrechen, weil man ja immer auch die Vergleichbarkeit zum bestehenden Team hat. Ausbrüche nach oben wie nach unten würden ganz schnell richtig Ärger bringen. Der Markt regelt auch hier Angebot und Nachfrage ganz gut. Die Zeiten sind auch vorbei, wo ein Wechsel standardmäßig 15 Prozent mehr Gehalt gebracht hat. Gerade die nächste Generation legt auf ganz andere Themen Wert, Beispiel: flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice. Es kommt gar nicht so selten vor, dass wir Mandate abschließen, wo das Gehalt weniger ist als aktuell, aber die mögliche Zufriedenheit sich potenziert.

(Fragen: Corinne Schindlbeck)

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