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Stellenmarkt für Ingenieure

»Die Unternehmen warten ab und entscheiden kurzfristig«

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© Syda Productions/stock.adobe.com

Wie sich der Arbeitsmarkt zum Jahresende präsentiert, wie die Aussichten für Jobsuchende sind, den Wert von Selbsterkenntnis und warum er keine Buzzwords mag, erklärt Personalberater Udo Wirth von wirth + partner im Interview.  

Udo Wirth
Udo Wirth ist auf die Elektronik spezialisierter Personalberater und Geschäftsführer der Beratungsgruppe wirth + partner. 
© Beratungsgruppe Wirth + Partner

Markt&tTechnik: Herr Wirth, wie steht es um die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen derzeit?
Udo Wirth: Dazu kann man in der momentanen Situation keine allgemein gültige Aussage treffen. Hinsichtlich Produkt- und Marktsegmenten in der High-Tech-Welt ist die Einstellungsbereitschaft sehr unterschiedlich zu sehen. Starke oder besondere Trends sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung sind z.Z. kaum definitiv festzustellen. Auch nicht in Bereichen, die von den derzeitigen Problemen weniger betroffen sind. Die Unternehmen beobachten, warten ab und entscheiden eher kurzfristig und situativ.

Rechnen Sie mit einer Aufholjagd in 2021, was Stellenbesetzungen betrifft?
Nur dann, wenn sich in der weltweit problematischen Gemengelage  - Corona, Probleme in der gesamten Automotive-Welt, Klimadiskussion, Zollkonflikte usw. -  insgesamt grundlegende Verbesserungen ergeben sollten. Selbst bei grundsätzlich sinkender Personalnachfrage wird der Mangel an Spezialisten und Fachkräften in einer Reihe von Berufsfeldern natürlich weiter bestehen bleiben bzw. sich sogar noch verschärfen. Dies allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung, Beispiel Geburtenstatistik oder altersbedingtes Ausscheiden.

Bei welchen Positionen gibt es Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten, Experten zu finden? 
Mangel besteht in fast allen technischen Funktionsbereichen, angefangen von der Entwicklung über Applikation, dem Produktmanagement bis hinein in den Vertrieb. Je mehr Software-Anforderungen mit dem Aufgabengebiet verbunden sind, desto geringer ist das passende Angebot am Arbeitsmarkt vorhanden.

Welche Kompetenzen sollten Ingenieure mitbringen, was erwarten Unternehmen von Kandidaten?
Nun, da hat sich nichts geändert und wird sich auch nichts ändern. Losgelöst von allem theoretischen Gerede, das heute so durch die unterschiedlichsten Medien geistert: Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die in der Lage sind aufgrund ihrer Ausbildung und Praxis, ihre Aufgaben und ihre Verantwortung zum Wohle der Firma wahrnehmen zu können. Dazu gehören vor allem auch die entsprechenden persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, die zu der Aufgabe und zu der Firma passen. Das ist doch ganz einfach: ein Vertriebsingenieur, der nicht kommunikationsfähig und –willig ist, ist eben kein Vertriebsingenieur. Der Mensch muss zu der Aufgabe passen und/oder wenn er die Grundvoraussetzungen mitbringt und er es selbst auch will – für die Aufgabe passend gemacht werden. Zum Beispiel durch Lernen, Schulung, Training, Veränderung, »Selbsterkenntnis« usw. Dies ist natürlich keine Einbahnstraße – hier sind selbstverständlich auch die Unternehmen gefordert, Mitarbeitern Entwicklungschancen einzuräumen und sie zu fördern.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf für Bewerber und Employability?
Der notwendige Handlungsbedarf ist abhängig von extrem unterschiedlichen und individuellen Faktoren. Aber ganz grundsätzlich ist wichtig, sich ein möglichst umfassendes und neutrales Bild von sich selbst, dem Markt und der Branche in der man arbeitet, der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu machen und eintretende Veränderungen zu erkennen und zu akzeptieren. Wer das nicht tut, wird keine Basis für die richtigen Maßnahmen finden, die ihn weiterbringen können. Wir leben in einer Welt, die sich in fast jeder Hinsicht laufend rasant verändert – wer diese Veränderungen nicht erkennt und die Auswirkungen die davon ausgehen für sich selbst nicht akzeptiert, wird kaum die richtigen beruflichen Entscheidungen für sich treffen können.

Ebnet der Fachkräftemangel die Transformation und Bereitschaft der Arbeitgeber zu Homeoffice und New Work? 
Lösungen für den Fachkräftemangel zu finden müssen viel weiter greifen. Ich war noch nie ein Freund von den Phrasen, die sich vor allem im letzten Jahrzehnt so herausgebildet haben, wie „Work live Balance“ oder „New Work“ und was dahinter sich so alles sammelt. Ich denke vielmehr, vernünftige Arbeitgeber, die natürlich unternehmerisch und betriebswirtschaftlich erfolgreich sein wollen oder müssen, werden sich auch immer mit den notwendigen Veränderungsprozessen auseinandersetzen und dann auch  Lösungen finden und anbieten die einerseits den Unternehmenserfolg weiter  ermöglichen und andererseits den Veränderungen in der Gesellschaft Rechnung tragen. Denn sonst wird es ihnen auf Dauer nicht gelingen im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Das gilt für alle Aspekte, ob das nun Arbeitszeitthemen sind, oder wo und wie gearbeitet wird und wie Arbeit organisiert werden kann. 
 


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