Schwerpunkte

Arbeitsmarkt für Jungingenieure

Kurzfristig verhalten, langfristig wieder gut

13. Oktober 2020, 16:06 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Kurzfristig verhalten, langfristig wieder gut
© FH Westküste

Prof. Michael Berger, FH Westküste und VDE-Ausschuss »Studium Beruf und Gesellschaft«: »Die Lage ist durchaus noch durchwachsen«.

Kommen wir aus dem Corona-Tief, wie sieht es am Arbeitsmarkt aus? Mit dieser Frage hat sich der VDE-Ausschuss »Studium Beruf und Gesellschaft« in seiner Septembersitzung befasst.

Wie sieht der Arbeitsmarkt für Jungingenieure gerade aus? Prof. Michael Berger lehrt an der FH Westküste, wo etwa 50 Prozent der Studienanfänger zuvor in einem Lehrberuf tätig waren.

Seine Wahrnehmung deckt sich mit dem des Ausschusses: »Die Lage ist durchaus noch durchwachsen«. Es gebe aktuell Unternehmen »im Krisenmodus«, die nicht wüssten, wie sie die Leute halten sollen. Potenziellen Studienanfängern verdirbt so eine Krisenstimmung da die Laune. »Es gab eine richtige Delle«, vermutet Berger. Viele hätten gar nicht erst angefangen, sondern seien in ihrem festen Job geblieben – man warte daher beim VDE gespannt auf die Studienanfängerzahlen, die für November angekündigt sind.

Berger: »Die jungen Leute vermeiden es, sich auf vermeintlich unsicheres Terrain zu begeben und wollen auch finanziell kein Risiko eingehen. Dabei bedenken sie nicht, dass es nach der Studienzeit ja schon wieder ganz anders aussehen kann«. Denn langfristig, da ist sich der VDE-Ausschuss mehr als einig, sind die Aussichten bestens. Nicht zuletzt wegen der Energiewende, die schon jetzt wie ein Konjunkturprogramm wirke: »Nehmen Sie nur die Wasserstoffinitiative, wo auch viel Elektrotechnik im Spiel ist.« Das werde einen neuen Schub geben und wie ein Konjunkturprogramm wirken.

Vor Corona habe der Arbeitsmarkt auch die schlechteren Abschlüsse einfach aufgesaugt – da sei gerade etwas anders. Die Sucharbeitslosigkeit sei angestiegen, wenngleich »niemand länger suche als maximal sechs Monate«, beobachtet Berger. Aber man sei in der Sparte eben auch »verwöhnt« nach langen Jahren des Aufschwungs, »das Jammern geschieht gerade auf hohem Niveau«. Master suchten ohnehin gerne etwas länger, da man sich ungern unter Wert verkaufen wolle, nach all der Anstrengung. Berger: »Bezahlung, Beschäftigungsart, Freiheiten. All das wird sorgfältig abgewogen – und bei so viel Anspruchshaltung bekomme so mancher Mittelständler schon einen Schluckauf.

Insgesamt sei der Arbeitsmarkt für E&I-Ingenieure aber relativ stabil, stellen die Experten im  VDE-Ausschuss fest. Jedoch gebe es Unterschiede in den technischen Einsatzfeldern bzw. Branchen. So werde bei Automobilzulieferern, im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Industrieautomation noch »eher vorsichtig« agiert. Personalberater und Ausschussmitglied Thomas Hegger: »Im Bereich Automatisierungstechnik und Maschinen- und Anlagenbau und auch im Bereich Produktion und Fertigung ist der Arbeitsmarkt mit Corona praktisch zum Erliegen gekommen, vor allem im zweiten Quartal gab es praktisch keine Einstellungen mehr.« Selbst Werkstudenten sowie Bachelor- und Masteranden hatten es schwer, Verträge zu bekommen.

Viele Unternehmen hätten die Möglichkeit der Kurzarbeit genutzt, um Entlassungen zu vermeiden, dabei aber auch sehr auf die Kosten geschaut, so Hegger. »Alles kam auf den Prüfstand, um die Liquidität zu sichern.«
Inzwischen habe sich die Lage »im Großen und Ganzen« wieder normalisiert, »es werden wieder Stellen für Bachelor- und Masteranden ausgeschrieben«, so Hegger. In F&E sowie Vertrieb allerdings »eher restriktiv«. Unternehmen seien weiterhin sehr zurückhaltend mit Blick auf die Entwicklung der Pandemie und die Umsatzentwicklung in den Märkten. 

Zudem hat Personalberater Hegger den Eindruck, dass nicht wenige Firmen die aktuelle Situation nutzen würden, um eine Art »Wildwuchs« im Personalbereich zu konsolidieren, der sich in den vergangenen Boomjahren angesammelt habe bzw. die hinterfragten ihre HR-Strategie. An den langfristigen Aussichten aber gebe es keinen Zweifel: »Elektro- und Informationstechnik-Ingenieure werden wegen ihres technischen Systemverständnisses für Digitalisierungsprojekte bevorzugt eingestellt, vor Informatikern und anderen Disziplinen«. Langfristig stünde die Ampel am Arbeitsmarkt für sie daher auf grün.   

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