Deutschlands erste KI-Fabrik will die Shopfloor-Digitalisierung für den Mittelstand radikal vereinfachen – mit schlüsselfertigen KI-Diensten ohne jahrelange Vorbereitung. SAP und Siemens sind mit an Bord. Doch was leistet die Industrial AI Cloud konkret und wie können Fertigungsunternehmen starten?
»Der Mittelstand hat von Hyperscalern erstmal nix« – sagt Telekom-Chef Tim Höttges und bringt das Dilemma vieler deutscher Mittelständler auf den Punkt. Während KI-Anwendungen die Fertigung revolutionieren könnten, scheitere die Umsetzung oft an komplexen Cloud-Plattformen, Datenschutzbedenken und fehlender Expertise. Deutschlands erste KI-Fabrik, die am 4. Februar in München eröffnet wurde, verspricht Hilfe: schlüsselfertige KI-Dienste für den Shopfloor – ohne jahrelange Vorbereitung, mit deutscher Datensouveränität und zu Preisen, die auch KMU stemmen können.
»Großer Bahnhof« im frisch eröffneten Innovation Center am Marsplatz. Zur feierlichen Inbetriebnahme der 1-Milliarde-teuren KI-Fabrik der Deutschen Telekom kamen neben Höttges Wirtschaftsgrößen und Politiker von Vizekanzler Lars Klingbeil über den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder bis hin zu Vorständen von SAP und Siemens nach München, um das neue Rechenzentrum im nahen Tucher-Park symbolisch mit einem riesigen magentafarbenen Stecker an den Strom zu bringen. Die Botschaft war einhellig: Mit der »Industrial AI Cloud« bekomme der deutsche Mittelstand endlich ein Werkzeug, das ihn bei der Digitalisierung nicht überfordere, sondern unterstütze und mit dem er endlich loslegen könne.
Doch was unterscheidet die erste deutsche KI-Fabrik für die Industrie von etablierten Cloud-Angeboten? Für einen Maschinenbauer liegt die Antwort wohl weniger in der schieren Rechenpower – obwohl die 30 Meter unter dem Englischen Garten verbauten 8.184 GPUs von Nvidia (2040 x B200, 6.144 x RTX Pro) die aktuelle KI-Rechenleistung in Deutschland um 50 Prozent erhöhen. Entscheidend sei vielmehr das Gesamtpaket: vorkonfigurierte Industriemodelle statt Rohmaterial, sofort nutzbare Services statt monatelanger Implementierung.
Deutschland habe [mangels Alternativen] zu sehr auf die amerikanischen Hyperscaler gesetzt, konstatiert Höttges. Das führe bei vielen Mittelständlern zu einem Dilemma: Einerseits benötigen sie KI-Rechenleistung, andererseits landen sensible Fertigungs- und Maschinendaten auf Servern, die dem US Cloud Act unterliegen. Die KI-Fabrik adressiert diesen Konflikt durch vollständige Datenresidenz in Deutschland und Betrieb unter EU-Recht.
Die Industrial AI Cloud liefert dafür einen vollständigen KI-Stack – von der Netzwerkanbindung über Security und Compute-Ressourcen bis zu SAP-Plattformdiensten und fertigen Applikationen, u.a. von Siemens. Mit über 20 AI Foundation Services und mehr als 25 vortrainierten Large Language und Action Models, speziell für industrielle Anwendungen wie Simulation, Predictive Maintenance oder Digitale Zwillinge konfiguriert, sollen Unternehmen in Tagen statt Wochen oder gar Monaten einsatzfähig sein.
Ein Maschinenbauer könne jetzt Predictive Maintenance ohne zwei Jahre Vorbereitung erledigen, verspricht Dr. Ferri Abolhassan, CEO von T-Systems. KI as a Service bedeute: einfach einmieten, vorkonfigurierte Modelle nutzen, schlüsselfertig beraten lassen und von anderen Use Cases lernen. Der Cloud-Vorstand fasst die Stoßrichtung zusammen: von generellen Sprachmodellen zu Large Industry Models, von theoretischer zu angewandter, physischer KI. »Simulation kann man jetzt bei der Telekom kaufen«.
Die KI-Fabrik ruhe auf drei Säulen, erläutert Höttges weiter: Datensouveränität, Betriebs- und Prozesssouveränität sowie technische Souveränität. Konkret bedeutet das: Alle Daten bleiben in Deutschland in einem gesicherten Rechenzentrum 30 Meter unter der Erde, unterliegen EU-Standards und laufen mit 100 Prozent erneuerbarer Energie. Doch Souveränität allein genüge nicht, betont Höttges mehrfach – sie müsse auch wirtschaftlich und partnerschaftlich sein. Deshalb setzt die Telekom auf ein Ökosystem. SAP bringt seine Business Technology Platform ein und ermöglicht es laut Vorstandschef Christian Klein, der per Video zugeschaltet war, mit Agentic AI tausende Agenten in Sekunden anzusteuern. Siemens liefert Digital-Twin-Lösungen und eröffnet den Zugang zum Mittelstand sowie vice versa den KMU zur Deutschland-Cloud.
Siemens-Vorstand Cedrik Neike beschreibt anschaulich, wie das in der Praxis aussieht: Mit dem Nvidia Omniverse könne man wie im Simulationsspiel »Sim City« die eigene Fabrik digital aufbauen, durchspielen und 80 Prozent der Fehler vorab entdecken. Bei Daimler Truck habe man die Simulationszeit von Wochen auf Tage reduziert, bald seien es Stunden. Das hochautomatisierte Data Center sei explizit auch für KMU nutzbar – als Franzose fügt er schmunzeln hinzu: »Drink your own Champagne«.
Die in München präsentierten Effizienzgewinne aus vorhandenen Anwendungsfällen klingen auf jeden Fall beeindruckend: eine 30 Prozent effizientere Planung für die Smart Factory mit Robotik und Digitalen Zwillingen, bis zu 65 Prozent geringere Betriebskosten und 50 Prozent Zeitersparnis in der Zusammenarbeit mit Lieferanten. Die Simulation verspreche sogar doppelt so schnelle Ergebnisse, mit rund 70 Prozent weniger physischen Prototypen.
Genau in dieser angewandten KI liege laut Höttges die Chance für die deutsche Wirtschaft: Der Mittelstand stehe schließlich für 780 Milliarden Euro Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft und brauche dringend Souveränität. »KI verändert die Firmen und wie Menschen arbeiten – diese Chance müssen wir am Schopf packen«. SAP-Chef Christian Klein macht dagegen sehr deutlich, was ihm bei deutschen Unternehmen bisher fehle: Das Handeln. Jetzt aber sei »alles da – eine souveräne KI-Fabrik, die Plattform, das Partnernetzwerk«. Die KMU können und müssen loslegen, »es gibt jetzt keine Ausreden mehr«.
Dazu passt der Zeitplan für konkrete Industrie-Applikationen: Ab dem zweiten Quartal 2026 soll »Simulation as a Service« verfügbar sein, ab Q3 der Siemens »Digital Twin Composer« auf der T-Cloud. Hinzu kommen Training und Finetuning von Industriemodellen sowie fertige Branchenkonzepte für eine schnelle Implementierung.
Herzstück für die praktische Umsetzung ist das Innovation Center in München. Leiterin Rafaela Sieber nennt es das »Wohnzimmer der KI-Fabrik«. In diesem »Tech-Showroom zum Mitmachen« könnten KMU kostenfreie Hands-on-Workshops buchen und Use Cases durchspielen. Ihr Konzept: KMU dort abholen, wo sie gerade stehen, und mit Branchenkennern sowie Technologien in Austausch bringen. Sieber sagt: »Im Idealfall geht ein Maschinenbauer morgens mit einem Problem hier rein und kommt abends mit einem konkreten Ergebnis für seinen Shopfloor wieder raus«. Partner wie Agile Robots, Quantum Systems oder Wandelbots zeigen im sogenannten Maker Space des Innovation Centers mit Demo-Stationen ihre Robotik- und Automatisierungslösungen für die Industrial AI Cloud.
Der Appell des Eröffnungstages war dringlich formuliert: Um gegen die internationale Konkurrenz mit deutlich niedrigeren Lohn- und Energiekosten bestehen zu können, müssten große Sprachmodelle mit strukturierten Unternehmensdaten zusammengebracht werden, betonte u.a. SAP-Vorstand Thomas Saueressig per Video-Schalte. Die Unternehmen verlangten in Zeiten geopolitischer Unsicherheit nach Souveränität – schließlich seien KI-Trainings mit hochsensiblen Daten verbunden. Genau dafür sei die KIFabrik da: angewandte KI, die einen möglichen Standortnachteil durch höhere Produktivität ausgleicht. Das Spiel um Industrial AI sei – anders als bei genereller KI, wo Deutschland und Europa bereits zurückliege – noch nicht verloren.
Die Zahlen stimmen hoffnungsvoll: Bereits zum Start sei die KI-Fabrik mit bestehenden Kunden und Forschungsprojekten wie dem EU-Sprachmodell »soofie« zu 30 Prozent ausgelastet. Eine Verdopplung oder sogar Verdreifachung der Kapazität am Standort München sei möglich, so Höttges. Aber erstmal müsse die hiesige Industrie die Infrastruktur nun auslasten. Das Potenzial gehe zwar in die Gigawatt, würde aber auch 8 bis 10 Milliarden Euro Invest verlangen – deshalb sein mehrfacher Ruf nach dem Staat als Ankerkunden und einer Energiepreis-Förderung. »Souveränität muss auch wirtschaftlich sein,« so der Telekom-Chef.
Tim Höttges formuliert den Anspruch klar: KI ist »nicht eine Chance, sondern der Rettungsanker für die deutsche Industrie«. Die neue KI-Fabrik und die Industrie-Cloud seien »eine Haltung«. Die Infrastruktur stehe, das Ökosystem formiere sich – jetzt liege es am Mittelstand, die Angebote zu nutzen. In sechs Monaten will die Telekom erste umgesetzte Beispielanwendungen zeigen. Ob die Versprechen von Ad hoc-Digitalisierung und bezahlbarer Souveränität tatsächlich Realität werden, müssen die Unternehmen nun selbst testen. Die Ausreden sind jedenfalls aufgebraucht.