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Genau hinsehen lohnt sich für Anwender

EN62368-1 Umstellung – ein Selbstläufer?

12. Mai 2021, 09:15 Uhr   |  Engelbert Hopf

EN62368-1 Umstellung – ein Selbstläufer?
© WEKA FACHMEDIEN

Oliver Walter, Camtec: »Als Nachfolger der EN 60950-1 gilt die EN62368-1 nur für die von ihr wirklich im Kern betroffenen Branchen - vorwiegend die ITK – nicht aber für Stromversorgungen für Industrieanwendungen.«

Seit Ende Dezember 2020 gilt EN62368-1 als Nachfolgerin der bekannten EN609501. Oliver Walter, CEO der Camtec Power Supplies, erläutert, was Anwender nach der Umstellung zu beachten haben, und worauf es beim Kauf entsprechender Stromversorgungen vor allem ankommt.

Sie haben vor Kurzem eine Warnung vor Stromversorgungsimporten aus Asien abgesetzt – was ist passiert?

Oliver Walter: Eher könnte man sagen, es ist etwas zu wenig passiert. Vielleicht war auch etwas Coronasedierung im Spiel oder es liegt an der derzeit sowieso holperigen Beschaffungssituation die alle in Atem hält – oder beidem – in jedem Fall haben wir uns sehr gewundert, wie ruhig es dieses Mal um die Umstellung auf den Hazard-Based-Standard in Gestalt der neuen EN62368-1 war. Man könnte denken, es war vielleicht alles gesagt; allerdings haben wir beobachtet, dass die pauschale Aussage, dass die EN 62368-1 der Nachfolger der EN 60950-1 ist, zum einen nicht wenige Anwender zur Meinung verleitet hat, man müsse in jedem Fall die Nachfolgernorm verwenden. Das ist allerdings nicht immer richtig: Sie gilt nur für die wirklich im Kern betroffenen Branchen, vorwiegend die ITK – nicht etwa für Stromversorgungen für Industrieanwendungen. Bei Stromversorgungen im industriellen Umfeld ist man mit den Normen der EN/IEC/UL 61010 zusammen mit der alten IEC 60950-1 etwa oft besser aufgestellt, da die 61010 mit der UL voll harmonisiert ist und daher auch im amerikanischen Markt akzeptiert wird.

Das erklärt noch nicht das Problem der Asien-Importe?

Ebenso wie der Anwendungsbereich scheint uns noch nicht umfassend bekannt zu sein, dass die Norm in etlichen asiatischen Märkten noch nicht verbindlich ist. Diese Länder akzeptieren sie zwar bei Importen, verlangen sie aber nicht für im Inland hergestellte Geräte. Daher kann es bei Importen aus solchen Märkten zu Problemen kommen. Der Hersteller der Geräte, in denen die Stromversorgungen verbaut sind, muss sich immer vor Augen halten, dass er das gesetzliche Risiko für die Ware als Inverkehrbringer der Ware trägt, und nicht etwa der Hersteller der Komponenten. Wer dagegen bereits EN62368-1 konforme Geräte erwirbt, ist in Europa, sowie auch in den USA und Kanada gut aufgestellt. Da lohnt es sich, lieber etwas genauer hinzusehen und notfalls ein paar Euro mehr auszugeben, bevor nicht neu zertifizierte Geräte beispielsweise in neue Anlagen nach EN62368-1 eingebaut werden.

Was raten Sie dann Ihren Kunden?

Walter lacht – nun natürlich unsere Geräte zu kaufen – wir haben das Lager zur EN Umstellungsdeadline 20. Dezember 2020 so gut wie vollständig leer gefahren, um für unsere Kunden größtmögliche Klarheit zu schaffen. Unsere aktuellen Geräte erfüllen die EN61010-1, EN61010-2-201, EN62368-1, EN60950-1. Diese harmonisieren sich mit der Anforderung an Geräte und Maschinen nach der EN60204-1. Aber wir haben ja nun ein überschaubares, sehr spezielles Portfolio vorwiegend robuster »heavy duty« Geräte für größere Beleuchtungs-, Testanwendungen und Infrastrukturprojekte – beispielsweise in Raffinerien, Bohrinseln, Flughäfen, Tunnelinfrastruktur und Großindustrien.

In allen anderen Fällen empfiehlt es sich, nicht den Lemmingen zu folgen, sondern sehr genau hinzusehen, was benötigt wird: Betrachtet man das Gesamtbild insbesondere im internationalen Kontext, kann man sich durch die richtige Auswahl der Norm in bestimmten Fällen sogar Aufwand und Kosten der Umstellung auf die EN62368 sparen. Zum Beispiel ist man bei Stromversorgungen im industriellen Umfeld mit den Normen der EN/IEC/UL 61010 Serie zusammen mit der alten IEC 60950-1 beispielsweise oft besser aufgestellt. Der Grund ist, dass die 61010 mit der UL voll harmonisiert ist und daher sicher auch im amerikanischen Markt akzeptiert wird.  

Ähnliche Verfahren lassen sich häufiger anwenden: Wird bei der Zulassung nach IEC 61010-1 und IEC 61010-2-201 die Abweichungen der ANSI/UL 61010-1 berücksichtigt, kann über das CB-Verfahren ein UL-Zeichen beantragt werden. Gleiches gilt für die kanadischen Standards CAN/CSA-C22.2 No. 61010-1 und die CAN/CSA-C22.2 No. 61010-2-201.

Noch ein kurzer Themenwechsel – apropos CAMTEC-Stromversorgungen und Einschaltstrombegrenzer kaufen. Sie hatten vor kurzem 25jähriges Jubiläum. Sie haben das Unternehmen damals zusammen mit ihrem Vater in der Region Karlsruhe gegründet. Wie lange wird es noch möglich sein, in Deutschland zu fertigen?

Im sehr hochwertigen Sortiment, bei maximal mittleren Stückzahlen und gut kalkuliert hoffentlich sehr lange. Wir entwickeln und fertigen unsere hochwertigen Stromversorgungsgeräte und Schwerlast-Stromversorgungen mit extrem langfristiger Verfügbarkeits- und Servicegarantie von mindestens 10 Jahren nach wie vor und seit jeher ausschließlich im eigenen Werk in Deutschland. Innovationskraft ist dabei natürlich ein wichtiger Erfolgsfaktor: In Kürze wird unsere CPS-i, eine fast frei skalierbare, programmierbare Stromversorgungsserie mit völlig neuem Schnittstellenkonzept auf den Markt kommen. Aber auch Beständigkeit: Sie brauchen natürlich auch Klassiker wie unsere Einschaltstrombegrenzer. Zwar etwas hochpreisiger als die der internationalen Kollegen, dafür - laut Kundenaussagen – so gut wie unverwüstlich.

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