Schwerpunkte

Exklusiv-Interview mit CTO von Harting

»Co-Creation und Co-Engineering werden immer wichtiger«

07. April 2021, 09:00 Uhr   |  Ralf Higgelke

»Co-Creation und Co-Engineering werden immer wichtiger«
© Harting

Dr.-Ing. Kurt D. Bettenhausen, Vorstand für neue Technologien und Entwicklung bei der Harting Technologiegruppe

Seit September 2020 ist Dr.-Ing. Kurt D. Bettenhausen in der Harting-Technologiegruppe als Mitglied des Vorstands für neue Technologien und Entwicklung verantwortlich. Wir fragten ihn nach seinen Plänen und was ihn an dieser Aufgabe reizt.

Markt&Technik: Herr Dr. Bettenhausen, was reizt Sie an ihrer neuen Tätigkeit als Vorstand für neue Technologien und Entwicklung so?

Dr. Kurt Bettenhausen: Harting ist seit mehr als 75 Jahren mit seinen Produkten und Lösungen ein Wegbereiter für den technologischen Wandel und setzt immer wieder entscheidende Impulse für die Zukunft. Die 1996 von der Eigentümerfamilie formulierte Vision »Wir wollen die Zukunft mit Technologien für Menschen gestalten« ist weiterhin der klar und eindeutig formulierte Anspruch an das unternehmerische Handeln. Das war bereits bei meinen Gesprächen vor der Aufnahme meiner Tätigkeit deutlich spürbar und erkennbar und ist auch heute im betrieblichen Alltag jederzeit präsent. 

Als Vorstand für Neue Technologien und Entwicklung reizt es mich, hier bei Harting Innovationen und Technologien voranzutreiben, die einen Nutzen und echten Mehrwert für den Kunden und für uns Menschen in unserem täglichen Leben bringen. 

Welche Impulse haben Sie in dieser noch recht kurzen Zeitspanne bereits setzen können?

Harting ist ein dynamisches Unternehmen. Die Kolleginnen und Kollegen sind kreativ, was man insbesondere am soliden Wachstum der Technologiegruppe über die vergangenen Jahre sieht. Als ein Beispiel für einen Impuls möchte ich die Kooperation mit dem MIT nennen, die uns bei der Entwicklung innovativer Lösungen und Produkte für Morgen deutlich voranbringen wird. Lassen Sie und die Leser sich überraschen, über welche weiteren Schritte zur Internationalisierung unserer Innovationen wir demnächst berichten werden. 

Welche Megatrends bestimmen die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen bei Harting?

Harting fokussiert sich auf die drei globalen gesellschaftlichen Megatrends Nachhaltigkeit, demographischer Wandel sowie Globalisierung beziehungsweise auch den Gegentrend De-Globalisierung. Aus diesen Themen und den damit eng verbundenen Herausforderungen lassen sich technologische Megatrends wie Modularisierung, Autonomie und Digitaler Zwilling ableiten. 

Im Zentrum dieser technologischen Trends stehen für uns grundlegende Anforderungen an die Konnektivität der Zukunft als notwendiges und verbindendes Element. Die Konnektivität ist bei all diesen Megatrends die zentrale Komponente, weil nur mit einer sicheren und durchgängigen Konnektivität wir eine leistungsfähige Infrastruktur für die Digitalisierung der Industrie bereitstellen können. 

Harting fokussiert sich auf Connectivity+. Worum geht es da genau?

Konkret geht es da in unseren ersten Schritten um die Schwerpunktthemen Elektromobilität, Gleichspannungsversorgung in der Industrie und auch neue Ecosysteme im Bereich der Industriellen Kommunikation wie Single Pair Ethernet. Wir bei Harting fassen diese neuen Themen unter dem Begriff Connectivity+ zusammen. 

In einigen Bereichen stehen komplette Systemwechsel bevor, denkt man beispielsweise an die Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität oder die DC-Versorgung in der Industrie und in Gebäuden. Was ist aus Ihrer Sicht nötig, damit solche Systemwechsel gelingen? 

Die Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität entsteht neu – damit ist ein solcher Systemwechsel grundsätzlich einfacher zu vollziehen, weil er im Greenfield neu definiert werden kann. Bei der DC-Versorgung in der Industrie und in Gebäuden stellt sich die Situation etwas komplexer dar. Die heutige Versorgung wird mit AC gelöst, alles ist auf diese AC-Welt ausgerichtet. Veränderungen und Weiterentwicklungen im Brownfield konkurrieren immer mit bewährten und bekannten Ansätzen und erfahrenen Fachleuten und haben es dementsprechend schwer. 

Mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist DC-Technologie in der Industrie heute enorm wichtig. Sie wird benötigt, wenn verstärkt regenerative Energien mit geringen Wandlungsverlusten genutzt werden und eine Rückspeisung von Energie aus der Anlage zu mehr Energieeffizienz führen soll. DC-Technologie ermöglicht ein durchgängiges Lastmanagement, sodass Lastspitzen vermieden werden und eine Balance zwischen Erzeugung, Speicherung und Verbrauch entsteht. Kurzum: Für den Umstieg auf DC-Technologie, der zukünftig definitiv erfolgen wird, sind zunächst viele Vorleistungen und Grundlagen notwendig. Das geht nicht von heute auf morgen. 

Wir wollen und werden hier einen entscheiden Beitrag leisten. Harting beteiligt sich am Verbundprojekt DC-Industrie, das aus mehr als 40 Industriepartnern besteht. Das Projekt setzt Schwerpunkte in den Bereichen Gesamtkonzeption, Energiemanagement und Schutzmaßnahmen. Konkrete Themen sind DC-Connectivity, Selektivität, Isolationsüberwachung und Alterungsverhalten von Isolierstoffen. Aus der Arbeit im Verbundprojekt werden sich zentrale Anforderungen für künftige Schnittstellen ableiten lassen. Dies wird dann wiederum Auswirkungen auf die Harting-Konnektivität und unser Portfolio haben. 

Harting geht nicht nur Partnerschaften mit anderen Firmen ein, sondern auch mit Forschungsinstitutionen. Sie haben bereits die Kooperation mit dem MIT angesprochen. Erzählen Sie uns mehr darüber. Worum geht es da konkret?

Das Massachusetts Institute of Technology ist eine der Topadressen weltweit für alle, die über den Tellerrand hinausschauen wollen. Wir werden dort gezielt mit Partnern in den Bereichen Collaboration und Co-Creation tätig sein. Das Ökosystem im Nordosten der USA ist mit seinem Fokus auf reale Systeme in einer anfassbaren Welt ein bewusster Gegenpol zum Silicon Valley. Unternehmen, die über das Industrial Liaison Program Teil dieses Ökosystems sind, finden schneller zusammen, um gemeinsam Aufgaben zu lösen und erste Prototypen zu entwickeln. 

Aber auch im Bereich Human Resources ist diese Kooperation wertvoll für Harting. Ende Februar haben wir an einer digitalen Karrieremesse des MIT teilgenommen. Hier haben wir uns als attraktiver Arbeitgeber den MIT-Studenten präsentiert, die gezielt einen Job in Europa suchen, und haben leistungsstarke Kandidaten und Kandidatinnen identifiziert. 

Warum ist Co-Creation und Co-Engineering aus Ihrer Sicht so wichtig?

Konservative Ansätze zur Entwicklung neuer Technologien, Produkte und Lösungen versuchen Bedürfnisse zu identifizieren, beschreiben die Anforderungen und entwickeln die Antworten. Das ist ein weitestgehend sequenzieller Prozess und dauert dementsprechend lange. Durch die enge Verzahnung mit Partnern von Anfang an lassen sich wesentliche Entwicklungsschritte weitestgehend parallelisieren und dadurch beschleunigen. 

Bei der Co-Creation werden Ideen zu einem frühen Zeitpunkt vertrauensvoll geteilt, anstatt sie für sich im stillen Kämmerlein oder in der Schreibtischschublade zu behalten. Co-Creation setzt nicht mehr so sehr auf traditionelle Produktzyklen, sondern bringt Erfahrungen zusammen und kann somit schnell Raum für bahnbrechende Ideen schaffen. 

Unternehmen lernen viel über ihre Produktideen und bekommen durch die Brille des Kunden neue Perspektiven auf ihr Geschäft und ihren Markt. Der Kunde weiß die Zusammenarbeit zu schätzen und bekommt einen echten Mehrwert – wer offen zusammen arbeitet hat dadurch einen Geschwindigkeitsvorteil. 

Blicken wir noch kurz in die nähere Zukunft. Welche Impulse möchten Sie bei Harting in der nächsten Zeit setzen, wenn es sich um neue Technologien dreht?

Ich werde bei Harting kreatives Denken für Innovationen in unserem globalen Innovationsnetzwerk weiter vorantreiben und Bestehendes permanent verbessern. Wir haben bereits heute in allen Bereichen eine hohe Quote an neuen Produkten. Aber auch die Produkte, die unsere Kunden seit Jahren kennen und schätzen, entwickeln wir kontinuierlich weiter. 

Den Harting-Steckverbinder Han, den wir Ende der 1950-er Jahre patentiert haben, gibt es bis heute in unzähligen Varianten. Er wird ständig um neue Module erweitert, zum Beispiel um ID-Module oder Stromsensoren und neue Leistungsgrößen. Hier werde ich als CTO und natürlich auch als Motivator die Prozesse an den richtigen Stellen bei Harting vorantreiben. 

Herr Dr. Bettenhausen, vielen Dank für Ihre Zeit.

Das Interview führte Ralf Higgelke.

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Linkedin teilen Via Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

HARTING Deutschland GmbH & Co. KG, HARTING AG & Co. KG