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Digitalisierung gegen Industrie-Sterben

»Wo bin ich digital, wo muss ich es sein?«

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT
© M&T (uh)

Unzureichend digitalisierte Firmen werden sterben, möglicherweise schon in ein bis zwei Jahren. Doch der Mittelstand hadert, China zieht digital an Deutschland vorbei. Markt &Technik hat vier Branchen- und Digital-Experten befragt, wo es hakt und wie die digitale Wende für deutsche Fertiger gelingt.

Schlechte Nachrichten für die Digitalisierung: Die Auftragsbücher der deutschen Fertiger sind voll. Das Perfide ist, gerade die gute Auftragslage sorgt bei vielen Firmen für ein Faultiersyndrom: Mit einer »Ist doch alles gut«-Haltung lehnen sie sich beim Thema Digitalisierung zurück. Genau hier lauert die Gefahr.

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT VDI
Dr. Dagmar Dirzus, VDI
© Computer & Automation

»Wir haben den Anschluss [gegenüber China] schon verloren«, sagt Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik GMA und Mitglied der VDI-Bereichsleistung »Technik & Gesellschaft«, zum Status quo der deutschen Industrie in der Digitalisierung. Dirzus hat am Szenario-Papier »Automation 2030« mitgewirkt, welches das Faultiersyndrom benennt. »Natürlich verdienen manche Unternehmen die Note 1, viele andere dagegen müssen mit ‚Sechs, setzen!‘ abgestraft werden«. Die deutschen Digital-Champions würden laut der Verbandsfrau zudem keine »Breitenwirkung« erzielen, »uns fehlen die großen Leuchttürme.«

Bosch Automatisierung IIoT Industrie 4.0
Philipp Guth, Bosch Rexroth
© Bosch Rexroth AG

Phillip Guth, CEO Automation & Electrification Solutions bei Bosch Rexroth, sagt dagegen: »Es gibt viele Unternehmen, die noch ganz am Anfang stehen. Andere sind nicht nur State of the Art, sondern können als Leuchtturm gelten, insbesondere bei der Digitalisierung in den Werken.« Er räumt aber ein: »Im Schnitt sind wir weltweit gesehen eher Mittelfeld.«

Die großen Firmen seien bei der Digitalisierung schon sehr weit, sagt Dr. Katharina Eylers, Bereichsleiterin für die Themen Industrie 4.0 und Technische Regulierung des Digitalverbandes Bitkom. Für Phillip Guth kein Wunder: »Digitalisierung funktioniert nicht auf Knopfdruck. Kleinere Unternehmen können sich nur einen gewissen Aufwand leisten.«

Der Mittelstand als Herz der deutschen Wirtschaft hinkt [in der Digitalisierung] deutlich hinterher«, fasst Dr. Katharina Eylers zusammen. Daher komme auch »das grundsätzliche Gefühl, dass die deutsche Wirtschaft den Anschluss verpasst hat«.

Die Digitalisierung ist im Rahmen der Globalisierung für Dr. Dagmar Dirzus eine Überlebensfrage für den deutschen Mittelstand. »Corona und die großzügigen Hilfen verschleiern die digitale Schieflage gerade. Ich befürchte, wir haben ein Sterben in der Industrie vor uns, es sind nicht alle Hidden Champions. Unternehmen mit der Digital-Schulnote 5 oder 6, oder sogar 4, werden in ein oder zwei Jahren rausfallen.« 

Digitale Hürden

Deutsche Firmen steckten immer noch in der alten Ingenieursdenke fest und verstünden nicht umfassend, wie sehr es auch im B2B auf die IT-getriebenen Themen Usability, Convenience und Schnelligkeit ankomme, stellt Dr. Dagmar Dirzus fest. »Wenn schon die Website nicht funktioniert, sinkt das Vertrauen, ob die Firma eine Maschine gut programmieren könne – es hängt nun mal alles an Software.«

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT Bitkom Eylers
Dr. Katharina Eylers, Bitkom-Verband
© Bitkom

»Software-Entwicklung ist ein komplett anderer Prozess als das Bauen von Maschinen und erfordert ganz andere Denkweisen«, sagt auch Katharina Eylers. Die deutschen Champions produzierten hervorragende und weltmarktfähige Produkte, viele hätten lange gedacht, »das reicht doch« – und darüber vergessen, dass sie selbst das Thema Software treiben müssen.

Als Hauptgründe für fehlende mittelständische Digitalinitiativen hat der Bitkom-Verband fehlendes Know-how, ungeklärte Daten- bzw. IT-Sicherheit, fehlendes Wissen um digitales Wertschöpfungspotenzial sowie die schwierige Integration in bestehende Produktionsanlagen als die Haupt-Hemmnisse identifiziert. »Auf dem Shopfloor passt noch nichts wie Lego aufeinander«, bestätigt Phillip Guth. 

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT Guth Bosch Rexroth
© M&T (uh)

Für Dr. Sebastian Ritz, Mitbegründer und CEO der German Edge Cloud (GEC), prallen mit „Maschinenbau meets IT“ zwei Welten aufeinander. »100 Shopfloor-Anlagen und ihre Daten kompatibel in Echtzeit auszuwerten – das sind schwierige Cases!« Diese IT-Probleme sind für Maschinenbauer schwer zu lösen, Ritz hat es im Rittal-Schaltschrankwerk selbst erlebt: Obwohl das Werk Haiger eine Greenfield-Anlage war, habe man dort bei der Digitalisierung eine »ordentliche Lernkurve mitgemacht«. 

»Im Maschinenbau gelten andere Technologiezyklen als in der IT«, statuiert Ritz und fordert: »Das Durchplanen muss einem Probieren weichen, einem Ranrobben und Fragenstellen. 100 Use Cases definieren und in X Jahren abzuarbeiten, das funktioniert nicht.« Das alte Muster führe laut Ritz vielmehr dazu, dass Digitalisierung als riesiger Berg wahrgenommen werde. Die Verbandsfrau Eylers bestätigt, dass viele Mittelständler »überhaupt nicht wissen, wo sie anfangen sollen«. 

Dringend: Handeln

Ritz empfiehlt einen agilen Ansatz zum Starten: »Es ist nicht alles schwierig. Klein anfangen, da geht was!« Er würde zunächst nicht weiter als ein Jahr planen. »Natürlich braucht es eine solide Basis«, aber nach seiner Erfahrung »schmeißt mit den gewonnenen Erfahrungen vielleicht schon nach dem zweiten Use Case eine neue Idee den Plan um.« 

Dr. Sebastian Ritz, German Edge Cloud
Dr. Sebastian Ritz, German Edge Cloud
© German Edge Cloud

»Schnelle Iteration, schnelle Rückmeldung und schauen, ob der Weg richtig ist«, bestätigt Phillip Guth. Ein wesentlicher Erfolgsschlüssel ist für ihn dabei, das Denken in Gewerken oder Domänen aufzubrechen: »In der neuen Welt muss der Software-Techniker mit dem Ingenieur sprechen.« Häufig genug müssten Ingenieurprobleme in Software gelöst werden.

Wo bin ich schon digital, wo muss ich es sein?

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© M&T (uh)

»Ein Patentrezept für Digitalisierung gibt es nicht,« sagt Dagmar Dirzus. Der VDI hat daher zehn Fragen erarbeitet, die Digitalisierungsprojekte zum Erfolg führen sollen – die Antworten muss jede Firma selbst finden. Dazu gibt es Richtlinien und Handlungsempfehlungen, die von »von A bis Z erklären«, wie Digital-Projekte angegangen werden können. Self-Asessements etwa helfen etwa bei der Frage »Wo bin ich schon digital, wo muss ich es sein?«. Stellt eine Firma fest, dass sie ohne das digitale Typenschild aus der Lieferkette fliegt, hat sie damit einen konkreten Use Case. Dazu gehört nach Dirzus auch der strategische Ansatz: »Wie muss das Management agieren, um auf volatilen Märkten zur richtigen Zeit genügend Resilienz aufzubauen«?

Die Verbände merken, dass der Mittelstand Hilfe braucht. Ein »niedrigschwelliges Angebot« des Bitkom-Verbandes soll laut Dr. Katharina Eylers in Kürze aufzeigen, «was gibt es für Technologien, welchen Reifegrad haben die und was für Use Cases lassen sich damit umsetzen«. Sie sagt: »Man kann auch in sehr kleinen Schritten anfangen, ohne gleich sein ganzes Unternehmen umzukrempeln.« Wer in Software-Themen nicht so stark sei, der könne über Kooperationen agieren. Dr. Eylers will auch den Irrglauben beseitigen, Digitalisierung gehe nur mit neuen Maschinen oder sei zu teuer: »Brownfield-Anlagen können umgerüstet werden. Und für manche Digital-Projekte braucht es nur eine Internetverbindung und eine Firewall.«
 


  1. »Wo bin ich digital, wo muss ich es sein?«
  2. Mit Edge-Architektur zum digitalen Zwilling

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