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ifo-Prognose zur Elektronikbranche

»Es ist vor allem eine Vertrauenskrise«

11. September 2020, 07:10 Uhr   |  Engelbert Hopf

»Es ist vor allem eine Vertrauenskrise«
© ZVEI

Dr. Andreas Gontermann, ZVEI-Chef-Volkswirt: Einen nachhaltigen, sich selbst tragenden Aufschwung wird es letztlich wohl erst dann geben können, wenn das Infektionsgeschehen unter Kontrolle gebracht ist.

Das Geschäftsklima in der Elektronikindustrie hat sich nach Angaben des ZVEI im August im vierten Monat in Folge weiter erholt, und es spricht noch einiges dafür, dass der Tiefpunkt der Rezession im 2. Quartal lag.

Doch wann mit einer Rückkehr zu einem normalen Geschäftsverlauf zu rechnen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Dr. Andreas Gontermann, ZVEI-Chefsvolkswirt, weist auf den nach wie vor hohen Grad an Unsicherheit in der Branche hin, »sowohl was die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, vor allem aber auch nach Investitionsgütern angeht«. Einen nachhaltigen, sich selbst tragenden Aufschwung erwartet er letztlich erst dann, »wenn das Infektionsgeschehen unter Kontrolle gebracht ist«.

Marktforscher vom ifo-Institut haben in diesem Sommer mit einer umfangreichen Befragung deutscher Unternehmen in den verschiedensten Branchen versucht, Zeithorizonte zu ermitteln, wann in einzelnen Branchen wieder mit einer Normalisierung zu rechnen ist. Für die Bauelemente- und Komponentenhersteller kamen die Marktforscher dabei auf einen Wert von 6,8 Monaten. Ausgangsbasis ist dabei der Juli 2020. Eine Rückkehr zu einer normalen Geschäftsentwicklung erwarten die Marktforscher darum für den Komponentenbereich im ersten Quartal 2021. Für die Subsystem- und Systemherstellern gehen die Analysten von einer Normalisierung in 11 Monaten aus. Das würde Ende des zweiten, Anfang des dritten Quartals 2021 bedeuten.

Wie eine aktuelle Umfrage dieser Zeitung zeigt, halten diese Einschätzungen manche für etwas optimistisch; gleichwohl stimmen sie dem Zeithorizont für eine Normalisierung zu. Normalisierung, das wird bei dieser Befragung auch klar, bedeutet für die meisten eine Rückkehr zur Auftrags- und Umsatzentwicklung des Jahres 2019, nicht der Allokationsphase der Jahre 2017/18.

Infineon-Chef Dr. Reinhard Ploss ging im August (Mitte des vierten Quartals für Infineon Technologies) für Infineon Technologies noch davon aus, »dass wir die Talsohle in wichtigen Endmärkten einschließlich der Automobilindustrie durchschritten haben. Es bleibt aber abzuwarten, welcher Anteil der Umsatzverbesserung lediglich auf einen Nachholeffekt zurückzuführen ist und wie viel auf ein nachhaltiges Wachstum«.

Thomas Grasshoff, Head of Strategic Marketing bei Semikron, rechnet in verschiedenen Branchen mit zeitlich verschobenen Normalisierungseffekten. »Bei den erneuerbaren Energien sehen wir eine relativ gute Entwicklung. Es kam durch Covid-19 zwar zu Verzögerungen bei Installationen. Ab 2021 sind wir dort wieder auf normalen Niveau.« Im Maschinen- und Anlagenbau dauert es dagegen nach seiner Einschätzung wohl noch bis 2022: »Bis Mitte dieses Jahres haben wir bestehende Aufträge abgearbeitet, mit neuen Aufträgen halten sich die Anlagenhersteller derzeit zurück.« Für ihn vor allem ein Zeichen für »eine Vertrauenskrise«.

Dr. Dirk Wittdorf, Strategic Marketing Manager bei Nexperia, geht davon aus, dass es bis Mitte dauern wird, »bis wir wieder von einer Normalisierung der Geschäftslage sprechen können«. Zwingend notwendig ist dafür in seinen Augen, »dass es nicht erneut zu einem Lockdown kommt, und das Automotive-Geschäft muss seine positive Entwicklung weiter fortsetzen«. Wie der Blick auf die weitere Entwicklung ausfällt, hängt auch ganz massiv davon ab, wie präsent ein Unternehmen bereits vor dem Beginn der Corona-Pandemie auf dem deutschen und europäischen Markt war.

So meint etwa Stefan Städing, Managing Director des Halbleiterherstellers MPS: »Trotz des Covid-19-Lockdowns sind wir im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent in allen Regionen gewachsen.« Getrieben wurde dieses Wachstum vor allem durch die Bereiche Computing und Networking. Automotive war für MPS im 1. Halbjahr zumindest stabil.

Armin Derpmanns, Head of Semiconductor Marketing & Operations von Toshiba Electronics Europe, weist darauf hin, »dass die Erholung der Bedarfszahlen im dritten Quartal eingesetzt hat und diese Erholung auch im vierten Quartal 2020 Bestand haben wird«. Eine vollständige Stabilisierung des Bedarfs und weiteres Wachstum erwartet er primär für die zweite Hälfte 2021 beziehungsweise 2022. Auch er stellt diese Prognose unter die Voraussetzung, dass es keinen zweiten Lockdown gibt.

Auch für Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Transportation bei Microchip Technology, hängt die Geschwindigkeit der Erholung von der Frage ab, ob alles weiterhin glatt läuft, und zwar einerseits, was Corona anbelangt, und andererseits, ob die Lieferketten stabil bleiben: »Sprich, ob alles, was für komplexe Produkte benötigt wird, auch verfügbar ist«. Im Moment empfehle er allen Kunden, ihre Aufträge bis Ende des Jahres zu platzieren und sicherzustellen, dass alles gut gepflegt ist. »Wir halten es für möglich, dass es im zweiten Halbjahr zu Engpässen in der Versorgung kommen kann.«

Raphael Hrobarsch, European Regional & Automotive Sales Manager bei Diodes Zetex, ist wiederum überzeugt, »dass sich die Umsatz- und Bedarfslage in der ersten Hälfte des nächsten Jahres in Europa normalisieren wird«. In Europa werden rund 10 Prozent (41 Mrd. Dollar) des weltweiten Halbleiterumsatzes generiert. Im Gegensatz zu anderen Regionen spielt hier der Automotive-Bereich eine sehr wichtige Rolle. »Insofern waren die prozentualen Umsatzeinbußen hierzulande im Halbleiterumfeld wesentlich größer im Vergleich zu Asien während des Lockdowns.« Hrobarsch ist aber zuversichtlich, dass der wachsende Anteil der Halbleiter im Automotive/Mobility-Bereich hilft, die Umsätze am Automotive-Markt zu steigern, selbst bei stagnierenden oder leicht rückläufigen Neuanmeldungen von Fahrzeugen.

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1. »Es ist vor allem eine Vertrauenskrise«
2. "Lage wird sich weiter verbessern..."
3. ..."viel Spekulation im Markt"

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