Schwerpunkte

Was von der Krise bleiben wird

»Ohne Corona hätten wir wohl noch zehn Jahre gebraucht«

19. Mai 2020, 11:34 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Ohne Corona hätten wir wohl noch zehn Jahre gebraucht«
© Phoenix Contact

Mit Prof. Dr. Gunther Olesch scheidet in diesem Jahr einer der bekanntesten Personaler der Branche aus der Geschäftsführung. Unter seiner Leitung hat sich Phoenix Contact innerhalb von 20 Jahren vervierfacht und wurde 12 mal bester Arbeitgeber in verschiedenen Kategorien. Erfreulich: Er bleibt der Branche erhalten. Ab August als Senior Advisor bei Phoenix Contact und als Beirat in sieben weiteren Unternehmen, "um den Menschen ins richtige Licht des Unternehmenserfolgs zu rücken", wie er betont.

Geschäftsreisen bleiben wohl auch in Zukunft auf dem Prüfstand, aber wo liegen eigentlich die Grenzen der digitalen Kommunikation im Team? Zwei Personalleiter aus der Elektronik sprechen über ihre bisherigen Lehren aus der Coronakrise.

Wenn es an der Coronakrise irgendetwas berichtenswert Gutes gibt, dann zum Beispiel das hier: »Wenn wir Corona nicht hätten, hätten wir wohl noch zehn Jahre gebraucht für das, was wir jetzt in sechs Monaten geschaffen haben. Die Beschleunigung der digitalen Kommunikation ist eine große Chance«, resümiert Prof. Gunther Olesch, Geschäftsführer CHRO bei Phoenix Contact, seine bisherigen Erfahrungen.

Fast die gesamte Belegschaft sei mit Beginn der Krise ins Homeoffice gewandert – vor allem die ältere Generation sei damit gleichsam ins kalte Wasser gesprungen. Plötzlich mussten alle digitale Medien nutzen, um aus dem Homeoffice mit Kollegen in Kontakt zu treten und weiterarbeiten zu können. In kürzester Zeit habe man in zahlreiche zusätzliche Notebooks investiert, die digitalen Zugänge von 2600 auf heute 13.000 angehoben.

Freilich habe sich auch sehr schnell gezeigt, wo die Grenzen der digitalen Kommunikation lägen, so Olesch. Videokonferenzen im kleinen Kreis, etwa zwischen Softwareentwicklern, funktionieren prima. Zur Beschlussfassung in Gruppen hingegen taugen sie nur schlecht, größere Abstimmungen seien mühsam: »Das Bild schrumpft bei so vielen Leuten auf drei mal drei Zentimeter – hat der nun genickt oder nicht?«

Grundsätzlich aber sei es ein großer Fortschritt, dass die Beschleunigung in Richtung digitales Arbeiten – auch in puncto Selbstverantwortung und Freiheitsgrade – stattgefunden habe. Vor allem für die Älteren. »Eine Community ist ja nur dann effizient, wenn alle die gleichen Systeme benutzen«, so Olesch. Er sei auch »fest davon überzeugt«, dass nun viele Dienstreisen ins Ausland und auch der berufliche Autoverkehr insgesamt weniger werde.

Gibt es aus diesen gewonnenen Erkenntnissen schon Pläne für die Nach-Corona-Zeit?

»Wir haben noch kein Resümee gezogen, wir sammeln noch«, so Olesch. Aber soviel wisse man schon: »Wir werden die Dienstreisen grundsätzlich reduzieren, ‘Digital First’. Unsere Reisekosten haben sich stark reduziert, Schulungen funktionieren prima über Webinare, über unser Bildungszentrum in Schieder. Vor Corona musste der Kollege noch ins Flugzeug steigen, um 20 chinesischen Vertriebsingenieuren das Produkt zu erklären. Das wird uns sicherlich bleiben, Geschäftsflüge werden abnehmen und in der Menge wie zuvor nicht mehr notwendig sein. Gut für die Umwelt!«

Was denkt Olesch über die Gesetzesinitiative »Recht auf Homeoffice«, wie von Bundesminister Hubertus Heil geplant? Da wird Olesch leidenschaftlich: »Wir haben die Tarifparteien in der IG Metall, eine Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmervertretern und Arbeitgebern, in der mobiles Arbeiten bereits verhandelt worden ist. Das ist keine Sache des Staates, wirklich nicht! Wir können das selbst und haben unser gutes System der Sozialpartnerschaft bei der Finanzkrise auch eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Besser als alle anderen Länder damals. Da sollte sich die Politik nicht einmischen. Die Politik hat vieles richtig gemacht angesichts der Coronakrise – das hier halte ich für falsch!«

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© Recom

Dr. Bianca Mastnak, Head of Global Human Resources bei Recom Power: »Wir haben festgestellt, dass Homeoffice für einige Tätigkeiten von Vorteil sein kann.«

Dr. Bianca Mastnak, Head of Global Human Resources bei Recom Power, findet die Frage nach „Arbeiten nach Corona“ spannend: »Wir haben festgestellt, dass Homeoffice für einige Tätigkeiten von Vorteil sein kann.«

So könne man gerade bei Projekten öfter an einem Stück arbeiten und werde nicht so oft unterbrochen, erklärt die Personalleitung des Stromversorgungs-Spezialisten. Es habe auf der anderen Seite aber auch »viele Stimmen« gegeben, für die es gerade eine extreme Herausforderung sei, »sich neben den Kindern zu Hause konzentrieren zu können«.

Das Betreuungsproblem sollte sich freilich nach der Krise wieder entspannen. Und so zeigt sich die HR-Leitung auch offen: »Ich denke, wenn Homeoffice in einem abgetrennten Raum stattfindet, ist das der Arbeitsqualität sehr zuträglich.« Sofern freilich »entsprechendes Equipment« vorhanden sei, »damit dieselbe Arbeitsqualität wie im Office« erreicht werden könne.

Allerdings sieht auch Mastnak wie Olesch Grenzen: In Meetings bzw. generell beim Kontakt via Internet erreiche man nicht dieselbe »Kommunikationsstärke«, wie wenn man sich Auge in Auge gegenüber steht, hat Mastnak beobachtet. »Somit wird auch nach Corona unser Fokus sein, dass wir unsere Mitarbeiter möglichst oft sehen.«

Ein bis zwei Homeoffice-Tage pro Woche seien bei Recom auch vor Corona schon unterstützt worden, »insbesondere für Mitarbeiter mit langen Anfahrtswegen.« In Summe werde es für die Entscheidung auch zu »längerfristigem Homeoffice« auf den Bereich und auch die familiären Umstände ankommen, im Fokus stehe auch nach Corona die »Rücksicht auf Eltern jüngerer Kinder«.

Recom hatte seinen betreuungspflichtigen Angestellten im März und April Sonderurlaub für die Kinderbetreuung gewährt, »wenn jemand seiner Arbeitspflicht nicht nachkommen konnte«, so Mastnak. Diesen Fokus werde man beibehalten und »auch nach Corona durch Homeoffice, flexible Tagesarbeitsgestaltung und Pflegeurlaub dafür sorgen, dass sich Familie und Beruf vereinbaren lassen«.

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