Sensor+Test-Veranstalter im Interview

»Es ist ein erheblicher Nachholbedarf entstanden«

5. Mai 2022, 13:49 Uhr | Nicole Wörner
Holger Bödeker, AMA Service
Holger Bödeker, AMA Service: »Die Zukunft der Sensor+Test ist hybrid. Klar ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre aber auch, dass der Präsenzteil unserer Messe jetzt und in Zukunft weiter die Hauptrolle spielen wird.«
© AMA Service

Drei Jahre musste die Messtechnik- und Sensorik-Branche coronabedingt auf die Sensor+Test als Präsenzmesse verzichten. Trotz guter digitaler Ansätze ist das Bedürfnis nach persönlichem Austausch groß, wie Holger Bödeker, Geschäftsführer der AMA Service GmbH, verdeutlicht.

Markt&Technik: Nach drei Jahren findet die Sensor+Test endlich wieder als Präsenzmesse in Nürnberg statt. Herr Bödeker, wie glücklich sind Sie darüber?

Holger Bödeker, AMA Service: Nach der fürchterlich langen Zeit ohne persönliche Messe- Begegnungen haben wir alle natürlich heftige Entzugserscheinungen und sehnen den Messestart herbei. Noch aber ist auch viel Skepsis vorhanden, ob wir das auch wirklich erleben dürfen. Die Einschnitte der beiden letzten Jahre sitzen tief und erst wenn am 10. Mai 2022 die Besucher tatsächlich in die Hallen strömen, werden wir unser Glück so richtig befreit erleben können. Aktuell bleibt uns im Endspurt auf die Messe aber nur wenig Zeit für solche Gedanken. Nach den beiden messelosen Jahren müssen sich viele Abläufe erst wieder finden, und die Unterstützung unserer Aussteller beim Neustart ist schon eine freudige Herausforderung. Die wollen wir natürlich optimal bewältigen und freuen uns enorm darauf, allen Beteiligten eine erfolgreiche Rückkehr nach Nürnberg zu bereiten.

Wie haben Sie als Veranstalter die „digitalen Jahre“ überstanden?

Abgesehen von den Schmerzen, die uns der Verlust der persönlichen Begegnung verursacht hat, hat uns vor allem die Erkenntnis zu schaffen gemacht, dass rein digitale Messen keine vergleichbaren Möglichkeiten für erfolgreiche Teilnahmen bieten. Ich fürchte, dass unsere Aussteller, Besucher, Kongressteilnehmer, vielleicht sogar die gesamte Industrie, unter dem Mangel an verbindlichen, persönlichen Gesprächen weit mehr gelitten haben als wir Messeveranstalter. Für uns sind es aber natürlich auch handfeste wirtschaftliche Probleme, die wir mit dem Ende der Reduktion auf digitale Angebote hoffentlich ebenfalls überstanden haben.

Wie wichtig ist es für die Aussteller, für die Branche, dass die Messe nach den vergangenen virtuellen Events wieder als Präsenzveranstaltung stattfindet?

In jedem Fall viel wichtiger, als wir uns das vor Corona vorstellen konnten. Seit vielen Jahren gab es die Vorstellung, dass Internet und Virtual Reality die Messen, und Avatare die persönliche Begegnung zwischen Menschen ablösen könnten. Trotz eines enormen Aufwandes und vieler wirklich guter Lösungen haben die digitalen Alternativlösungen die Erwartungen bisher jedenfalls nicht erfüllen können und nur einen Bruchteil des Nutzens realer Messen generiert. In den jetzt fast drei Jahren seit unserer letzten echten Messe ist ein erheblicher Nachholbedarf entstanden, den wir jetzt decken müssen, damit die negativen Auswirkungen auf das Geschäft und die Innovationskraft unserer Branche und ihrer Kunden nicht noch mehr Schaden nehmen.

Auch wenn immer häufiger der Begriff „Digitalmüdigkeit“ auftaucht – können wir einfach da weitermachen, wo wir vor drei Jahren aufgehört haben? Oder müssen wir „live“ erst wieder lernen?

Wir müssen die Präsenzmesse tatsächlich erst wieder lernen. Nicht nur in der Vorbereitung, sondern ganz sicher auch in der Ausführung. Die Menschen sind sich fremd geworden und haben oft Angst voreinander. Wenn wir als Messe dabei helfen können, diese unmenschliche Entwicklung wieder ein wenig zurückzudrängen, wäre das großartig. Ein nahtloses Anknüpfen an die Situation vor Corona wird es aber nicht geben. Bis wir wieder in der Leichtigkeit der Begegnung wie damals angekommen sind, werden Jahre, möglicherweise sogar Generationen, vergehen. Manche werden sich wohl auch weiterhin kaum unter Menschen trauen und viele nicht mehr reisen dürfen. Daher brauchen wir auch zukünftig leistungsfähige digitale Ersatzangebote, an denen es noch viel zu tun gibt.

Wie sieht der „Neustart“ der Sensor+Test nach so langer Zeit konkret aus?

Wir bleiben unserem Credo „Willkommen zum Innovationsdialog!“ treu. Auch wenn alles ein wenig kleiner wird als vor Corona, bleibt das Programm komplett, und der Innovationsgrad der vielen Neuentwicklungen, die wir auf der Messe sehen werden, hat definitiv nicht gelitten. Mit zwei Kongressen, die uns begleiten – der 21. ITG/GMA-Fachtagung Sensoren und Messsysteme 2022 und der European Test and Telemetry Conference ettc2022 – sowie einem gut bestückten Programm an freien Forenvorträgen in der Messe ist ein vollwertiges Informationsangebot gesichert.

Wie stellen sich die Ausstellerzahlen aktuell dar? Und welche Erwartungen hegen Sie in Bezug auf die Besucherzahlen?

Wie gesagt, alles ist etwas kleiner. Nicht nur die Zahl der rund 350 Aussteller, die wir erwarten, sondern auch die Standgrößen sind etwas zurückgegangen. Bei den Besuchern erwarten wir ebenfalls weniger als vor Corona. Um eine Zahl zu schätzen, fehlt mir die Glaskugel. Das ist schon in normalen Zeiten kaum seriös vorherzusagen. Wir gehen aber sicher davon aus, dass diejenigen, die kommen, auch einen wirklich dringenden Bedarf haben. Das ist gut für den Innovationsdialog und am Ende für die Aussteller auch wichtiger als die absolute Zahl.

Wie hat sich die Internationalität entwickelt?

Auch hier mussten wir erwartungsgemäß einen Rückgang hinnehmen, schließlich gibt es weltweit noch immer erhebliche Reiseeinschränkungen. Der Rückgang fiel aber deutlich geringer aus als befürchtet und so gehen wir davon aus, dass rund 30 Prozent der Aussteller aus dem Ausland zu uns kommen werden. Den größten Rückgang gab es bei den Unternehmen aus China, was wir zwar sehr bedauern, aber auch nachvollziehen können.

Die Sensor+Test gibt traditionell auch kleinen Unternehmen Raum, sich auf der Messe zu präsentieren. Doch die vergangenen Jahre waren wirtschaftlich schwierig. Wie haben sich im Vergleich zu 2019 die Anmeldungen der kleinen Firmen entwickelt?

Auf Grund der vergleichbar guten wirtschaftlichen Lage in unserer Branche waren die Unternehmen hier insgesamt weniger stark betroffen. Das gilt auch für die kleinen und kleinsten. Um ein positives Beispiel zu nennen: Der Gemeinschaftsstand für junge innovative Unternehmen war bereits sehr früh ausgebucht. Und auch sonst wird unsere Messe nach der Pandemie ihrem guten Ruf als Zentrum der Hochtechnologie-Spezialisten weiter treu bleiben.

Die Sensor+Test findet zeit- und ortsparallel zur PCIM und zur SMTconnect statt. Aus Besuchersicht ist das sicherlich ein Bonus, erhalten sie doch jetzt den kompletten Überblick von der Leistungselektronik über die Sensorik und Messtechnik bis hin zur Fertigungstechnik. Aber wie schaut das für Sie als Veranstalter aus? Überwiegen die Synergieeffekte oder sehen Sie die Gefahr, dass sich die Besucher zu sehr verstreuen?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir diese Messekombination in Nürnberg haben. Insofern kann ich Ihre Einschätzung bestätigen, dass sie für die Besucher eine Menge Synergien bildet. Aber auch die Aussteller der drei Messen haben vielfältige Beziehungen miteinander, deren Pflege von dieser Situation ebenfalls profitiert. Dass es dadurch mehr Abstimmungsbedarf und auch ein paar Einschränkungen auf der Veranstalterseite gibt, nehmen wir für die Vorteile unserer Teilnehmer gerne in Kauf.

Drei Messen, zwei Veranstalter – wie managen Sie die unterschiedlichen Zugangskontrollen zu den Hallen? Auch in Hinsicht auf Corona?

An den Zugangskontrollen auch zwischen den Messen führt in dieser Zeit selbstverständlich kein Weg vorbei. In enger Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen von PCIM und SMTconnect haben wir aber eine gute Möglichkeit geschaffen, dass Besucher und Aussteller ohne zusätzliche Kosten und mit geringem Aufwand alle drei Messen ungehindert besuchen können. Die modernen elektronischen Zugangskontrollsysteme an allen Ein- und Übergängen sowie die elektronische Registrierung vor Antritt des Messebesuchs stellen die dafür nötigen Voraussetzungen her.

Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft für die Sensor+Test – digital, live oder hybrid?

Ganz klar hybrid. Der digitale Teil war vor Corona bereits vorhanden und wird vor allem mit Blick auf die Bedürfnisse der Besucher und Aussteller zukünftig weiter verbessert werden. Klar ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre aber auch, dass der Präsenzteil unserer Messe jetzt und in Zukunft weiter die Hauptrolle spielen wird. 

Das Interview führte Nicole Wörner, Markt&Technik

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