Wer digitale Medizinprodukte entwickelt, findet im folgenden Praxisbericht eine oft fehlende Perspektive: die Anwendung unter Realbedingungen. Die Frage ist nicht, ob eine KI funktioniert, sondern ob sie die Dokumentation wirklich verringert, Vertrauen schafft und in bestehende IT-Strukturen passt.
Im Behandlungszimmer seiner Hausarztpraxis im Sauerland sitzt Dr. Stefan Spieren einem Patienten gegenüber. Er hört aufmerksam zu, während im Hintergrund eine KI das Gespräch mitschneidet – und den Allgemeinmediziner später um zwei volle Stunden täglich entlastet. Zeit, die für Patienten und die menschliche Seite des Arztseins bleibt.
Bürokratie frisst Therapie: In der ambulanten Versorgung entsteht ein wachsendes Spannungsfeld zwischen der eigentlichen medizinischen Kernarbeit und den administrativen und organisatoischen Anforderungen des Praxisalltags. Allein die Dokumentation frisst mehrere Stunden pro Tag, welche dann im Austausch mit den Patienten fehlen. Genau an dieser Stelle setzte die Praxis Spieren & Kollegen im nordrhein-westfälischen Wenden an, als sie das KI-Tool »AI-Care Partner“ von Heidi Health einführte.
Dr. Stefan Spieren wollte den dokumentarischen Zeitdruck reduzieren, ohne ärztliche Entscheidungen abgeben zu müssen. Oder wie der Arzt es selbst beschreibt: »Wir wollten keine Blackbox, sondern ein Werkzeug, das uns unterstützt, nicht ersetzt.«
Und Dr. Spieren will damit auch anderen Ärzten helfen: Seine Praxis ist akademische Lehrpraxis der Universitäten Düsseldorf, Göttingen, Köln und Witten/Herdecke betreibt seit 2024 das Digitale Facharzt- und Gesundheitszentrum (DFGZ) in Olpe. Digitale Transformation ist hier kein Experiment, sondern gelebter Alltag: von Videosprechstunden über Voicebots bis zur volldigitalen Patientenaufnahme. Der Einsatz eines KI-Dokumentationssystems war der konsequente nächste Schritt.
Heidi Health ist ein australisches Start-Up mit einer soliden 65-Millionen-Dollar-Series B-Finanzierung und bereits in 190 Ländern und 110 Sprachen verfügbar. Die Large Language Modelle des KI-Tools sind speziell auf die klinische Dokumentation abgestimmt. Und hier liegt auch der Unterschied zu generischer Spracherkennungssoftware: Nach Angaben des Unternehmens versteht Heide nicht nur gesprochene Wörter, sondern den gesamten medizinischen Kontext wie Dosierungsangaben, Symptombeschreibungen und klinische Kategorien.
So entstehen strukturierte Entwürfe für SOAP-Notizen, Arztbriefe, Überweisungen oder Entlassbriefe, maßgeschneidert nach praxisspezifischen Vorlagen. Die (KI-)Verarbeitung läuft cloudbasiert über AWS-Infrastruktur, mit klinischen Daten auf Servern in Deutschland. Eine verschlüsselte API sorgt für Echtzeitverarbeitung, unabhängig von bestehenden Praxisverwaltungssystemen (PVS) oder Krankenhausinformationssystemen (KIS) - als eigenständiger Layer ist das Tool flexibel wie auch kompatibel mit allen gängigen Systemen. Dadurch lässt sich »Heidi« in bestehende Infrastrukturen integrieren und es entsteht ein nahtloser Workflow im Praxisalltag. Oder wie Heidi Health es selbst auf seiner Webseite ausdrückt: »Wir möchten, dass Ärzte Freude an ihrer Arbeit haben – ganz ohne Admin-Stress.«
Marketing können die Australier also, doch wie läuft der Softwareeinsatz in der Praxis? »Darf ich unser Gesprächs zu Arbeitszwecken aufzeichnen?« könnte beispielsweise eine Einstiegsfrage lauten. Denn zu Beginn jeder Konsultation muss Arzt die Patientin oder den Patienten über den KI-Einsatz informieren und sich die Einwilligung abholen – ein kurzer, aber essenzieller Moment des Vertrauensaufbaus. Während des Gesprächs läuft Heidi diskret im Hintergrund und erfasst die verbale Kommunikation.
Sobald der Patient den Raum verlassen hat, liegt dem Arzt auch schon ein strukturierter Textentwurf vor. Dr. Spieren prüft, korrigiert bei Bedarf und erst nach seiner Freigabe wird die Dokumentation in der Patientenakte übernommen. »Heidi schlägt vor, aber die Verantwortung liegt immer bei mir«, betont der Arzt. Deshalb fällt Heidi als System auch nicht unter die Regularien für Medizinprodukte, es trifft keine klinischen Entscheidungen, sondern unterstützt ausschließlich die Dokumentation, immer unter ärztlicher Kontrolle.
Vor der Einführung prüfte Dr. Spieren die Compliance-Nachweise dennoch systematisch: Heidi Health ist nach ISO 27001 und ISO 42001zertifiziert sowie unabhängig auditiert. Als DSGVO-Auftragsverarbeiter schließt das Unternehmen Auftragsverarbeitungsverträge (AVV) ab, verarbeitet und speichert EU-Patientendaten strikt in der jeweiligen Region, verschlüsselt in Übertragung und Ruhezustand. Besonders entlastend und oft wichtig für Patienten: Das Tool speichert keine Audioaufnahmen, weder dauerhaft noch temporär – die Verarbeitung erfolgt in Echtzeit und ist rein transient. »Dieses Detail beruhigt die Patienten bei der Einwilligung enorm«, sagt Spieren. Dennoch rät Heidi Health, den Datenschutzbeauftragten früh einzubinden und eine Datenschutz-Folgenabschätzung (DPIA) durchzuführen.
Für Dr. Spieren und seine Landarztpraxis sank die Dokumentationsnacharbeit mit Heidi um rund zwei Stunden täglich. Mehr noch: Ohne simultanes Zuhören und Tippen kann sich die volle Aufmerksamkeit des Arztes nun auf das Gespräch richten – etwa ein genaueres Betrachten des Patienten für einen detaillierten Gesamteindruck, auch die Gesprächsführung gewinne an Qualität. Zudem werden die Dokumentation vollständiger, weil Heidi auch beiläufige Hinweise auf Symptome, Medikationen oder Begleiterkrankungen erfasst, die unter Zeitdruck sonst untergehen. Dennoch verbleiben auch Herausforderungen: So müssen nicht-verbalisierte Befunde oder Laborwerte manuell ergänzt werden, seltene Diagnosen korrigiert. Und bei älteren Patienten braucht das Einwilligungsgespräch eine extra Dosis Sensibilität: »Hört da jetzt eine KI zu?« ist eine häufige Frage, die ernst genommen werden muss.
Dr. Spieren ist Mitentwickler des mit dem German Medical Award 2023 ausgezeichneten DIHVA-Projekts und sieht eine KI-gestützte Dokumentation als Baustein für eine besseren ländliche Versorgung. Der reale Engpass lieg nicht in Diagnostik oder Therapie, sondern in der administrativen Last. Für ihn muss als nächster Schritt die tiefe Integration in PVS, Telematikinfrastruktur und elektronische Patientenakte folgen – bidirektional, HL7 FHIR-konform sowie revisionssicher. »Die Technologie ist reif, entscheidend ist die ärztliche Kontrolle und eine gründliche Vorbereitung«, fasst Spieren zusammen. Konkrete Erfolge wie der Zeitgewinn, eine bessere Qualität der Dokumentation und der stärkerer Patientenfokus möchte er nicht mehr missen. (uh)