Wenn KI dem Arzt die Arbeit erleichtert – aber nicht abnimmt: Auf der Digital-Health-Messe MEA in Berlin zeigt die Fraunhofer-Gesellschaft an ihrem Gemeinschaftsstand, was möglich ist, wenn Forschung und Versorgungsrealität zusammendenken: KI-Modelle, die Entscheidungen erklären – nicht nur treffen.
»Connecting Digital Health« ist das Motto der DMEA – vom 21. bis 23. April werden sich letztmalig in Berlin rund 900 Aussteller, erwartete 20.500 Fachbesucherinnen und -besucher sowie über 450 Referenten versammeln, bevor es 2027 in München weitergeht. Die Fraunhofer-Gesellschaft ist auch dieses Jahr wieder mit einem Gemeinschaftsstand in Halle 2.2, Stand D-109 dabei, an dem fünf Institute ihre aktuellen Entwicklungen präsentieren. Das Themenspektrum spannt sich von KI-gestützter Symptomanalyse über sichere Gesundheitsdatenräume bis hin zu Assistenzsystemen für die klinische Dokumentation – allesamt Felder, die in Klinikalltag und Forschung gleichermaßen drücken.
Ein zentrales Leitmotiv des Fraunhofer-Auftritts ist Vertrauenswürdigkeit. Das Fraunhofer IKS aus München bringt dafür drei konkrete Demonstratoren mit: Im Bereich Kardiologie zeigen die Forschenden KI-Modelle, die interpretierbare Vorhersagen aus EKG-Daten generieren – das heißt, sie liefern nicht nur ein Ergebnis, sondern machen nachvollziehbar, warum sie zu diesem Ergebnis kommen. Für die Dermatologie hat das Institut CONSIST entwickelt: eine interaktive Anwendung, die klinische Entscheidungen anhand medizinischer Bilder mit erklärbaren KI-Modellen unterstützt. Hinzu kommt SympATA, eine App im Bereich Frauengesundheit, die Symptome analysiert und einordnet. Das IKS versteht seinen Ansatz unter dem Begriff »Trustworthy Digital Health« – ein Konzept, das in der Praxis bedeutet: KI als Werkzeug, das dem medizinischen Personal Rechenschaft schuldet.
Auch das Bremer Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS setzt auf die Verbindung von Bilddaten und künstlicher Intelligenz. Auf der DMEA zeigt MEVIS unter anderem, wie KI mit klinischen Daten kombiniert werden kann, um bildbasierte digitale Biomarker zu entwickeln – und damit die Diagnostik zu verbessern. Vier Exponate sind am Stand angekündigt. Damit knüpft MEVIS an seine langjährige Arbeit zu KI-gestützter Bildanalyse an, etwa in der Onkologie und der interventionellen Radiologie.
Datenräume – sicher, föderiert, souverän
Gesundheitsdaten sind der Rohstoff der digitalen Medizin – und gleichzeitig ihr heikelster Punkt. Das Fraunhofer ISST, Institut für Software- und Systemtechnik, stellt auf der DMEA Health-Data-Space-Konzepte vor: föderierte, interoperable Datenräume, die einen sicheren und transparenten Austausch medizinischer Daten über Einrichtungsgrenzen hinweg ermöglichen. Das Modell ist explizit darauf ausgelegt, dass Daten dort bleiben, wo sie entstehen – und trotzdem für Forschung und Versorgung nutzbar werden. Angesichts der laufenden Verhandlungen um den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) kommt dem Thema auch politisch wachsende Relevanz zu.
Patientenkohorten im Blick – und Vitalparameter ohne Kabel
Das Fraunhofer IGD aus Darmstadt zeigt auf der DMEA zwei Ansätze, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch in die gleiche Richtung weisen: bessere Datenbasis für medizinische Entscheidungen. Einerseits ein Visualisierungssystem für die Analyse von Patientenkohorten mit chronischer Nierenerkrankung: Laborwerte, Diagnosen und Begleiterkrankungen werden in interaktiven Dashboards zusammengeführt, die Gemeinsamkeiten zwischen Patienten sichtbar machen und zeitliche Krankheitsverläufe vergleichbar darstellen. Andererseits ein kontaktloses Monitoring-System, das über die intelligente Auswertung multispektraler Bilddaten Vitalparameter wie Herzfrequenz, Atemfrequenz, Hauttemperaturen und Bewegungsmuster in Echtzeit erfasst – ohne Elektroden, ohne Kabel, ohne Unterbrechung des Pflegeprozesses. Relevante Ereignisse wie atypische Atemmuster oder Aufstehversuche werden dabei automatisch erkannt.
Klinische Studien mobil und GCP-konform
Das Fraunhofer IIS aus Erlangen, das auf der DMEA einen eigenen Stand in Halle 2.2 (A-107) besetzt, bringt mit Fraunhofer maphera ein dezentrales Sensornetzwerk für die mobile, multimodale Aufnahme physiologischer Daten mit. Das System ist auf den Einsatz in klinischen Studien ausgelegt – ergänzt durch ein GCP-konformes Studienmanagementsystem, das gezielt für CROs, DiGA-Anbieter, Medizintechnikhersteller sowie Kliniken und Forschungseinrichtungen entwickelt wurde. Damit adressiert das IIS einen Engpass, der in der klinischen Forschung seit Jahren bekannt ist: die aufwändige, fehleranfällige Datenhebung im Feld.
Was die fünf Fraunhofer-Institute auf der DMEA 2026 eint, ist weniger ein gemeinsames Produkt als eine gemeinsame Haltung: Daten sollen besser genutzt, Entscheidungen besser unterstützt und medizinisches Personal spürbar entlastet werden – ohne dass die Verantwortung aus menschlichen Händen gleitet. Die DMEA, die sich selbst als Europas führende Veranstaltung für digitale Gesundheitsversorgung versteht, ist dafür die richtige Bühne: groß genug für Sichtbarkeit, fachspezifisch genug für echten Austausch. (uh)