U(e)berteuert?

Künstliche Preissteigerungen bei der Taxi-App Uber

28. September 2020, 11:30 Uhr | Irina Hübner
Durch Absprachen versuchen Uber-Fahrer, ihr Gehalt aufzubessern.
© Shutterstock.com

App-basierte Angebote wie die Taxi-App Uber sind in vielen Großstädten zu einem wichtigen Bestandteil der Mobilität geworden. Um ihr Einkommen zu steigern, versuchen Fahrer jedoch, den Preis künstlich in die Höhe zu treiben. Manchmal klappt das auch.

Viele Uber-Fahrer beklagen sich, dass ihr Einkommen zu gering ist. Der US-Fernsehsender ABC berichtete im Mai 2019, wie Uber-Fahrer am Washingtoner Flughafen den Preis für eine Fahrt künstlich in die Höhe trieben, indem sie alle gleichzeitig offline gingen. Binnen weniger Minuten stieg der Preis für eine Fahrt so um 13 US-Dollar und verdoppelte sich damit fast.

Wie genau funktioniert diese Strategie und wann wird sie genutzt? Das haben Dr. Malte Schröder und Professor Marc Timme vom Chair for Network Dynamics am Center for Advancing Electronics Dresden (cfaed) und dem Institut für Theoretische Physik der TU Dresden zusammen mit den Doktoranden David-Maximilian Storch und Philip Marszal untersucht. In einer in der Fachzeitschrift Nature Communications erschienenen Studie zeigen sie: Die verwendeten dynamischen Preismechanismen liefern generell Anreize, das Angebot künstlich zu verknappen und so den Preis zu steigern.

Dynamische Preisanpassung: Markt im Gleichgewicht?

Mit der dynamischen Preisanpassung wollen die Anbieter den Markt eigentlich ins Gleichgewicht bringen: Übersteigt die Nachfrage das Angebot, erhöhen sich die Fahrtkosten. Es sollen also mehr Fahrer angelockt werden, um die hohe Nachfrage zu bedienen. Gleichzeitig bekommen die Kunden einen Anreiz, zu warten. Doch die Fahrer können die Preiserhöhung selbst aktivieren.

»Wenn viele Fahrer gleichzeitig offline gehen, ‚denkt‘ der Algorithmus, dass es einen Fahrermangel gibt«, erklärt Schröder. »Er versucht, mehr Fahrer anzulocken, indem er den Preis erhöht. Zum Basis-Preis für eine Fahrt kommt ein flexibler Aufschlag hinzu, wodurch sich die Kosten für eine Fahrt verdoppeln oder gar verdreifachen können.«

Wann lohnt sich die künstliche Preissteuerung?

Mithilfe von Analysemethoden aus der Spieltheorie zeigen Schröder und seine Kollegen, wann sich die Strategie lohnt. Zunächst muss die Nachfrage ausreichend hoch sein. Sonst riskieren die Fahrer, nach ihrer Offline-Phase keine Kunden mehr zu finden. Außerdem sollten die Menschen bereit sein, den hohen Preis zu zahlen, statt zu warten oder den Bus zu nehmen. »Für die Fahrer sind das Erfahrungswerte«, vermutet Storch. »Sie haben mit der Zeit gelernt, wann die Flieger mit gestressten Geschäftsleuten ankommen, denen ohnehin der Arbeitgeber die Fahrt bezahlt.« Gut ist die Taktik zudem nur, wenn jeder von ihnen das Spiel mitspielt. Sonst läuft jeder Fahrer die Gefahr, als einziger offline zu gehen und dadurch Kunden zu verpassen. Die Fahrer müssen sich also vertrauen oder absprechen – wie es 2019 in Washington der Fall war.

Die Wissenschaftler haben ein Modell entwickelt, mit dem sich die Offline-Taktik auf Basis der Preisentwicklung identifizieren lässt, ohne den genauen Verlauf von Angebot und Nachfrage zu kennen. Damit haben sie in 59 Städten auf der ganzen Welt Preisdaten von Uber-Fahrten analysiert. An über 15 Orten in Amerika, Asien und Europa glichen die Preisentwicklungen für Fahrten von Flughäfen, Bahnhöfen oder Messezentren denen in Washington. Dort hat Uber den Preisaufschlag auf zehn Dollar beschränkt. »Das ist jedoch die ineffizienteste Methode, um die Preissteigerungen zu verhindern«, sagt Schröder. »Die Fahrt wird dann zwar maximal zehn Dollar teurer, aber an den generellen Anreizen und am Verhalten der Fahrer ändert das nichts.«

Die Forschung zu diesem Thema hat gerade erst begonnen: »Die kollektive Dynamik dieser App-basierten Anwendungen ist schwer zu verstehen und gerade im sich schnell ändernden Mobilitätsbereich sind noch viele Fragen offen.« Ein Ansatz sei es aber, den Kunden Alternativen wie einen guten Nahverkehr zu bieten und die Fahrer ausreichend zu bezahlen. Bis dahin heißt es für Fahrgäste: Lieber kurz einen Kaffee trinken, wenn die Fahrt gerade zu teuer ist. Denn außerhalb von Stoßzeiten fallen die Preise in der Regel schnell wieder auf ihr normales Niveau.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Uber B.V.