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Kamerabasierte Rückspiegelsysteme

Klare Sicht nach hinten

28. September 2020, 14:13 Uhr   |  Irina Hübner

Klare Sicht nach hinten
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Digitale Rückspiegel sind auf dem Vormarsch – bei Pkw wie auch bei Lkw. Jörn Klingemann von Ficosa sprach im Interview mit der Elektronik automotive über die zusätzlichen Funktionen, die kamerabasierte Spiegelsysteme im Vergleich zu klassischen Rückspiegeln bieten.

Herr Klingemann, wie lange wird es dauern, bis alle Autos und Lkw mit kamerabasierten Spiegelsystemen anstatt mit klassischen Rückspiegeln ausgestattet sein werden?

Ich bin der Überzeugung, dass kamerabasierte Spiegelsysteme bei Autos und Lkw den klassischen Rückspiegel unterschiedlich schnell ersetzen werden. Denn der für beide Fälle verschiedenartige Kundennutzen und die differenzierten Erwartungshaltungen der Nutzer von Autos und Lkw bestimmen die Geschwindigkeit, in der der klassische Rückspiegel ersetzt werden wird.
Bei Autos sind die Treiber für den Ersatz des klassischen Rückspiegels die zusätzlichen Funktionen, die ein intelligenter Rückspiegel durch die Digitalisierung des Bildes liefern kann. In dem Moment, in dem durch Bildverarbeitung zusätzliche Sicherheitsfunktionen für Mensch und Maschine (Automobil) zu einem akzeptablen Marktpreis verfügbar sind, wird sich der Ersatz eines klassischen Spiegels bei einem Auto beschleunigen.

Und bei Lkw ist das anders?

Nein, dasselbe gilt natürlich auch bei großen Lkw, allerdings ist hier noch ein zusätzlicher Aspekt zu beachten, der sofort ins Auge fällt. Große Lkw haben einen sehr hohen Luftwiderstand. Dieser lässt sich reduzieren, indem große und teilweise ausladende Spiegel rechts und links an der hohen Fahrerkabine durch kleine windschnittige Kameras ersetzt werden. Dadurch ist sofort ein positiver Effekt für die Betreiber des Lkw messbar. Auch wird das Sichtfeld des Fahrers größer, denn der Spiegel „wandert“ nach innen – in Form eines Displays auf die A-Säule. Dies spricht dafür, dass man möglicherweise erstmal deutlich mehr Lkw mit digitalem Rückspiegel auf der Autobahn sehen wird als Pkw.

Der hohe Preis stellt eine wesentliche Hürde für die Kundenakzeptanz dar. Wann werden digitale Spiegelsysteme günstiger?

Wenn man die reinen Komponenten und Herstellungskosten sieht, ist zum einen sicher die Preisdynamik von elektronischen Bauteilen ein bestimmender Faktor. Zum anderen sind da die Validierungs- und Entwicklungskosten, die solch komplexe Systeme nun mal mit sich bringen.
Der digitale Rückspiegel wird sehr schnell ein wichtiger Bestandteil der kompletten Sensorik für halb- oder vollautomatisiertes Fahren sein. Die Bewertung eines solchen Systems wird sicher ganz anders ausfallen, wenn es einen Beitrag dazu leistet, Fahrer und Verkehrsteilnehmer aktiv zu schützen und gefährliche Fahrsituationen zu erkennen.
Denn dies kann dazu beitragen, Unfälle zu verhindern und Menschenleben zu schützen. Kundennutzen, Volumen und der Grad der Integration in die Fahrzeugumgebung bestimmen also die Dynamik der Preisentwicklung.

In manchen Ländern wie USA oder Kanada gibt es derzeit noch rechtliche Beschränkungen. Digitale Rückspiegel dürfen dort nur verwendet werden, wenn klassische Spiegel als Back-up-Systeme vorhanden sind. Wird sich das ändern oder halten Sie die Sorge für berechtigt, dass das digitale System ausfallen könnte?

Auch in Nordamerika wird es irgendwann soweit sein, dass entweder klassische oder digitale Spiegel verbaut werden. Was zählt, ist die Sicherheit, der Kundennutzen und der Fahrkomfort. Es gibt zwar differenzierte Herangehensweisen, allerdings mit demselben Ziel.
Die Sorge, dass ein digitaler Spiegel ausfällt, ist für mich kein Grund, diesen nicht serienmäßig zu verbauen. Denn wenn ein Spiegelglas aus dem Spiegel fällt, kann der Fahrer auch nicht mehr sehen, was hinter ihm geschieht, ohne den Kopf zu drehen.
Meiner Meinung nach sind jeweils die Vorteile der verschiedenen Konzepte zu bewerten, egal ob in Europa oder Nordamerika. Das Sicherheitspotenzial hat oberste Priorität, genau wie der Fahrkomfort. Auch eine Kombination klassischer Spiegel mit integrierter Kamera hat Vorteile, die dann eben das jeweilige System rechtfertigen.

Wo liegen im Moment noch die technischen Schwächen digitaler Rückspiegel?

Von technischen Schwächen zu sprechen, ist immer negativ behaftet. Ich würde sagen, die Integration der Komplexität aller Möglichkeiten, die ein digitaler Spiegel bietet, ist höchstens ein zeitrelevanter, aber kein nachteiliger Faktor. Ich kann darüber hinaus keine weiteren Schwächen erkennen.

Und was sind die Stärken?

Entscheidend für den Ersatz des klassischen Rückspiegels im Pkw sind die zusätzlichen Funktionen, die ein intelligenter Rückspiegel durch die Digitalisierung des Bildes bieten kann. Das sind die schon erwähnten Aspekte Sicherheit und Fahrerunterstützung, aber eben auch der Komfort. So kann beispielsweise das Bild auf dem Monitor an die Wünsche des Fahrers angepasst werden. Es können bestimmte Ausschnitte des Bildes bei außergewöhnlichen Fahrmanövern hervorgehoben werden und dies stets unter Beachtung der gesetzlich notwendigen Sichtfelder.
Weitere Stärken ergeben sich durch die Möglichkeit, Lichtverhältnisse einzustellen, also zum Beispiel Verblendungen durch extremen Sonneneinfall so anzupassen, dass der Fahrer stets ein sicheres Abbild der Umgebungssituation sieht. Es bestehen außerdem weit mehr Designfreiräume, wie und wo der digitale Rückspiegel installiert werden kann als beim klassischen Rückspiegel. Ähnliche Freiräume gibt es bei der Positionierung des „Spiegelbilds“ im Fahrzeug.

Schmutz, Regen und Schnee stellen bei traditionellen Rückspiegeln eine Herausforderung dar. Wie ist die Sicht bei digitalen Spiegeln durch das Wetter beeinträchtigt?

Ich bin der Überzeugung, dass in diesem Fall digitale Systeme einen klaren Vorteil aufweisen, denn zunächst gibt es – vergleichbar zum beheizten Spiegelglas – bei den digitalen Rückspiegeln auch eine Abtaufunktion an der Linse vor dem Kamerasensor, also kein Unterschied. Darüber hinaus erkennt der digitale Rückspiegel selbst, wenn die sehr klar gesetzlich definierten Sichtverhältnisse nicht mehr eingehalten werden können. Er kann den Fahrer warnen und eine Reinigung empfehlen. Wie schon erwähnt ist ein weiterer Vorteil gegenüber dem klassischen Spiegel die Fähigkeit, sich an die Lichtverhältnisse anzupassen, etwa um Verblendungen durch Sonneneinfall zu kompensieren.

Wie gut sieht man in der Dämmerung oder nachts? Lässt sich die Helligkeit der Displays an die Umgebungsbedingungen anpassen?

Die Helligkeit der Displays lässt sich gegenüber einem klassischen Rückspiegel sehr viel besser anpassen. Neben Wetterphänomenen, lassen sich auch falsch justierte Scheinwerfer eines überholenden Fahrzeugs sofort und automatisch justieren, natürlich ohne etwaige gesetzliche Rahmenbedingungen zu verletzten.

Was passiert, wenn der Motor ausgeschaltet ist und der Fahrer beispielsweise die Tür öffnen will. Geschieht das dann blind?

Das ist ein Thema der Steuerungslogik, die das Fahrzeug liefert. Selbstverständlich ist nicht zwangsweise das Bild weg, sobald der Motor ausgeschaltet und die Tür geöffnet wird. Man denke nur an die Funktionen Wegausleuchtung oder Willkommensbeleuchtung, mit denen heutige Fahrzeuge ausgestattet sind. In diesen Fällen wird von der Fahrzeugsteuerung eine vergleichbare Logik angewendet.

Mit welchen Kunden arbeiten Sie bei kamerabasierten Rückspiegelsystemen zusammen?

Seit 2018 fertigt Ficosa neben dem klassischen Rückspiegel auch den digitalen Rückspiegel des neuen Audi e-tron in Serie. Ebenso starten wir in Kürze mit der Produktion eines Kamerasystems für den Ersatz eines Spiegels bei einem Lkw-Hersteller, dessen Name aber noch nicht genannt werden darf. Wir freuen uns, in beiden Marktsegmenten vertreten zu sein.

Herr Klingemann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Jörn Klingemann, Ficosa
© Braunschweiger Zeitung

Jörn Klingemann, Ficosa

Jörn Klingemann
arbeitet seit 1991 bei Ficosa und ist seit 1997 Geschäftsführer der deutschen Niederlassung. Im Jahr 2002 wurde er Geschäftsführer für die Produktionsstätte von Ficosa in Wolfenbüttel und seit 2005 leitet er die Ficosa-Geschäftseinheit Nutzfahrzeuge. Er schloss sein Studium an der Gesamthochschule Kassel mit einem MBA ab.

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