Schwerpunkte

Neue Zulieferer für das Connected Car

Angriff der Cybertech Tiers

22. Februar 2021, 13:40 Uhr   |  Ute Häußler

Angriff der Cybertech Tiers
© Shutterstock

Für das Smartphone auf Rädern braucht es neben softwareorientierten Architekturen im Auto einen Paradigmenwechsel in der Lieferkette. Cybertech Tiers wollen Services für vernetzte Fahrzeuge schnell und effektiv entwickeln – als neuer Player mit Herstellern, Zulieferern und Aftermarket-Anbietern.

Wir fragen Dionis Teshler von GuardKnox: Was sind Cybertech Tiers und wie ordnen sie sich in der disruptierenden automobilen Lieferkette ein?

Tier1 Automotive Connected Car Entwicklung
© GuardKnox

Dionis Teshler ist Co-Gründer und CTO bei GuardKnox. Teshler hält einen Bachelor in Elektroingenieurswesen, einen Master in Computerwissenschaft sowie einen MBA in Globaler Strategie. Er arbeitete als Computer-Vision-Ingenieur und Cyberingenieur bei der israelischen Luftwaffe und leitete folgend die Cybersecurity des F-35-Programms. Seit 2015 widmet er sich bei GuardKnox Technologien für die automobile Zukunft.

Herr Teshler, Cybertech Tier klingt futuristisch. Die dahinterliegende Service-Oriented Architecture (SOA) für Elektronik im Auto ist nicht neu. Was ist der „Game Changer“ am neuen Ansatz?

Dionis Teshler: SOA ist eine Technologie. Um sie zu erfolgreich zu implementieren, müssen wir die aktuellen Kundenwünsche und den Wandel bei den Zulieferern betrachten. Heutige Auto-Käufer wollen digitale Erlebnisse und Konnektivität – OEMs und Tier-1s müssen statt Pferdestärken die beste Software und die beste Computing Power für „User Experience“ liefern. Die Hälfte aller Entwicklungskosten fließt bereits in Software, rund 70% Anteil werden langfristig vorausgesagt. Das ist ein grundlegender Wandel. Parallel erkennen viele OEMs, dass der Hersteller der ECU-Hardware nicht zwangsläufig der passende Experte für Software oder Computerplattformen sein muss.

Der eigentliche Wert der nächsten Fahrzeuggeneration liegt in der besten Technologie und damit bei den Zulieferern, die die besten Lösungen für ein fortschrittliches Benutzererlebnis bieten. Ein Aspekt ist SOA und Services, ein anderer zonale Architekturen, Cybersicherheit und High-Performance-Computing. Außerdem natürlich Konnektivität. Statt nach der „eierlegenden Wollmilchsau“ suchen OEMs – bestes Beispiel ist die VW-Gruppe mit der Car.Software Org (CSO) – jetzt nach dem besten Anbieter für eine bestimmte Technologie, der dann Tier-1 für das jeweilige Produkt wird. Das ist Priorität Nummer Eins.

Zu diesen Technologie-Lösungen können viele verschiedene Zulieferer einen Part beitragen, der von einem anderen Zulieferer produziert und wieder vom nächsten implementiert wird. Deshalb haben wir diesen neuen Partnern einen Namen gegeben – Cybertech Tier. Cyber ist alles, was miteinander verbunden ist. Tech steht natürlich für Technologie, zusammen ordnet es sich als neue Kategorie von Technologie-Zulieferern in die sich verändernde Wertschöpfungskette bei den Tier-1s und Tier-2s ein.

Welche Vorteile dienen den eher kleinen Cybertech Tiers als Eintrittskarte in der aktuellen Konsolidierungsphase mit Mega-Fusionen, OEM-übergreifenden IT-Partnerschaften und Halbleiter-Unternehmen als neue automobile Player?

Dionis Teshler: Bereits die Frage zeigt, dass es im Automobilsektor Partnerschaften braucht. Alleine geht es nicht, die OEMs müssen für das Connected Car ein Ökosystem erschaffen. Wir als GuardKnox arbeiten bereits mit NXP, Green Hills Software, Xilinx und vielen anderen Partnern zusammen. Diese Firmen sind Lieferanten von Kerntechnologien, die auch Teil unseres Angebotes sind.

Der Weg in die sich neu formende Lieferkette führt über die vertikale Integra­tion, welche die OEMs mit Organisationen wie der CSO oder mit Spin-offs wie dem
ZF Software Center bereits geschaffen haben. Cybertech Tiers streben einen Status als Lieferant für diese Entitäten der OEMs und auch Tier-1s an. Wenn es um SOA, einen Software-Stack oder eine Cybersecurity-Lösung geht, wird es zukünftig immer ein gemeinsames Lösungsangebot mehrerer Partner sein. Die wichtigste Änderung ist, dass wir nicht unbedingt die ECU produzieren, stattdessen stellen wir ein spezifisches Modul mit der bestmöglichen Technologie her. Das widerspricht der traditionellen Herangehensweise eines Tier-3- oder Tier-2-Zulieferers. Wir kooperieren direkt mit OEMs und Tier-1s – dazu sind die Softwarekomponenten viel zu wichtig im
modernen Auto. Cybertech Tier ist eher eine Frage der Positionierung und des Partnermanagements, wir haben uns das ja nicht ausgedacht. Es sind die OEMs, welche die Lieferkette verändern – das ist an der Art und Weise sichtbar, wie diese sich gerade (um-)strukturieren.

Tier1 Automotive Connected Car Entwicklung
© Guard Knox | Elektronik

Wie Cybertech Tiers an die automobile Lieferkette andocken wollen.

Die Vorteile einer Cybertech-Tier-Kooperation dürften für Tier-1s weit größer sein als für OEMs?

Dionis Teshler: Das würde ich so nicht ausdrücken. Ein Cybertech Tier muss mit beiden Partnern arbeiten, allerdings nicht zwingend traditionell hierarchisch. Der OEM muss sehen, wie er neue Technologien zulassen und integrieren kann, mit beiden Partnern ist eine direkte Zusammenarbeit wichtig. Heute arbeiten Cybertech Tiers hauptsächlich mit Tier-1-Kunden, das ändert sich aber bereits aufgrund von Organisationen wie der CSO stark. Die CSO ist selbst ein Integrator und eine Art Tier-1 geworden. Wenn sie also das Steuergerät integrieren, dann arbeiten wir dort direkt zusammen. Das ist nicht mehr klar voneinander getrennt. Es wird immer mehr zu einer Matrix zwischen den Partnern, um die jeweiligen Stärken zu maximieren und das beste Produkt für den OEM und den Autokäufer zu schaffen. UH

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Erstmals belastbare Zahlen zu Unfällen mit E-Scootern
TÜV-Unternehmen gründen KI-Entwicklungslabor
Vitesco macht seine Mitarbeiter fit für die Elektromobilität

Verwandte Artikel

WEKA FACHMEDIEN GmbH