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Trotz Israel-Palästina-Konflikt

Die Produktion bei Elektronikfirmen ging normal weiter

04. Juni 2021, 12:00 Uhr   |  Engelbert Hopf und Ralf Higgelke

Die Produktion bei Elektronikfirmen ging normal weiter
© Vishay, VisIC, Tadiran, TDK-Lamda

Zur Situation der Elektronikbranche in Israel während des jüngsten Nahost-Konflikts fragten wir (von oben links im Uhrzeigersinn): Dr. Gerald Paul (Vishay), Gergory Bunin (VisIC), Doron Peled (TDK-Lambda) und Marc Hennen (Tadiran Batteries).

Im Laufe des jüngsten bewaffneten Konflikts schoss die Hamas über 4300 Raketen aus dem Gaza-Streifen auf Israel ab. Dieses Mal waren auch Landesregionen betroffen, die bei früheren Auseinandersetzungen noch außerhalb der Reichweite lagen.

Auch Israels High-Tech-Industrie, die im Silicon Wadi rund um Tel Aviv ansässig ist, musste bei einem Beschuss dieser Dimension vor allem auf die Zuverlässigkeit des Raketenabwehrsystems Iron Dome vertrauen.

In der Küstenebene von Tel Aviv konzentriert sich die High-Tech-Industrie insbesondere in den Industriegebieten Ewer ha-Jarkon und Kirjat Atidim. So lagen Mitte Mai beispielsweise auch die Produktionsstätten von Intel, Micron und Hewlett-Packard in Kirjat Gat in Reichweite der Raketen.

Situation bei Vishay

Internationale Global Player wie Vishay nutzen Israel seit den 1980er-Jahren als Produktions- und Entwicklungsstandort. Allein Vishay unterhält in Israel vier Standorte in Beer Sheva, Dimona, Migdal Haemek und Petach Tikva. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen dort über 2500 Mitarbeiter.

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© Vishay

Dr. Gerald Paul, Vishay: »Die Mitarbeiter in unseren Werken wollten weiterarbeiten, sie hielten das Risiko für überschaubar. Hätte es tatsächlich einen Treffer gegeben, sähe die Lage möglicherweise anders aus.«

»In der Tat lagen zwei unserer drei Werke im Süden innerhalb der Reichweite der von Gaza kommenden Raketen«, blickt Dr. Gerald Paul, CEO und President von Vishay, auf die Ereignisse Mitte Mai zurück; »wie auch in ähnlichen Situationen früher ging die Produktion aber normal weiter«. Ein Umstand, den Dr. Paul mit der Haltung der israelischen Mitarbeiter begründet, »die Leute dort wollen das so, sie schätzen das Risiko als überschaubar ein«. Bei einem tatsächlichen Treffer, so seine Einschätzung, »sähe die Lage möglicherweise anders aus, echte Lieferprobleme würde ich aber auch dann nicht erwarten«. Größter Halbleiterhersteller in Israel ist Intel. Trotz Anfrage wollte sich das Unternehmen aber nicht zur möglichen Gefährdung durch den Raketenbeschuss und zu Auswirkungen auf den Produktionsprozess äußern.

VisIC
© VisIC

»Obwohl unser R&D-Center im Zentrum von Rehovot, also in Reichweite der Raketen lag, brachten die Mitarbeiter manchmal auch ihre Kinder mit ins Büro, weil wir dort einen Schutzraum haben«, erklärt Gregory Bunin, einer der beiden Gründer des Fabless-GaN-Spezialisten VisIC Technologies.

Situation bei VisIC

»Der Konflikt beeinträchtigte unser Geschäft nicht allzu sehr«, bestätigt auch Gregory Bunin, einer der beiden Gründer des Fabless-GaN-Spezialisten VisIC Technologies. Seine Erklärung dafür klingt einleuchtend: »Wir erleben eine ähnliche Situation regelmäßig alle zwei bis drei Jahre, und die gesamte Infrastruktur, wie etwa die Remote-Arbeit über Teams von Microsoft, funktioniert ziemlich gut. Iron Dome macht einen guten Job und fängt die Raketen ab.« Obwohl das R&D-Center von VisIC im Zentrum von Rehovot, also in Reichweite der Raketen lag, brachten die Mitarbeiter manchmal auch ihre Kinder mit ins Büro: »Wir haben einen Schutzraum im Büro und sie können sich hier sicher fühlen.« Einschränkungen hat Bunin nur durch die Einstellung des Flugverkehrs in Tel Aviv festgestellt, »es gab einige Verzögerungen bei der FedEx-Lieferung von Prototyp-Geräten für F&E«.

Situation bei Tadiran Batteries

Ebenfalls in der Umgebung von Tel Aviv angesiedelt ist der Lithium-Ionen-Batterie-Spezialist Tadiran Batteries. »Unsere Fabrik befindet sich etwa 45 Kilometer südlich von Tel Aviv, in Kiryat Ekron, das weit davon entfernt ist, ein strategisches Ziel zu sein«, berichtet Marc Henn, in Deutschland für Tadiran als Manager für Application Engineering und Sales zuständig. »Der Standort wurde vor mehr als 60 Jahren als sicheres Gebiet ausgewählt, und in dieser Zeit hat Tadiran während der Konflikte in Israel keine Kollateralschäden erlitten.« Henn freut sich darüber, »dass keiner unserer über 500 Mitarbeiter, die in den Fabriken arbeiten, irgendwelche Verletzungen erlitten hat«. Henn weist aber auch darauf hin, dass Mitarbeiter, die in den Städten Ashkelon und Ashdod wohnen, in den Nächten des Beschusses in Schutzräume umziehen mussten.

Situation bei TDK-Lambda

Weiter im Norden des Landes, in der Nähe der Grenze zum Libanon, gestaltete sich die Lage dieses Mal ruhiger. TDK-Lambda produziert in der Region dort Schaltnetzteile und Laborstromversorgungen. »Unsere Fabrik befindet sich in Karmiel, im Norden Israels«, so Doron Peled, General Manager TDK-Lambda Israel. »Damit liegt sie, soweit wir wissen und das bisher erfahren haben, nicht in der Reichweite der Hamas-Raketen«. Auch er betont, »dass während des elftätigen Konflikts wie gewohnt weiter gearbeitet wurde; aus diesem Grund gab es bislang auch keine Auswirkungen auf die Lieferkanäle oder die Exportkanäle«. 
 

Israels Bedeutung als Wirtschaftsstandort

Eine extrem wichtige Rolle für die High-Tech-Branche in Israel spielen Startups. In diesem Punkt ist das kleine Israel Großmacht. Im Oktober 2018 wies die IVC-Datenbank, eine Marktforschungsfirma für den Wagniskapitalmarkt, knapp 7400 Startups auf. Allein 1300 Startups beschäftigen sich mit Telekommunikationsthemen, über 1700 mit Informationstechnologie und Software, über 1560 mit Internetthemen, und über 1400 sind im Bereich Biowissenschaften tätig. In Summe beschäftigen sich aber auch 115 Startups mit Halbleiterthemen.

Und die Bedeutung des High-Tech-Landes Israel für Deutschland? Zwar hatten Ende 2019 fast zwei Drittel aller ausländischen in Israel tätigen High-Tech-Unternehmen US-amerikanische Wurzeln, doch mit 24 Unternehmen und einem Anteil von 7 Prozent lag Deutschland vor Großbritannien, China und Japan auf Rang 2. Die Exporte der deutschen Elektronikindustrie nach Israel hatten nach Angaben des ZVEI im Vorjahr einen Wert von 1,1 Milliarden Euro. Der Wert der Elektroimporte nach Deutschland bewegte sich laut ZVEI 2020 bei einem Volumen von 470 Millionen Euro.

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Vishay Electronic GmbH, ZVEI Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie e.V., TDK-LAMBDA Germany GmbH, Tadiran Batteries GmbH