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Interview mit Lee Morgan, Tektronix

Fleißig, still und leise

Im Gespräch mit Lee Morgan.
Im Gespräch mit Lee Morgan: Wie erweitert Tektronix sein Mid-Range-Portfolio? Und welche Messtechnik-Tools benötigen Elektronikentwickler im Homeoffice?
© luchschenF | stock.adobe.com | Tektronix

Um Tektronix ist es ungewöhnlich ruhig. Selbst beim Aushängeschild, den Mid-Range-Oszilloskopen, wartet man auf Erweiterungen – doch die sind längst da, verrät Lee Morgan. Fleißig, still und leise werden alle drei Monate neue Funktionen per Firmware-Update verfügbar.

Tektronix ist einer der größten Oszilloskophersteller der Welt. Das Benchtop-Sortiment (Tischgeräte) reicht von der Einstiegsklasse mit 50 MHz Bandbreite und 2 Messkanälen bis zur Oberklasse mit 70 GHz und 8 Messkanälen. Hinzu kommen Oszilloskope im kompakteren 3U-Gehäuse ohne Display, die mit ATI-Technik (Asynchronous Time Interleaving) ebenfalls Bandbreiten bis 70 GHz erreichen.

Bei Oszilloskopen aus der Mittelklasse sieht sich Tektronix als Technologieführer. »Mit unserem Mid-Range-Portfolio setzen wir ein klares Zeichen«, sagte Maria Heriz, Commercial Vice Presidnet EMEA, im Sommer 2019. »Damit sind wir an der Spitze des Marktes«. Unter Mid-Range versteht Tektronix Oszilloskope mit Bandbreite von ca. 200 MHz bis 10 GHz und Abtastrate von 2,5 GS/s bis 50 GS/s. Preislich bewegt man sich hier zwischen Listenpreisen von 3.500 € bis 24.000 €. Aber gerade hier gab es seit der Einführung der Mixed-Domain-Oszilloskope (MDO) Serie 3 und der Mixed-Signal-Oszilloskope (MSO) Serie 4 vor rund 18 Monaten wenig Bewegung.

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Lee Morgan ist Senior Technical Marketing Manager EMEA für Oszilloskope bei Tektronix.
»Rein vom Funktionsumfang betrachtet, bringen wir mit jedem dieser Updates fast ein neues Oszilloskop heraus.« Lee Morgan ist Senior Technical Marketing Manager EMEA für Oszilloskope bei Tektronix.
© M. Haller | Elektronik

Herr Morgan, woran liegt das?

Ja, die Einführung der MDO-3- und MSO-4-Serien liegt, zumindest gefühlt, schon eine ganze Weile zurück. Aber man darf die Einführung der MSO-6B-Geräte vor weniger als einem Jahr nicht vergessen. Das B sagt zwar aus, dass es sich um eine Weiterentwicklung der MSO Serie 6 handelt, die sollte man aber nicht unterschätzen.

Es gibt nun maximal acht statt sechs Messkanäle und 10 GHz Bandbreite statt 8 GHz.

Aber nicht nur. Es gibt noch zwei große Erweiterungen. Viele Kunden haben uns nach acht Messkanälen gefragt, von denen aber mindestens einer, oder besser gleich zwei, eine deutlich höhere Abtastrate haben sollten. Dafür haben wir einen Interleaved-Modus integriert, sodass bei der Messung mit einem oder zwei Messkanälen mit 50 GS/s extrem schnell abgetastet werden kann. Die zweite Änderung ist, dass alle Daten auf einer herausnehmbaren Festplatte gespeichert werden. Muss das Gerät zur routinemäßigen Kalibrierung eingeschickt werden, können alle sensiblen Daten vorher entnommen werden. Die Funktion wurde häufig nachgefragt, weil Testdaten immer sensibler gehandhabt werden.

MSO Serie 6B mit 8 Messkanälen.
MSO Serie 6B mit 8 Messkanälen. Es arbeitet mit einem Interleaved-Modus, mit dem max. 50 GS/s erreicht werden.
© Tektronix

Beim MSO 6B spielen Software-Updates eine große Rolle – was bedeutet das konkret?

Es sind erweiterte Firmware-Updates, die wir alle drei Monate herausbringen. Sie gehen über die üblichen Bugfixes und inkrementellen Verbesserungen hinaus. Mit dem letzten Update im Februar 2021 kamen 8 neue Oszilloskop-Funktionen hinzu. Rein vom Funktionsumfang betrachtet, bringen wir mit jedem dieser Updates fast ein neues Oszilloskop heraus. Es sieht nach außen vielleicht anders aus, aber gerade in unserem Mid-Range-Portfolio gibt es in letzter Zeit sehr viele Weiterentwicklungen, nur laufen die mittlerweile auf Software-Ebene ab. Und weil man es noch nicht gewohnt ist, diese Ebene ähnlich gut zu präsentieren wie ein neues Hardware-Oszilloskop, erfährt man hier weniger Aufmerksamkeit.

Gratis-Funktionserweiterungen sind ungewöhnlich. Über was für Funktionen sprechen wir?

Nicht alle neuen Funktionen sind gratis, aber die meisten schon. Dazu gehört zum Beispiel eine Autofit-Funktion für Augenmasken oder ein Burst-Modus für Geräte mit integriertem Funktionsgenerator. Nicht gratis, aber mit dem Update neu verfügbar, sind Optionen für einen MIPI-D-PHY Konformitätstest und Dekodierfunktionen für MIPI C-PHY, SDLC und 1-Wire.

Eine weitere große Neuerung sind mietbare Software-Pakete. Viele unserer Kunden arbeiten projektbasiert und wissen nicht, welche Messfunktionen, Konformitätstests und Protokolldekodierung sie in einem Jahr oder sogar in den nächsten sechs Monaten benötigen. Wir bieten deshalb anwendungsorientierte Software-Pakete an, die man entweder über die Lebenszeit des Oszilloskops kaufen oder zu einem reduzierten Preis für 12 Monate mieten kann. Wir haben sechs verschiedene Pakete zusammengestellt, mit denen die typischen Anforderungen in diesem Anwendungsbereich abdecken lassen: Aerospace, Automotive, Power, Serielle Protokolldekodierung, Signal-Integrity und Standard-Konformitätstest für die gängigen seriellen Standards. Verglichen mit dem früheren Kaufmodell decken wir damit den Bedarf von Entwicklern deutlich besser ab, die auf Projektbasis arbeiten.

Der Hauptsitz von Tektronix liegt in der Stadt Beaverton im US-Bundesstaat Oregon.
Der Hauptsitz von Tektronix liegt in der Stadt Beaverton im US-Bundesstaat Oregon.
© Tektronix

Aktuell befinden sich so viele Arbeitnehmer im Homeoffice wie nie. Wie hat sich der Messtechnik-Bedarf bei Entwicklern dadurch verändert?

Auch in der Elektronikentwicklung ist man bemüht, die Laborzeit zu reduzieren. Im Bedarf schlägt sich das in einer erhöhten Nachfrage für Software-Tools nieder, die eine Offline-Analyse der Messdaten von zu Hause ermöglichen und Fernzugriff auf den Messplatz erlauben. Der Entwickler muss dann zum Beispiel nur ein oder zwei Mal pro Woche ins Labor und kann den Rest der Arbeit in sein heimisches Arbeitszimmer verlagern. Diese Tools haben wir nicht erst seit Corona entwickelt. Ein Beispiel ist »TekScope«. Es ist eine Oszilloskop-Analysesoftware für Windows-PCs, mit der sich außerdem ein Fernzugriff zu einem Oszilloskop herstellen lässt. Die Benutzeroberfläche ist die gleiche wie auf den MSO Serie 4, 5 und 6. Man muss sich also nicht umgewöhnen.

Wir nutzen die Software auch intern, um während der Pandemie neue technische Vertriebsmitarbeiter oder FAEs an den Geräten zu schulen und Kunden schnell in einer Videokonferenz zu zeigen, wie man z.B. mit einem MSO 6B tiefgehende Signalanalyse durchführt. Die Analysesoftware lässt sich auch mit vielen älteren und Einstiegs-Oszilloskopen nutzen, um über den PC erweiterte Analysefunktionen bereitzustellen, die in diesen Geräten nicht integriert sind. Ein Beispiel sind Dekodierfunktionen für serielle Schnittstellen.

Bis zu welchem Gerätealter reicht die Kompatibilität?

Das wissen wir noch nicht genau, eventuell sogar bis zu 10 Jahren. Wir testen TekScope gerade mit den älteren Modellen. Relevant sind aber auch die neueren Einstiegsmodelle, weil sie natürlich in höherer Stückzahl verkauft werden und wir so vielen Kunden eine einfache Erweiterung der Analysefunktion anbieten können.

Lee Morgan ist Senior Technical Marketing Manager EMEA bei Tektronix.
Lee Morgan ist Senior Technical Marketing Manager EMEA bei Tektronix. Im Geschäftsbereich »Time Domain« betreut er die Mixed-Signal-Oszilloskope (MSO) und die Mixed-Domain-Oszilloskope (MDO) mit den Anwendungsschwerpunkten Embedded, Automotive und Power. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Messtechnik und kam im Jahr 2016 zu Tektronix.
© Tektronix

Embedded-Entwickler integrieren häufig Funkschnittstellen. Reicht dafür die standardmäßig integrierte FFT-Funktion noch aus oder wird der Spektrumanalysator bald zum Standardgerät?

Eine FFT-Funktion hat natürlich ihre Grenzen beim Dynamikbereich und vielleicht auch bei der Rechengeschwindigkeit. Unsere Erfahrung ist aber, dass viele Embedded-Entwickler hauptsächlich mit Analogsignalen arbeiten und im Amplituden-Zeit-Bereich messen. Der Amplituden-Frequenz-Bereich wird noch sehr selten benötigt und rechtfertigt meistens nicht die Anschaffung eines extra Spektrumanalysators. Man muss auch bedenken, dass es neben den Anschaffungskosten für den Entwickler bedeutet, dass er ein Gerät mehr auf dem Arbeitsplatz unterbringen und sich in eine neue Benutzeroberfläche eingewöhnen muss. Eine Option ist ein Oszilloskop mit integriertem Spektrumanalysator. Die Anschaffungskosten sind geringer, die Benutzeroberfläche ist gleich und es lassen sich über einen Digital Downconverter Zeitbereich und Frequenzbereich parallel anzeigen, sodass der Anwender sie miteinander in Bezug setzen kann. Für die EMV-Analyse von Embedded-Systemen hat sich diese Funktion als sehr zeitsparend und nützlich erwiesen. Spektrumanalysatoren werden sicherlich wichtiger werden, aber es muss nicht unbedingt gleich ein neues Tischgerät sein.


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